Messe: Buch trifft Blog auf der Frankfurter Buchmesse 2011

Messe: Buch trifft Blog auf der Frankfurter Buchmesse 2011

Am Freitag, 17.30 fand auf der Gourmet Gallery der Frankfurter Buchmesse die Diskussion Buch trifft Blog statt. Maren Ongsiek, Mitarbeiterin der Messe, hatte die Runde initiiert. Vielen Dank dafür. Dabei waren Astrid Paul (Arthurs Tochter kocht), ich, Anne Klein (Wolkenfees Küchenwerkstatt), Katharina Seiser (esskultur.at), Almuth Sieben (Kosmos Verlag) und Moderator Holger Ehling (Foto oben, v.l.n.r.).

Ich war gespannt auf die Fragen von Herr Ehling. Erwartet hatte ich die Klassikerfrage schlechthin, wie wir sie von der Sportschau kennen. Die Frage an den glücklichen Torschützen, nur angepasst auf den glücklichen Blogger: „Was war das für ein GEFÜHL, als ihr erster Post online ging?“ Die kam aber nicht. Sondern ganz andere. Für alle, die nicht da waren, hier die wichtigsten Fragen mit meinen Antworten, frei aus der Erinnerung, ergänzt um Details, die ich in der Aufregung ausgelassen habe.

Bitte stellen Sie uns Valentinas-Kochbuch.de vor!
Auf Valentinas-Kochbuch.de werden Kochbücher rezensiert. Der Clou daran ist: Wir kochen erst daraus. Für die Rezensionen scheuen wir keinen Aufwand. Es gibt zwei Formate: Die Kochbuchtests und die klassischen Rezensionen. Bei ersteren erhalten drei Leserinnen jeweils ein Exemplar, kochen mindestens drei Rezepte nach und beantworten vier Fragen zum Buch. (Hier ein Beispiel.) Für die klassischen Rezension kocht ein Rezensent mindestens fünf Rezepte nach und verfasst eine Rezension.
Insgesamt schreiben nun zehn Rezensenten dauerhaft für Valentinas. Jede Rezension und jeder Kochbuchtest gehen mit drei Originalrezepten online, für deren Veröffentlichung ich die Rechte bei den Verlagen einhole und die wir empfehlenswert finden. Valentinas lebt von der Vielfalt der Stimmen. Ich bin den sorgfältigen Rezensenten und Testern für ihre Arbeit sehr dankbar.

Ersetzen Foodblogs in Zukunft Kochbücher?
Auf keinen Fall. Foodblogs und Kochbücher bedienen ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Foodblogs sind persönlich, unterhaltend, im besten Fall eine Never-Ending-Story. Wir schauen dem Blogger in der Küche über die Schulter und können ihn ansprechen. Kochbücher sind ein geschlossener Kosmos. Sie sind (noch) haptisch und erzählen eine kulinarische Geschichte in Rezepten. Für diese These sprechen übrigens auch die Umsatzzahlen, denn Kochbücher verkaufen sich weiter gut.

Wie objektiv sind die Kochbuch-Rezensionen auf Valentinas-Kochbuch.de?
Unsere Rezensionen sind nicht objektiv. Rezensionen sind in erster Linie subjektiv, versehen um objektive Sprengsel, die sich Richtigkeit und weiteren formalen Kriterien widmen (Rechtschreibung, Plausibilität der Mengenangaben usw.). Das gilt für jede Art von Rezension – unabhängig vom Verfasser und seiner Bekanntheit. Wir machen das deutlich, indem wir die Rezensionen in Ich-Form verfassen.
Manche sehen in Subjektivität eine Schwäche. Ich nicht. Sie ist die interessanteste Art und Weise, sich mit Dingen auseinanderzusetzen und zutiefst menschlich. Für mich wird die Qualität einer Rezension bestimmt durch die Nachvollziehbarkeit der Argumente und den Unterhaltungswert.

