Über Ulrich Klever: Ein vergessenes Genie der Kulinaristik

Über Ulrich Klever: Ein vergessenes Genie der Kulinaristik

Olaf PlotkeVon Olaf Plotke

In den 70er Jahren waren die Beatles schon Geschichte, in Bonn regierte eine Koalition aus SPD und FDP und die Urlaubsreisen hielt Papa mit einer Super 8-Kamera auf Filmen fest, die gerade mal 3 Minuten lang waren. Die Mattscheibe war damals bei den meisten Zuschauern noch schwarz-weiß und nach der Nationalhymne um 0 Uhr kamen Hinweistafeln auf das Programm des neuen Tages.

Zu dieser Zeit brutzelte im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) in der Sendung Drehscheibe ein Mann namens Ulrich Klever.

Er war die Kapazität der deutschen Kulinaristik: Journalist (u. a. Stern) und Chefredakteur von Praline und Annabelle. Dort ließ er mit Vorliebe Rezepte abdrucken, die er am heimischen Herd selbst entwickelt hatte. Seine kulinarische Erfahrung machte ihn auch zum Autoren von mehr als 40 erfolgreichen Koch- und Trinkbücher (u. a. Gräfe und Unzer). Viele davon wurden in andere Sprachen übersetzt. Er erhielt dafür 8 Silber- und 2 Goldmedaillen der Gastronomischen Akademie Deutschlands.

Klever war eines der Genies der Kulinaristik: Denn er kochte nicht nur populär und fachmännisch, sondern er war außerdem ein brillanter Schriftsteller. Seine Bücher zeichnen sich allesamt durch intelligente Konzeptionen aus. Selbst für den, der sich überhaupt nicht für das Kochen interessierte, war das Lesen ein großer Spaß. Seine spitze Feder schrieb in der Tradition von Kurt Tucholsky und Joseph Roth: „Der deutsche Fresskritiker, dem der Weg in die Tageszeitungen noch immer weitgehend verbaut ist, bedient entweder ein beflissenes, wenn auch ignorantes Bürger- und Schikeriapublikum mit wenigen Kernsätzen, die sich leicht merken und mühelos in jede Unterhaltung einbringen lassen. (…) Oder er schreibt für die Hochgestochnen mit jener Mischung von Snobismus und Arroganz, die herausfordert: zu wütenden Leserbriefen, genüsslicher Anerkennung oder schallendem Gelächter.“ (Mit Leib und Seele, Moewig Verlag, 1980).

Nach über 10 Jahren als Vorkocher der Nation hatte Ulrich Klever das, was man damals einen „Fresskopf“ nannte – er war dick geworden. So kompromisslos wie er bereits zuvor für den Genuss eingetreten war, so unbarmherzig ging er nun mit sich selbst ins Gericht. Er entwickelte seine eigene Diät, nahm damit in einem Jahr 25 Kilo ab und hielt sein Gewicht. Asket oder Körnerfresser wurde er deshalb trotzdem nicht. Er blieb, was er immer war, ein Genussmensch „Ich finde es sogar wichtig, dass man gerne isst. Denn dann wird man mit aller Raffinesse versuchen beides zu kombinieren: die Befriedigung der oralen Lust – wie die Psychologen so fein das Schlemmen nennen – und das Abnehmen (aus Alles, was schlank macht, Gräfe und Unzer, 1971).

In diesem und seinen anderen Diät-Büchern nahm Klever auch wieder kein Blatt vor den Mund. Er schrieb nicht „social correct“, sondern nannte die Dinge beim Namen. Die deutsche Gesellschaft beschrieb er als „dick, faul und gefrässig“ (Alles, was schlank macht). Er gab seinen Büchern Kapitel mit Überschriften wie „Von den Märchen, die sich die Dicken erzählen“, „Lauter dicke Ausreden“ oder „Warum wir immer fetter werden“. Klevers Humor macht eben auch ein Thema wie Abnehmen zu einem literarischen Genuss: „´Liebe geht durch den Magen´, sagen die Frauen und füttern die Männer krank. Aus Rache haben die Männer die verschiedensten Wunderkuren erfunden, mit denen die Frauen versuchen, sich schlank zu machen, wobei sich schlank auf krank nicht ganz ohne Grund reimt.“ („Alles, was schlank macht“).

Er war Zeit seines Schriftsteller-Lebens ein kritischer, manchmal auch böser Autor. Aber egal, was er schrieb – er war immer ehrlich, auch dann, wenn es dem Leser weh tat. Für mich ist Ulrich Klever eines der großen Autoren-Vorbilder. Für meine beiden bisher erschienen kulinarischen Bücher (Kulinarischer Dialog, Teller-Gerichte) war er geistiger Pate. Ich kann ihm dafür nicht mehr danken – Ulrich Klever starb 1990.

Tipp: Seine Bücher scheinen vergriffen zu sein: Ich habe sie bisher nur auf Trödelmärkten und in Antiquariaten gefunden (bis auf Klevers Kalorien und Nährwerte, das 2005 in 3. Auflage bei Gräfe und Unzer erschien). Ich rate Ihnen, greifen Sie zu, wenn Sie einmal eins sehen. Diesen Tipp gebe ich Ihnen sogar auf die Gefahr hin, dass Sie mir damit eines „wegschnappen“.

