Kochbuchlegende Marcella Hazan

Kochbuchlegende Marcella Hazan

Armacord
Marcella Hazan, Gotham (2009)

Wenn ein Star des Kochbuchs-Himmel im Alter von 85 Jahren eine Biographie veröffentlicht, ist es das Natürlichste, dass im Mittelpunkt ihres Rückblick die kulinarische Leidenschaft steht. Nicht so Marcella Hazan: Sie beschreibt ihre sagenhafte Karriere eher als Folge eines Zufalls und der italienischen Kochtradition, die jeder Generation weitergegeben wird. In ihrer Biografie Armacord sind die weiteren entscheidenden Ingredienzen zwischen den Zeilen zu finden: Mut zur eigenen Meinung, Beharrlichkeit und ein Food-begeisterter Ehemann machen aus ihrem Lebensweg eine lesenswerte Biografie.

Marcella wuchs als Tochter von Maria Leonelli und Guiseppe Polini auf. Die Familie ihrer Mutter stammte aus Italien, war aber im Mittleren Osten sesshaft geworden. Ihr Vater Giuseppe lebte nach Jahren als exquisiter Schneider in Paris und New York in seiner italienischen Heimatstadt Cesenatico (Emilia- Romagna). Marcella Hazan wäre im ägyptischen Alexandria groß geworden, wenn sie nicht als Siebenjährige einen so schweren Unfall gehabt hätte, dass ägyptische Ärzte den Eltern eine Armamputation nahelegten. Marcella Mutters „flüchtete“ daraufhin mit ihrem Kind zu einem Professor nach Bologna. „This needs a miracle. You pray and I´ll try to do the rest“ konstatierte er. Nach vielen Operationen war der rechte Arm gerettet, allerdings konnte Marcella ihn zeitlebens nur bis zu einem 90 Grad Winkel strecken. Die Familie kehrte nach dem Unfall nicht mehr nach Ägypten zurück. Stattdessen wuchs Marcella in dem idyllischen Badeort Cesenatico auf, behütet und wunschlos glücklich, so beschreibt sie diese Zeit.

Erst der zweite Weltkrieg verändert die „Kulisse“. Die Familie versuchte in dieser Zeit am Garda-See auf einem einfachen Bauernhof den Krieg unbeschadet zu überleben, was ihr gelang. Marcella Hazans erste kulinarische Herausforderung fiel in diese Zeit, nämlich das Buttern, so schreibt sie. (Da die Versorgungslage stets kritisch war, insbesondere im Hinblick auf Salz, schickte ihnen eine Verwandte gelegentlich ein Päckchen Salz, das sie aus dem Lagunen-Salzwasser Venedigs gewann.)

Trotz Krieg schloss sie die Schule ab und begann zu studieren. Ihre universitäre Ausbildung schloss sie 1954 mit zwei Doktor-Titeln in den Naturwissenschaften ab. Der Stellenmarkt war so ernüchternd, so dass sie als Dozentin für angehende Lehrer ihre Berufskarriere begann. Zum Glück verliebte sie sich in jenem Sommer, und zwar in den Amerikaner Victor Hazan, der zu Besuch in seiner ehemaligen Heimat Italien war. Seine Eltern hatten 1939 als jüdische Italiener das Land verlassen. Leider war Victor in keiner Weise beeindruckt von ihrer naturwissenschaftlichen Laufbahn, schreibt sie. Alles außerhalb von Kunst und Literatur empfand er als Zeitverschwendung mit Ausnahme eines Themas: „As friendship grew and affection developed, I was bewildered to find that Victor most wanted to talk about was food. Aside from our obsessive concern with food during the war, or perhaps because of it, I never gave it any thought. I accepted the pleasure that mealtimes at home always brought as a naturally recurring part of daily life.“ Nach zwei Jahren heiraten Marcella und Victor.

Die legendäre Kochbuchautorin beschreibt die ersten Jahre der Ehe als Suche nach einem passenden Beruf für Victor, der keinerlei Kompromisse eingehen mochte in Hinblick auf Gehalt, Sujet und Kollegen. Marcellas Blickwinkel ist ganz der Zeit 1955 geschuldet: Sie machte sich Sorgen, litt unter der Unbeständigkeit, aber richtete sich ganz nach ihm. Das junge Ehepaar zog schließlich nach New York, damit Victor in der elterlichen Firma den Lebensunterhalt verdienen konnte. Ketchup und amerikanischer Kaffee waren die ersten – weniger gelungenen – kulinarischen Kontakte („The coffee tasted as though I had been served the water used to clean out the pot.“). Marcella erzählt von ihrem Kulturschock: Sie beherrschte kein Wort Englisch, besuchte das erste Mal in ihrem Leben einen Supermarkt und musste mangels Frischware abgepackte und eingefrorene Lebensmittel kaufen. (Tiefkühltruhen beschreibt sie später als Lebensmittel-Friedhof.)

Zudem: Die 26-Jährige konnte nicht kochen, sie hatte noch nie gekocht – das hatte bisher ihre Familie übernommen. Ein zerfledderte italienische Kochbuch-Ausgabe von Ada Boni half ihr sich zu erinnern, wie ihr Mutter, Großmütter und Vater Lebensmittel einkauften und Gerichte zubereiteten. „Soup was one of the first things I started to cook, and rememberring the one that we had so enjoyed on our honeymoon, my first soup was potatoes and leeks.“ Über den Weg des Kochenslernens verliert Marcella Hazan kaum Worte in ihrer Biografie, schon gar keine zweifelnde (im Gegensatz zu ihren Englisch-Kenntnissen). Fast scheint es, dass die kulinarische Erlebnisse aus ihrer Heimat und die Notwendigkeit des Kochens als Ehefrau für Marcella ausreichend sind. Aber vielleicht stellte sich eine Italienerin im Jahr 1955 gar nicht erst die Frage „Kann ich kochen lernen?“, denn es war zu selbstverständlich.

