Kochbuch: Zu Gast bei May Vervoordt

Kochbuch: Zu Gast bei May Vervoordt ★★★☆☆

Zu Gast bei May Vervoordt
May Vervoordt, Jacoby & Stuart (2012)
Mehr über den Kochbuch-Verlag

Simone Brokmeier

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Rezeptmenagerie von Madame

Haben Sie ein Schloss mit Garten? Einen Gemüsegarten? Oder zumindest ein Öko-Kisten-Abo? Das sollten Sie nämlich, wenn Sie Freude an Zu Gast bei May Vervoordt haben wollen. Die belgische Unternehmerin hat für dieses Buch ihr Schloss und Rezeptbuch geöffnet und stellt uns ihre Gemüse-betonten Kreationen vor, in deren Genuss sonst die zahlreichen, illustren Gäste des familieneigenen Kunst-und Antiquitätenhandels kommen. Klingt zunächst spannend.

Aber als ich das wunderschön und opulent bebilderte Buch dann näher studierte, spürte ich irgendwie wenig Lust etwas auszuprobieren. Lag es an der betonten Inszenierung der manchmal simplen Gerichte auf edelstem Geschirr im prächtigen Interieur des Schlosses? An der Selbstdarstellung der ganzen Familie in den begleitenden Texten? Oder weil die Gerichte bei näherer Betrachtung ein wenig eintönig sind?

Von allem etwas, für mich ist das ganze Konzept nicht ganz stimmig. Da kocht Madame (mit Hilfe ihres Kochs Patrick Vermeulen) für Mitarbeiter, für 100 Gäste oder für ihre Familie Gemüsecurries, Suppen und Salate, dazwischen eine Quiche, etwas Kompott. Fisch und Fleisch spielen in den nach Jahreszeiten geordneten Kapiteln eine deutlich untergeordnete Rolle, lediglich im Winter stehen sie häufiger auf dem Speiseplan. Auch auf Mehl, Molkereiprodukte und Zucker wird fast komplett verzichtet. Da bedarf es aber raffinierter Kompositionen um ausgewogen zu sein, damit köstliches Gemüse nicht zum kargen Mahl wird. Ob sich Donna Leon tatsächlich über eine Brokkoli-Lauch-Suppe freut und Dries van Noten Spaß an Rettichsalat mit Sellerie und weißen Rübchen hat? Die von allerlei Prominenten verfassten Kommentare lassen darauf schließen. Ich finde diese veröffentlichte Lobhudelei zu dick aufgetragen. Gediegenes Understatement wäre da sympathischer. Gute Rezepte können zudem für sich selber stehen.

In den Bild-Kommentaren fließen kleine Hinweise zum gesundheitlichen Aspekt der einzelnen Zutaten ein, sei es dass Bulgur weniger Stärke enthält als Reis und Kartoffeln oder dass Weißkohl mit seinen Vitaminen sogar Kopfschmerzen reduzieren könne. Genauso plaudert die Autorin aber auch über den kosmopolitischen Stil des Hauses, über ihre Sammel-Leidenschaft von Holzlöffeln und Körben, über Blumenschmuck, Events in Venedig oder welches Gericht auf welchem Geschirr am besten zur Geltung komme. Healthfood meets high society. Ungewöhnlich! Aber überzeugend?

Immer wieder taucht beispielsweise die Zubereitung auf ayurvedische Art (also mit vielen indischen Gewürzen) auf, egal ob Quinoa, Fisch oder Linsen. Die Desserts sind meist einfache Fruchtkompotte mit Gewürzen. Auf Dauer ein bisschen eintönig. Keine Kombination, die mich sofort betört oder Begeisterungsstürme entfacht – sei es beim Lesen oder dem Genuss der Speisen. Und wenn dann die schlichten Gerichte pompös im Schloss auf riesigen Tafeln angerichtet werden, wirkt das auf mich mehr befremdlich als animierend. Dass gegrillte Süßkartoffeln geschmort und gegrillte Auberginen gekocht werden, ist nachlässig (übersetzt?), dennoch ärgerlich.

So will sich der Kochspaß nicht recht einstellen, auch wenn die Aufnahmen mit Stillleben von allerlei Gemüse oder Alleen im Park ästhetisch sehr ansprechend sind. Immer wieder blätterte ich das Buch durch, überflog die Rezepte und legte es doch wieder weg weil mir nicht nach Apfel-Spinatsaft mit Minze und Ingwer und auch nicht nach Steckrüben-Tartelett mit Humus und Waldpilzen war. Dann endlich ein echtes Highlight! Zu dritt bereiteten wir die Hühnerbrust in Sesamhülle und dazu den Salat mit Auberginen vor. Endlich ein Wow-Effekt: die knusprige Panade überzeugte durch ein Aromenspektrum von Asien (Sesam und Koriander) bis Italien (Parmesan), der Salat eine köstliche Melange aus in Sojasauce geschmorten Auberginen mit – einem Tsatsiki nicht unähnlichem – Gurkendressing. Das hat Klasse und Drive, das macht Spaß, trotz des nicht unerheblichen Aufwands.

Zu bewältigen sind die Gerichte auch für Kocheinsteiger, alles wird genau erklärt, es gibt keine komplizierten Zubereitungen, das Gewürzregal sollte allerdings gut gefüllt sein. Koriander, Kurkuma und Ingwer sind ein Muss, Reissirup, Kaffir-Limonenblätter und Arganöl machen die Sache ein klein wenig komplizierter – aber in der Summe dennoch nicht immer überzeugend.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Oktober 2012

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