Veröffentlichungen: * Bestseller aus Topf und Pfanne oder Eine Stunde Zeit zum Kochen. Reinbek: Rowohlt 1965 (= rororo. 711.) * Die Sternküche. Mit Klever macht das Kochen Spaß. Reinbek: Rowohlt 1968. (= rororo. 6409.) * Das Steakbuch. München: Gräfe und Unzer o.J., 1968 * Feinschmeckers Grillbuch. Rat und Rezepte zu jedem Grill. München: Gräfe und Unzer o.J., 1971 * Alles, was schlank macht. Das Mini-Kalorien-Kochbuch zum Abnehmen und Gesundbleiben. München: Gräfe und Unzer o.J., 1971 * Gourmet-Brevier. Die Hohe Schule der Feinschmeckerei. Das ganz persönliche Lexikon der Gaumenfreuden. München: Gräfe und Unzer, 1976 * Bierdeckel. München: Heyne, 1980 * Mit Leib und Seele. München: Moewig, 1980 * Das Reisbuch. Mit 150 Rezepten. München: Mosaik, 1988 * Mineralwasser en vogue. München: Mosaik, 1990

Veröffentlicht im Januar 2010

10 Kommentare

  1. Frank

    Hallo Katharina,

    Durch Zufall bin ich auf dieser Internetseite gelandet … und prompt habe ich ein paar Fragen.
    Mein Vater war ein großer Fan von Ulrich Klever. Hatte Ulrich Klever nicht auch ein Buch mit Rezepten für selbstgemachte Saucen veröffentlicht?

    Gab es nicht auch ein Rezept für einen „Amerikanischen Nudelauflauf“ von ihm?
    In welchem Buch finde ich das? Meine Mutter hatte diesen früher immer gemacht, das Rezept kann heute keiner mehr finden.

    Lieben Gruß
    Frank

    • Katharina

      Hallo Frank, leider muss ich passen. Aber die Deutsche Nationalbibliothek wird Dir darüber Auskunft geben können, da jd erschienene Buch hie gemeldet werden muss: http://www.dnb.de

  2. Katharina

    Wow, danke! Und herzlich willkommen!

  3. Astrid

    Welch Lapsus! Nicht: “feiner blog – sondern feine website”….!
    Egal, fein bleibt und ist sie – bis weit nach Mitternacht habe ich hier gelesen und zahlreiche Anregungen erhalten, den Wissensstand als kümmerlich erkannt – und zufrieden festgestellt: hier kann Versäumtes nachgeholt, Unbekanntes gegen “endlich kenne ich das auch” getauscht werden.
    Fazit: Eine großartige Idee der Literatur & Kochmix, verbrämt auch noch mit cineastischen Leckerbissen.
    Kulinarische Grüße eines künftigen Dauergastes.

  4. Katharina

    Liebe Astrid, besten Dank für Deine herzlichen Zeilen. Ich habe Deine Anfrage an Frau Klever weitergeleitet, die sich sicherlich bald bei Dir melden wird. Grüße!

  5. Astrid

    Welch ein feiner Blog! Gefunden habe ich ihn auf der Suche nach einem Sauerteigansatz von Herrn Klever, dessen geniales Brotbackbuch ich einst im Regal hatte, es aber an Freunde in Litauen verschenkte. Darf ich unbescheiden bitte fragen, ob Sie mich mit Herrn Klevers Tochter (s.o.) vernetzen könnten? Ich habe 1000+1 Frage – zu seinen Brotrezepten und der Möglichkeit, noch einmal an dieses Buch zu kommen…
    Ganz herzlichen Dank – und Auf Wiederlesen 🙂

  6. katrin klever

    iebe johanna,
    das buch heisst ALLES HAUSGEMACHT, falls sie daran noch interessiert sind schaue ich gerne nach, ob ich noch ein exemplar finde
    mit freundlichem gruss
    katrin klever

  7. Johanna Verschieden

    Hallo Herr Plotke,
    ich bin bekennender Ulrich Klever Fan und hocherfreut, dieses hier zu finden.
    Vielleicht können Sie mir weiterhelfen, bin auf der Suche nach einem Buch von ihm, leider weis ich den korrekten Titel nicht mehr, “Selbstgemachtes” oder so ähnlich, mit lauter Rezepten wie Sauerkraut, Leberwurst im Glas usw.
    Vielleicht kennen Sie es?
    Liebe Grüße, Johanna

  8. katrin klever-schubert

    einen schönen guten tag herr plotke, ihr artikel über meinen vater hat mich sehr gefreut. hab natürich noch einige bücher im archiv, also falls sie einen wunsch haben lassen sie es mcích wissen. haben sie sein spazierstockbuch? er war wirklich ein vielseitiger und genialer schreiber. mit freundlichen grüßen katrin klever

    • Katharina

      Liebe Frau Klever-Schubert, haben Sie herzlichsten Dank für Ihre Nachricht. Ich habe sie gleich an Olaf Plotke weiter geleitet. Grüße

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