Reise: Food Photo Festival in Tarragona 2010

Reise: Food Photo Festival in Tarragona 2010

Sabine Cikic

Von Sabine Cikic

„Du fährst wohin…?!“ „Ja, genau, ich fahre zum Food Photo Festival nach Tarragona!“ Die Irritation in meinem Freundeskreis war verständlich. Ich bin Geographin, arbeite an der TU Berlin, besitze noch nicht einmal eine „vernünftige“ Kamera, geschweige denn dass ich vernünftig Fotos ausgerechnet von Essen (Food) machen könnte, das ist nämlich gar nicht so einfach. ABER…

Ich koche gerne. Und ich esse gerne. Und am liebsten rede ich über das Kochen und Essen beim Essen, besonders gerne in geselliger Runde. Ich sammle Kochbücher, nicht einfach „nur so“, sondern immer auf der Suche nach neuen spannenden Rezepten und Tipps, auch wenn mir klar ist, dass ich niemals all die Rezepte werde ausprobieren können, die mittlerweile in meinen Bücherregalen warten. Ich kann ohne meine Kochbücher nicht leben! Meine Liebe zu Kochbüchern hat mich bereits im Februar dieses Jahres nach Paris zur „1. Paris Cookbook Fair“ geführt – eine großartige Veranstaltung, warum nicht also auch zum „1. Food Photo Festival“ fahren? Sind es nicht gerade auch die tollen, Appetit anregenden Fotos, die mich ein Kochbuch nach dem anderen kaufen lassen?

Da mein Flug am 29. September dankenswerterweise zu den Flügen gehörte, die nicht auf Grund des spanischen Generalstreiks im Transportwesen gestrichen wurden (was habe ich gezittert!), bin ich voller Spannung nach Tarragona gereist. Ich war neugierig, was für Menschen „Food-Fotografen“ sind, laufen die z.B. auf dem Festival immer mit einer dicken Kamera um den Hals rum, um zu zeigen, „was sie haben“? Und was sind diese Food Stylisten so für Leute, also jene, die das Essen „kameragerecht“ zubereiten und herrichten?

Nach fünf ereignisreichen Tagen in Tarragona, dicht gepackt mit einem spannenden Festivalprogramm kann ich nur sagen: Hut ab vor Günter Beer und seinem Team, die ein wirklich tolles und professionelles Event organisiert haben! Beer, selbst etablierter Food-Fotograf, der für die Fotografien in zahlreichen erfolgreichen Kochbüchern (u.a. Culinaria Europäische Spezialitäten und Culinaria Spanien, beide erschienen bei Könemann) verantwortlich zeichnet, konnte eine Vielzahl Experten und Expertinnen aus aller Welt für die Vorträge und Workshops gewinnen, in denen sie über die verschiedensten Facetten und aktuellen Themen aus der Welt der Food Photography und des Food Stylings berichteten und mit dem engagierten Publikum diskutierten – dem Einsatz professioneller Simultanübersetzerinnen ist zu verdanken, dass dies problemlos möglich war.

Den Anfang machte Matt Armendariz, dessen Food Blog Matt Bites von der New York Times auf Platz 7 der Liste der 50 weltbesten Food Blogs gelistet wird (nicht zuletzt wegen der großartigen Fotos!). Er tauchte ein in die Welt der Social Media und erläuterte an seinem eigenen Beispiel, wie sie auch von Food-Fotografen gewinnbringend genutzt werden können. Die katalanische Sterneköchin Carme Ruscalleda (3 Michelin-Sterne in ihrem Restaurant Sant Pau in Katalonien, 2 Michelin-Sterne in ihrem Restaurant in Tokyo) berichtete gemeinsam mit Becky Lawton, einer erfolgreichen, seit 1994 in Barcelona lebenden englischen Food-Fotografin , über ihre regelmäßige Zusammenarbeit für die monatlich erscheinende katalanische Kochzeitschrift Cuina, wo sie eine regelmäßige Kolumne produzieren. Auch Wonge Bergmann, in Frankfurt lebender Food-Fotograf, berichtete über die spannende Konstellation Fotograf – Sternekoch. Er und Juan Amador, dessen Restaurant Amador in Langen (Hessen) 2007 mit 3 Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde, haben das prächtige Buch Tapas. Das Kochbuch. (TreTorri: 2006) kreiert.