Wie unabhängig sind die Rezensionen auf Valentinas-Kochbuch.de?
Auf uns als Rezensenten nahm und nimmt kein Verlag Einfluss. Dafür sorgt auch die Arbeitsstruktur. Die Rezensenten und Testerinnen haben keinen Kontakt mit den Verlagen, sondern nur ich (Ausnahme: die GB-/USA-Verlage). So entsteht nicht das Gefühl, zu etwas verpflichtet zu sein. Ich selber nehme wiederum keinen Einfluss auf die Rezensenten/Testerinnen. Wenn ich als Editor Nachbesserungswünsche habe, dann betreffen sie die Länge der Rezensionen (häufiger) oder die Beschreibung des Buchcharakters oder wenn ich einen Gedanken nicht verstanden habe. Das Gleiche gilt für meine Zusammenarbeit mit den Testern.
Ich selber wiederum rezensiere keine Bücher von Autoren oder Fotografen, die ich persönlich kenne. Bei Valentinas-Kochbuch.de gibt es keine Gefälligkeitsrezensionen.
Das Gute bei einem Online-Medium wie Valentinas-Kochbuch.de ist zudem, dass die Leser jederzeit unsere Rezensionen kommentieren können. Wenn sie anderer Meinung sind oder gar denken, hier stimmt ja gar nichts, können sie das schreiben. Das hat in jeder Weise erzieherische Wirkung, den ich auch anderen Medien wünschen würde.

Ich glaube übrigens, dass die Regeln im Internet viel strenger sind als bei den klassischen Medien. Wer sich nicht an die Trennung von Werbung und redaktionellem Text hält, wird im besten Fall von Lesern gestraft, die nicht wiederkommen, oder kriegt im schlimmsten Fall einen Shitstorm ab – und das war es dann. Die Frage nach der redaktionellen Unabhängigkeit wird bei den Blogs immer wieder gestellt. Das ist gut. Jeder Blogger muss sich da eine Meinung erarbeiten. Ich würde mir aber dringlich wünschen, dass diese Frage auch den klassischen Medien gestellt wird. Eine personelle Trennung von Anzeigengeschäft und Redaktion, wie es in Verlagen üblich ist, bedeutet nicht, dass diese Trennung sich auch beim Content fortsetzt. Also, nicht nur uns Blogger das fragen, auch mal die Kollegen aus den Zeitschriftenverlagen.

Wie gehen die Verlage mit Ihren Rezensionen um?
Alle Verlage sind bisher sportlich bis konstruktiv mit unseren Rezensionen umgegangen. Manche finden sie sogar äußerst hilfreich, um ihre Bücher noch besser zu machen.

Wie halten Sie es mit Rezensionsexemplaren?
Für die Rezensionen und Kochbuchtests erhalten wir Rezensionsexemplare. Wäre das nicht der Fall, würde Valentinas-Kochbuch.de nicht möglich sein, da im Monat ca. 10 Rezensionen/Kochbuchtests veröffentlicht werden. Die Tatsache, dass wir mit Freiexemplaren arbeiten, hat keine Auswirkung auf unser Urteil. Der Beweis sind die negativen Rezensionen, die es eben leider auch gibt. Unsere Rezensionen sind zeitlich (3-5 Rezepte kochen + verfassen) und finanziell (3-5 Rezepte kochen) so aufwendig, dass sie den Preis für ein Buch bei weitem übersteigen.

Das Thema Rezensionsexemplare hat übrigens auch eine andere Seite. Auch wenn ich selber Nutznießerin dieses Privilegs bin, möchte ich für Verständnis für die Situation der Verlage und ihre Reaktion auf Anfragen wecken; ich habe es nun häufiger gehört. Die Verlage werden inzwischen überschwemmt mit Anfragen nach Freiexemplaren, was ihr Budget, manchmal sogar ihre Auflage übersteigt. Für sie ist die Auswahl, welche Foodblogger bedient werden, nicht leicht.

