Beata Zatorska: Rosenmarmelade – Ein Sommer in Polen

Beata Zatorska: Rosenmarmelade – Ein Sommer in Polen

Rosenmarmelade – Ein Sommer in Polen
Rezepte & Geschichten
Beata Zatorska & Simon Target, Gerstenberg Verlag (2013)
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Annick Payne

Von Annick Payne

Rosenblättermarmelade. Ich denke spontan an den vorderen Orient, vielleicht noch Bulgarien. Aber Polen? Überraschend. Beata Zatorskas Polen zeigt sich mir als ein unbekanntes Land, ihr kleines schlesisches Dorf ein Ort der Sehnsucht. Der beeindruckende Bildband des in Australien lebenden Ehepaars Zatorska-Target, er ein englischer Filmemacher, sie polnische Ärztin, zeigt auf über 300 Seiten Impressionen des heutigen Polens, die in mir sofort die Reiselust wecken. Wie kommt es eigentlich, dass selbst so viele Jahre nach Ende des eisernen Vorhangs unser östlicher Nachbar kein allzu selbstverständliches Reiseziel ist? Rosenmarmelade – Ein Sommer in Polen zeigt mir, wie viel es zu entdecken gäbe.

Der Band ist teils Familiengeschichte, teils Reiseerzählung, gespickt mit Gedichten, Psalmen und Rezepten. Am besten lässt sich das Buch vielleicht als Liebeserklärung beschreiben: die Autorin setzt ihrer Familie und ihrer Heimat mit jedem Wort ein zärtliches Denkmal, eingebettet in facettenreiche Fotos und Bildcollagen. Die Erzählperspektiven wechseln, einerseits lesen wir von den Erfahrungen der erwachsenen Zatorska, die nach zwanzigjähriger Abwesenheit erstmalig mit ihrem Gatten nach Polen reist, und das moderne Land gemeinsam mit ihm entdeckt.

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Andererseits schwelgt sie in Kindheitserinnerungen, um die man sie trotz Kommunismus eigentlich nur beneiden kann. Sie erzählt, wie sie als Kleinkind von der Großmutter Józefa, einer Köchin, im ländlichen Schlesien aufgezogen wurde, später mit ihren Eltern in Jelenia Góra aufwuchs. Ein großer Küchengarten, Ausflüge, um Wildpflanzen und Pilze zu sammeln, Gebirgstouren, Sommerferien an der Ostsee, idyllische Szenen. Rosenmarmelade – Ein Sommer in Polen bezaubert mit seinen Erzählungen, eigentlich wollte ich zuerst ein wenig blättern, habe mich aber sofort festgelesen.

Kulinarische Geschichten sind das Bindeglied des Bandes, den ich jedoch nicht als Kochbuch bezeichnen würde, da Rezepte weniger als ein Sechstel des Buches ausmachen. Doch wer Piroggen, Teigtaschen mit allerlei Füllungen, dazu viel Gebäck wie Krapfen, Mohnkuchen, Schmalzgebackenes, und natürlich Gulasch, Herings- und Gurkensalat sucht, wird fündig. Ich wünschte, ich hätte Gelegenheit, wie Zatorskas Freund Jurek 20 Forellen zu räuchern, aber mir fehlt der Ort, an dem ich ein offenes Feuer machen könnte. Sonst würde ich ganz sicher Apfelbaumzweige für den delikat fruchtigen Geschmack sammeln. Auch die schlesische Kulturlandschaft mit ihren vielen Schlössern lockt. Oder lieber ein Ausflug an die Ostsee? Umwerfend schön auch der Bauerngarten der Familie.

Mich spricht das Anekdotische besonders an. Da das Lieblingsessen der Autorin schlesische Kartoffelknödel sind, kochen dies verschiedenste Verwandte begeistert für sie, so daß ihr Mann innerhalb eines Tages dreimal “erstmalig” diese Köstlichkeit probieren durfte. Hier hilft britischer Takt. Köstlich hört sich auch der selbstgemachte Obstlikör ihrer Urgroßmutter Julia an, der traditionell zu Geburtstagen ausgeschenkt wurde. Jeder Jahrgang wurde durch ein farbiges Bändchen gekennzeichnet, die kostbaren Flaschen von Julia für besondere Gelegenheiten versteckt. Die Männer der Familie lernten schnell, Julia damit zu provozieren, dass der diesjährige Jahrgang mit den vorangegangenen nicht mithalten könne, die daraufhin etliche “letzte” Flaschen fand, um das Gegenteil beweisen zu können. Vodka mit weißem Pfeffer fungiert als Magenbitter. Zatorska schreibt, in ihrer Familie stand einem stets ein kleiner Schluck zu medizinischen Zwecken zu, es sei denn, man war seit langer Zeit gesund. In dem Fall durfte man sowieso davon trinken.

Zatorskas Geigenunterricht als junges Mädchen begann mit einer rituellen Tasse Tee, die höchst elegant in eine Porzellantasse mit Goldrand geschenkt wurde. Gesüßt wurde der schwarze Tee mit einem Löffelchen Marmelade. Eigentlich ist das weniger sonderbar, als man zuerst denkt. Trinken wir nicht auch reichlich aromatisierte Schwarztees? Dies ist quasi die natürlichere Variante. Humorvoll gesteht die Autorin, dass derartiger Tee ihrem englischen Ehemann weiterhin suspekt bleibt, während sie andererseits von der Zugabe von Milch nicht wirklich überzeugt sei.

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Ich ergötze mich an den wundervollen Fotografien, lehne mich gemütlich zurück und lese mich durch die Zatorskische Familiengeschichte. Bei einer Tasse Tee lasse ich mich zum Träumen und, wer weiß, vielleicht eines Tages zum Reisen verleiten. Bleibt die Frage, ob ich ein Löffelchen Marmelade in meinen Tee tun sollte. Wie wohl Rosenblütentee schmeckt?

Veröffentlicht im August 2013

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