tarragonaRobin Willis (Foto links), erfolgreicher Regisseur von Werbespots, zeigte, unterstützt durch Freiwillige aus dem Publikum, wie schwierig es ist, glücklich und werbewirksam in eine Banane oder Kartoffelkrokette zu beißen oder mit dem richtigen Gesichtsausdruck einen Schluck köstlichen Bieres aus einer Flasche zu zischen. Dies war sicherlich der witzigste Vortrag im Konferenzprogramm, der aber auch gezeigt hat, wie schwierig das Thema umzusetzen ist! Madeleine Jakits, Chefredakteurin der seit 1975 erscheinenden Zeitschrift Der Feinschmecker, dokumentierte in einer wohlüberlegt zusammengestellten Schau den erstaunlichen Wandel der Food Photography in den letzten 35 Jahren. Denise Vivaldo, seit mehr als zwei Jahrzehnten erfolgreiche Food Stylistin und Unternehmerin, zeigte mit ihrer langjährigen Partnerin Cindie Flannigan (gemeinsam sind sie die Food Fanatics) Unterschiede im Food Styling für den europäischen bzw. den US-amerikanischen Markt auf. Besonders beeindruckend war auch ihr Workshop am fünften Festivaltag, in welchem die beiden gelernten Köchinnen ausführlich Werkzeuge und Tricks präsentierten, mit denen die unterschiedlichsten Nahrungsmittel für Fotos oder Filmaufnahmen vorbereitet werden. An dieser Stelle sei ambitionierten (Hobby-)Fotografen und angehenden Food Stylisten ihr kürzlich erschienenes Werk The Food Stylist’s Handbook empfohlen (Gibbs Smith: 2010), das auf fast 300 gut bebilderten Seiten keine Fragen offen lässt. Aber auch technischere Themen kamen nicht zu kurz. So legte der Kölner Fotojournalist Dirk Gebhardt überzeugend dar, welche Alternativen zu Flash zur Verfügung stehen, um Webseiten im Hinblick auf Suchmaschinen zu optimieren – ein sehr wichtiges Thema gerade für Fotografen, die mehr und mehr Aufträge aus dem Internet generieren und dafür umfangreiche Portfolios auf ihren Webseiten bereitstellen, die auch gefunden werden wollen. Oder der Vortrag Liquid Illusions des englischen Fotografen Ray Massey, weltweit bekannt geworden vor allem durch seine zahlreichen grandiosen Werbefotos für die Getränkeindustrie, in welchem er dem verblüfften Publikum zeigte, wie viel echte Handarbeit in einigen seiner Werke steckt und dass eben nicht „nur“ mit Photoshop getrickst wird.

tarragonaDie (wenigen) Produktpräsentationen kamen nicht bloß als anbiedernde Verkaufsdarbietungen daher, sondern waren höchst informativ und interessant. So stellte z. B. Martin Eisenschenk (Foto links) das einzigartige Freihand-Schärfeziehsystem Intuitfocus vor, eine Apparatur für alle Video- und Spiegelreflexkameras, die es Filmschaffenden und Fotografen gleichermaßen ermöglicht, wackelfreie Aufnahmen zu erzeugen, wobei die Schärferegulierung handfrei lediglich durch Benutzung des Daumens oder eines Fingers erfolgt. Oder der Workshop des belgischen Fotografen Joris Luyten, in dem auch blutige Anfänger wie ich gezeigt bekamen, wie man mit einfachstem Equipment vernünftige Food-Photos knipsen kann – unter Verwendung der genialen, in den Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten produzierten Hochleistungs-LED Balled, die ich mir nun wohl „leider“ werde zulegen müssen… Kulinarische Präsentationen, in denen regionale Köstlichkeiten vorgestellt wurden, wie die berühmte Romesco-Sauce oder neun verschiedene lokale Sorten Haselnüsse und ihre Verwendung, rundeten das Konferenzprogramm vorzüglich ab.