Was tun Sie dafür, dass Sie keine Schnellsschuss-Rezensionen veröffentlichen?
Na, wir geben uns viel Mühe. Die Rezensenten haben bis zu 2 Monaten Zeit für das Nachkochen und Schreiben. Die Kochbuchtester meist ca. 6 Wochen. Alle rezensieren Bücher, auf die sie Lust haben – ein wichtige Grundvoraussetzung, damit erstmal eine positive Grundhaltung zum Buch da ist. Bei den klassischen Rezensionen habe ich eine Textstruktur entwickelt, die wir alle berücksichtigen: Beschreibung des Buches, unser Nachkocherlebnis und unsere Meinung. Es kommt uns nicht nur auf die Frage an, ob das Buch gut oder schlecht ist, sondern was wir entdecken, wenn wir es mit in die Küche nehmen, und die kulinarische Idee des Autors.

Wie verdienen Sie Geld mit Valentinas-Kochbuch.de?
Valentinas-Kochbuch.de nimmt am Partnerprogramm von Amazon teil. Klickt der Leser einen Amazon-Button und kauft das Buch bei Amazon, werde ich am Verkauf der Bücher mit ca. 5 % beteiligt. Das freut mich, denn Valentinas-Kochbuch.de ist wie eine Kochbuchhandlung. Wir beraten mit unseren Rezensionen, auch wenn der Leser erstmal mit einem Rezept nach Hause geht.

Auf Valentinas-Kochbuch.de gibt es auch Anzeigen, die in der Sidebar rechts erscheinen. Die Anzeigenkunden sind keine Kochbuchverlage. Ich möchte mit Valentinas-Kochbuch.de Geld verdienen, wenn dabei die redaktionelle Unabhängigkeit nicht berührt und das Lesevergnügen nicht gestört werden. Ich finde, gute Arbeit verdient finanzielles Honorar. Noch ist das übersichtlich, noch sind Zeiteinsatz und Einnahmen nicht in Balance. Ich arbeite daran, dass das stimmiger wird.

Ich würde mich freuen, wenn Foodblogger als Quereinsteiger ihren Platz im Sinne eines Geschäftsmodells finden im kulinarischen Zirkus. Sei es als Kochbuchautoren (siehe Nicole Stich und bald weitere), sei es als Kochbuch-Kolumnistin (hier führe ich z. Zt. erste Gespräche, wünscht mir Glück) oder als professionelle Gastgeberin etc. Die bei uns vorhandene Leidenschaft, Know-How und Beharrlichkeit sollten Grund genug sein.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir mehr Kochbücher von Foodbloggern. Ich wünsche mir Kochbuch-Unikate, die mutig und konsequent sind. Ich wünsche mir Kochbücher, die sich nicht nur den Sterne-Köchen widmen, sondern auch kleineren Restaurants & Bistros, die eine eigene Idee verwirklicht haben und zuhause nachkochbar sind.

ENDE

Es gäbe sicherlich noch viel mehr zu erzählen. Ich sehe die Diskussionsrunde „Buch trifft Blog“ als Auftakt für die Foodblogger. Für die, die nah am Foodblog-Geschehen sind, waren die Fragen vielleicht nichts Neues. Aber sie waren wichtig für alle, denen es fremd ist. Das sind eine ganze Menge. Ich teile die Meinung von Guenter Dueck, der sinngemäß gesagt hat: „Fangt nicht mit dem Web 3.0 an, nehmt erstmal die anderen Leute mit.“

Veröffentlicht im Oktober 2011

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16 Kommentare

  1. Arthurs Tochter kocht

    Unter uns gesagt, hätte die Runde schon noch etwas Diversität verdient gehabt. Aber auch ich sehe es als Anfang, und der ist jetzt gemacht. Freuen wir uns also auf Leipzig! 🙂

  2. Katharina

    Ja, da schließe ich mich an. Das wissen aber auch die Verlage zu schätzen. Da ist zum Teil viel Offenheit, aber es ist eben eben auch ein Medium mehr, das betreut werden muss. Und ich bin immer wieder überrascht, wie die Presseabteilung personell ausgestattet sind. Da ist sehr knapp. – Und vielen Dank für das Kompliment.