Marcella Hazans beruflicher Ehrgeiz war nicht erloschen und so fand sie trotz ihrer mäßigen Englisch-Kenntnisse einen Job in einem wissenschaftlichen Institut. Allerdings nur für kurz Zeit, bis ihr Sohn geboren wird und sie als Vollzeitmutter zuhause blieb.

Ende der 60er besuchte sie einen chinesischen Kochkurs. Zu ihrer Enttäuschung kündigte ihre Kochlehrerin Madame Chu sogleich an, dass kein nachfolgender angeboten wird. Da wurde aus der Kochschülerin eine Kochlehrerin: „One of my classmates asked me, what I was cooking at home. Normal food, I said. What is normal food, she asked. I mentioned tagliatella alla bolognese, risotto coi funghi etc. to which she made no reply… During another session she borrowed my typewritten copy of the days recipes and when she returned it, I found written on the back of it „For italian cooking classes“ followed by the names and telephone numbers of six of the women classes.“

Ihr erster Kochkurs in ihrer eigenen Küche startete. Der Erfolg ermutigte sie, diesen Anfang fortzusetzen. Sie schrieb an die Food-Redaktion der New York Times (NYT) und bat in die Rubrik der empfohlenen Kochkurse aufgenommen zu werden. Das klappte zwar nicht, dafür kündigte sich überraschend der populäre NYT-Redakteur Craig Claiborne an. Bei dem gemeinsamen Mittagsessen ging so ziemlich alles schief, was schief laufen konnte – tatsächlich lächelt sie recht gequält auf dem im Buch abgedruckten Original-Foto, aber trotzdem veröffentlichte der Journalist einen Artikel über sie und druckte ihre Telefonnummer ab. Das war 1970. Marcella Hazan war zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt und ihre Karriere als Kochbuchautorin begann. Ihre Best- und Longseller-Kochbuch The Classic Italien Kitchen erschien 1973: Sogar die englischsprachige Wiederauflage mit dem Titel Essentials verkaufte sich in den USA über 500.000 mal und wurde in viele Sprachen übersetzt (Essentials fasst ihre beiden ersten Bücher zusammen: Die klassische italienische Küche und Neue Rezepte aus der klassischen Küche, versehen mit mehr Material.)

Die folgenden Jahre (und Kapitel) waren gefüllt mit Kochkursen, dem Verfassen von weiteren fünf Bestseller-Kochbüchern, der Entgegennahme vieler kulinarischer Auszeichnungen und dem Treffen mit dem Who-is-Who der kulinarischen Welt (Anne Willan, Judith Jones, Nobu etc.). Dabei pendelte das Ehepaar zwischen den USA und Italien. Ihr Mann Victor gab seinen Beruf auf, um sie bei ihrer Karriere zu unterstützen. Wenn sie zweifelte, dann fand er eine Lösung – so scheinen die Rollen des Ehepaares verteilt: ein Team. Schließlich boten sie erfolgreich kulinarischen Lehrgänge in Italien für Ausländer an. (Nicht nur das Kochen, sondern auch der Besuch eines Wochenmarkts mit Warenkunde gehört dazu.)

Übrigens: Marcella Hazan beschreibt sich als strenge Lehrerin, die für Zuspätkommen keinerlei Verständnis hat. (Einem „undisziplinierten“ Schüler verweigert sie schon mal sein Abschuss-Zertifikat.): Die Disziplin, die sie sich selbst abverlangt, erwartete sie wohl auch von ihren Teilnehmern. Ein ganzes Kapitel ist dem Thema „How not to get rich“ gewidmet. Darin schildert sie die verpassten Gelegenheiten infolge mangelndem Geschäftsinn und geplatzten Kooperationen. Für einen Lebensabend in Florida hat es in jedem Fall gereicht. Marcella Hazan und ihr „moderner“ Ehemann können auf ein erfülltes und reiches Leben zurückblicken, so liest es sich für mich.Das Buch ist ein schönes Blick hinter die Kulissen!

Marcella HazanDie klassische italienische Küche, Collection Rolf Heyne

Marcella HazanNeue Rezepte aus der klassischen italienischen Küche, Collection Rolf Heyne

Marcella HazanMarcellas Geheimnisse. Meine italienische Kochschule, Collection Rolf Heyne

Veröffentlicht im April 2009

2 Kommentare

  1. Katharina

    Da geht mir wir ihnen. Tatkräftig und unerschütterlich war Marcella Hazan und dann noch diese Liebe zum Kochen.

  2. Simone Orgenspiel

    Ich muss hinzufuegen,dass mich die Geschichte von Marcella Hazan und Ihrer Gegenwart zu Herzen ruehrte.Sie hatte es als Kind nicht einfach,aber trotz allen Schwierigkeiten,die Sie ueberwindete,gib Sie nicht auf im spaeteren Alter Ihr Ziel zu erreichen!Und mit grossen Erfolg. Das Grossartigste fand ich daran das auch Google sie interviewte und Ihre Buecher,ja man kann Sie nur lohnen! Zwei Ihrer Buecher habe ich schon erworben,und muss sagen, die sind ziemlich toll! Beindruckend diese Frau, ich bewundere Ihre Staerke!

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