Susanne Kippenberger: Am Tisch – Die kulinarische Bohème

Susanne Kippenberger: Am Tisch – Die kulinarische Bohème

Am Tisch – Die kulinarische Bohème
oder Die Entdeckung der Lebenslust
Susanne Kippenberger, Berlin Verlag (2009)

Susanne Kippenberger erzählt in ihrem Buch Am Tisch von der kulinarischen Bohème, die ihrem Publikum nicht nur das Kochen und Essen näher bringt, sondern auch Geselligkeit und Genuss. Die Autorin beschreibt 21 Persönlichkeiten, deren Werdegang und ihren Beitrag, wie z. B. die Kochbuchautorin Julia Child, die den US-Amerikanerin die Französische Küche beibrachte, und den Designer Milton Glase, der mit seinem Untergrund-Gourmet-Führer zeigte, dass gutes Essen nicht teuer sein muss.

Gemeinsam ist den Auserwählten, dass sie – ihrem Ahnen im Geiste Brillat-Savarin folgend -„geniale Delittanten“ sind. Sie begannen als Quereinsteiger, frei von der Betriebsblindheit eines Koch-Profis mit Phantasie und Einfühlungsvermögen eine neue Perspektive zu formulieren. Denn die Freiheit von Traditionen beschreibt die Autorin als beste Vorraussetzung, etwas Neues zu kreieren. Als weitere Eigenschaft der kulinarischen Bohème sieht sie ästhetische Sensibilität mit einem sozialen und politischen Anliegen.

“In der Flut der Hochglanzkochbücher, die auch den deutschen Markt seit Jahren überschwemmen, sind die kulinarischen Bohemiens eine Wohltat. Denn sie können nicht nur kochen, sie können auch denken und schreiben, haben etwas von der Welt gesehen und Bücher gelesen, sie sind im Theater gewesen und haben Musik gehört. Sie haben gelebt.”

Mancher Auftritt ihrer Porträtierten ist filmreif und voller pointierter Details. Z. B. wie James Beard – auch Mr. American Food genannt – sein “Naked cooking” morgens um Fünf für seine Gäste am Abend zelebrierte. Später konnte er vor Fettleibigkeit seine Schnürsenkel nicht mehr selber knoten. Susanne Kippenberger ist es fast immer gelungen, dass die Lebenslust der Bohemiens auch ihre Texte ergreift. Das ist insbesondere bei denen der Fall, die mittlerweile mehr Legende denn “nur” herausragende Persönlichkeiten sind wie z. B. Julia Child und Elisabeth David. “Bigger than life” beschreibt die Autorin diese Ausnahmepersönlichkeiten.

Unter den Tisch gefallen sind nicht diejenigen, die ganz unterschiedliche Gefühle bei ihrem Publikum hervorrufen. Zu Wolfram Siebeck schreibt die Autorin: “Der Kritiker hat das Nörgeln zum Programm gemacht erhoben, nicht das Jammern, wie er betont, das habe etwas Wehleidiges.” Mit seiner Endloschleife, die wahrlich nicht Genuss und Geselligkeit versprüht, geht die Autorin überraschend nachsichtig um. Auch das Porträts von Dieter Kosslick, Berlinale-Chef und Slow-Food-Mitglied, überzeugte mich bereits mit seiner Wahl nicht. Auch wenn er im Rahmen des Filmfestivals das kulinarische Kino zum Programm gemacht hat.

Konsequenter dafür die Schilderung von Alice Waters, einer us-amerikanischen Food-Aktivistin. Ihr Wandel wird von einer Rebellin zu einer Dogmatikerin beschrieben. “Alice Waters war eine Heldin, was das Essen angeht. Jetzt ist sie Essenspolizei”, so wird der Blogger Todd Kliman zitiert (National Public Radio). Sie löse ein ähnliches Unbehagen aus wie Slow Food generell, schließt sich Susanne Kippenberger an.

Das letzte Kapitel widmet sie nicht einer Person, sondern zwei Orten: “Wie eine junge Bohème in Berlin und Brooklyn eine neue kulinarische Wende einläutet”. Die Autorin erkennt einen Grund in dem Frei-sein-von: “ … der Mauerfall erweist sich auch als kulinarische Wende… Das was eigentlich ein Nachteil ist, das Fehlen einer eigenen starken Tradition, erweist sich plötzlich, ähnlich wie zuvor in England und Amerika, als Vorteil. So viel Freiheit ist nirgends.”

Am Tisch – Die kulinarische Bohème oder Die Entdeckung der Lebenslust liest sich wie ein wohltuender Rausch. Susanne Kippenbergers Texte haben Tempo, amüsieren und treffen das Zeitgefühl all jener, die wenig mit den übrigen medialen Äußerungen anfangen können, die das Kochen und Essen in Ernsthaftigkeit erstarren oder gar zum Wettkampf verkommen lassen. Aber mehr noch: Sie setzt sie in einen gemeinsamen Kontext, so dass sie nicht als Einzelfälle erscheinen, sondern als Vertreter einer beharrlichen Bewegung, die sich als solche nicht wahrnimmt. Das ist erhellend und lädt zum Diskutieren ein. Dankeschön!

Veröffentlicht im Januar 2010

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