Stevan Paul: Schlaraffenland

Stevan Paul: Schlaraffenland

Schlaraffenland: Ein Buch über die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis,
die Kunst, ein Linsengericht zu kochen und die Unwägbarkeiten der Liebe
Stevan Paul, Mairisch Verlag (2012)

Katharina Höhnk

Von Katharina Höhnk

Wenn man das Schlaraffenland von Stevan Paul betritt, dann darf man sich sicher sein: hier schreibt einer, der die Menschen mag. Man darf sich fallenlassen. Geht die Rundreise zuende, dann stellt sich ein Wohlgefühl wie nach einem wunderbaren Essen ein. Die Welt ist wieder im Lot und der warme Blick darauf bleibt. Obwohl – etwas ist da noch. Aber dazu später.

Stevan hat einen mikroskopischen Blick für Situationen und Menschen. Er zeigt seine Figuren in Zeitlupe und da sieht man sie plötzlich als die Helden, die sie sind. In der Hektik neben den Gerne-Großen gehen sie verloren. Hier fällt das Scheinwerferlicht auf sie und man schaut ihnen gerne zu. Aber all das wäre nichts, wenn nicht Stevans cineastisch-würdiger Humor da wäre. Er bringt uns zum Lächeln, mit seinen Helden, niemals über.

Ich habe mich fast nicht getraut, die erste Seite aufzuschlagen. Der erste Band mit Stevans Erzählungen war eine Überraschung. Für mich. Wahrscheinlich für alle, die nicht probelesen durften. Hoffentlich auch dieser, dachte ich. Das ließ mich nicht kalt, kenne ich doch den Stevan ein wenig. Vom Bloggen und so. Da wünscht man nur Gutes.

Den Herr Adam, der Held aus der Erzählung Nachtschichten, hätte ich in den Arm nehmen können. Beruhigt des wunderbaren Auftakts. Herr Adam serviert in einem edleren Restaurant. Sein Chef: im Leben ein Grobian, als Koch ein Feingeist. Die Gäste, so wie man sie kennt. Herr Adam: ruhig und freundlich zu jedem – auch den Angebern. Aber etwas ist anders. Der Herr Adam ist es, er scheint seine ganz eigenen Ideen von Gerechtigkeit zu haben. Und so zieht er an den Fäden, die bei ihm als Ober zusammen laufen. Wir lächeln. Oh, wenn es doch ab und zu so wäre.

“Erwischt” hat mich Mit Herrn Wilhelm durch die Nacht. An sie muss ich immer wieder denken. Wahrscheinlich weil ich selber zwischen Strenge und Empathie pendele. Ein Koch plant seinen dauernd zu spät kommenden Lehrling rauszuwerfen, trotz aller Begabung. Aber der Zufall als Retter ist zur Stelle, wenn auch verdammt knapp. Der Koch ist nach dieser Nacht, von der Stevan erzählt, weiser. Danach sieht es aber erstmal gar nicht aus. Er palavert mit seinem Freund, dem Menschenversteher, in der Kneipe. Der ist singfreudig und FC Sankt Pauli-Fan. Pech, man sitzt in der HSV-Kneipe. Das kann ja nicht gut gehen. Und so kommt eines zum anderen.

Surreal ist die Geschichte Revolution. Zwei Nur-wir-machen-es-richtig-Blogger sind am Start und laufen gegeneinander, wer der bessere ist. Zu was die sich aufstacheln. Ja, ich fand die Realität blitzt hier auf. Eine schwarze Komödie.

Eine feste Konstante sind Stevans Frauen. Sie erinnern mich an Feen mit Erdung. Sie behalten den Überblick, reichen die Hand, wenn die Helden ins Chaos stürzen, werfen Küsse und werden vorwiegend Liebste genannt. Wie im echten Leben, sag‘ ich mal.

Als Foodie genoß ich die Düfte aus den Kochtöpfen und Backöfen, die zwischen den Zeilen heraufsteigen. Besonders der Linsensuppe war ich erlegen. Stevan war Koch. Er hat die Zutaten, ihre Aromen so verinnerlicht und findet dafür Worte, dass man es riecht.

Und jetzt zum meinem Obwohl, das ich eingangs erwähnte. Eines gefällt mir gar nicht an dem Buch. Jedes Mal schließe ich innige Freundschaften, lasse die Figuren in mein Herz und zack, ist die Erzählung zuende. Ich tröste mich mehr schlecht als recht, lese sie noch einmal. Aber so geht das nicht. Stevan, sorry, das nächste Mal muss ein Roman her. Bitte.

Veröffentlicht im Dezember 2012

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