  3. Michael

    Ich schätze eure Kochbuchrezessionen sehr und dementsprechend bin ich Fan eurer Seite. Wie wahrscheinlich alle, die gerne kochen.
    Meiner Meinung nach sind die Kritiken wie die eure oder die von Foodbloggern sehr seriös, weil es einfach auf Alltag, will heißen auf Normalküchentauglichkeit getestet wird. Insofern bin ich mir sicher, dass z.B. der Yotam Ottelenghi mit Sicherheit euch und den Foodbloggern erhöte Verkaufszaheln verdankt.

  4. Thea

    Liebe Katharina, das nenne ich ‘mal sympathisch transparent, vor allem wo es ums Geld geht. Und die Werbung auf Deiner Seite nervt mich – im Gegensatz zu manch anderem Foodblog – nicht, da sie, wohl ganz Deinem Naturell entsprechend, äußerst dezent ist. Danke für den “fair(en) report”.

  5. bushcook

    Liebe Katharina,
    vielen Dank für die informative Zusammenfassung. Mir tut es wirklich so leid, daß es bei mir nicht geklappt hat. Ich hätte sehr großes Interesse an dieser Veranstaltung gehabt.
    Deine Gedanken und Visionen jetzt einmal so komprimiert zu lesen war für mich sehr interessant. Ich teile Deine Meinung in vielen Dingen. Qualität sollte sich durchsetzen und auch entsprechend honoriert oder anerkannt werden.
    Ich hätte Dich auch sehr, sehr gerne persönlich kennengelernt. Vielleicht ein anderes Mal….
    Falls mal München in Deinen Reiseplänen auftaucht, bitte melde Dich :-).

    • Katharina

      Herzlichen Dank, das mache ich, die Freude wäre ganz bei mir. Es wird mit München zwar einen Moment dauern, denn ich war erst vor zehn Tagen zu Besuch bei meiner liebsten Freundin, aber es wird klappen. Freut mich sehr, das das interessant war. Eigentlich hatte ich es gar nicht vor, aber dann dachte ich, ja, das werden die Fragen sein, die manchen – wie eben auch dem Moderator Herr Ehling – ganz spontan auf der Zunge liegen. Und da wir uns im Netz bewegen, wo alles ein wenig transparenter ist, sollte es allen zugänglich sein, die sich dafür interessieren.

  6. Claudia

    Als ich finde die Frage: “Verdrängen Foodblogs Kochbücher” als Killer-Frage. Der Kelch ging neulich an mir auch nicht vorbei beim NDR-Interview. Als gäbe es keine friedliche Ko-Existenz …

    • Katharina

      Ja, aber sie wird noch einige Zeit weiterleben. Die Zahlen werde ich das nächste Mal in der Hosentasche haben. Der beste Beweis.

  7. Ulrike

    Schade, dass ich das verpasst habe, aber vielleicht nächstes Jahr …

    • Katharina

      Das wäre schön. Es war auch ein netter Treffpunkt. Nächstes Jahr werde ich es auch früher ankündigen.

  8. 3punktf

    Dein Wunsch in die Zukunft gefällt mir.
    Konsequente Bloggerkochbücher – das ist super.

  9. Carlo

    Mensch, Katharina, du bist aber fleissig… Meine Bewunderung hast du, uneingeschränkt 😉

  10. Anne

    Applaus!!! Das hast du prima auf den Punkt gebracht. Ich sehe diese Veranstaltung auch als einen Anfang und einen super gelungenen Einstieg, um den Menschen/potentiellen Lesern und auch den Verlagen/Kochbüchern die Welt der Foodblogger näher zu bringen. Ich freue mich, dass ich dich kennenlernen durfte. Du bist eine ganz Liebe. GGLG Anne

  11. Manuela

    Toll!! Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt, aber sicher nur Gutes ;))

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