tarragonaDarüber hinaus darf man eine Protagonistin nicht vergessen – Tarragona! Die etwa 150.000 Einwohner zählende katalonische Küstenstadt ist mit dem Zug von Barcelona aus bequem in einer guten Stunde zu erreichen. Der Charme Tarragonas, dessen römische Vergangenheit durch die vielen erhaltenen Bauten allgegenwärtig ist, hat nicht unwesentlich beigetragen zum tollen Ambiente des Food Photo Festivals. Eine schöne Idee des Veranstalters war es, die vielen Fotografien, die im Rahmen des Festivals gezeigt wurden, auf mehrere Ausstellungsorte in der Stadt zu verteilen. So gab es z.B. Installationen in der alten Markthalle (Mercato Central) oder in einer restaurierten Lagerhalle am Hafen. In einer solchen Halle fanden auch die Konferenzen und Workshops statt, so dass man in den Pausen und beim Mittagessen in einem netten Hafenlokal immer „was zu gucken hatte“ und auch immer ein bisschen das Gefühl hatte, im Urlaub zu sein, was ja in meinem Fall auch richtig war.

Herausragend waren die Screenings, die an den drei Konferenztagen abends im Open-Air Auditorium im Camp de Mart stattfanden. Begleitet von hervorragend ausgesuchter Musik wurden hier auf großer Leinwand die vielfältigen Arbeiten bekannter und (noch) nicht so bekannter Food-Fotografen gezeigt und bewundert. Als Preisträger der ersten DOQ Priorat Food Photo Awards wurden Amélie Lombard (Paris) für ihre Serie „Vinaigrettes Abstraites“ sowie Manuela Rüther (Köln) für ihre Serie Schwein, Rind, Ziege, Mensch: Markttag in Cusco/Peru Mai 2010 ausgezeichnet.

Und während und neben all den wunderbaren Programmpunkten gab es noch ausreichend Zeit für die Teilnehmer sich kennenzulernen und eifrig zu netzwerken. Es wurde viel gelacht und insgesamt herrschte bei aller Professionalität eine sehr herzliche Atmosphäre. Und natürlich hatte der eine oder die andere eine Kamera dabei und es wurde zwischendurch fleißig fotografiert, aber nie hatte ich das Gefühl, dass dabei die Kamera im Mittelpunkt stehen würde. Zurück in Berlin bleibt mir vor allem die Erkenntnis, dass Food-Fotografie eine hohe Kunst ist, aber auch sehr viel technisches Know-How und handwerkliches Geschick voraussetzt. Die vielfältigen Stilrichtungen der einzelnen Fotografen und Fotografinnen haben mich ganz besonders beeindruckt. Für mich hat sich die Reise definitiv gelohnt und ich freue mich schon auf das 2. Food Photo Festival – hoffentlich wieder in Tarragona!

tarragonaZum Foto Food Festival

Veröffentlicht im Oktober 2010

5 Kommentare

  1. Britta und Sasa Asanovic

    liebe sabine, sehr gelungener Artikel. Gratuliere! Uns hat es auch ausgezeichnet gefallen und wir freuen uns auch auf 2011. LG Britta und Sasa aus Wien

  2. Richy

    HI Sabine , sehr schön geschrieben ! Hat mein daumendrücken für den Flug , doch geholfen !
    Schön zu lesen , das sich die ganze aufregung dann auch gelohnt hat !
    Grüsse aus dem Äpplerland !

  3. Angelika

    Hallo Sabine, schön, von dir zu hören. Wir sind ja schon in den Genuß deiner Kochkunst gekommen, es war immer sehr gut und unterhaltsam. Vielleicht irgendwann wieder?

  4. Sylee

    Liebe Sabine, schön, dich hier wiederzusehen! Ich freue mich auf das nächste Plaudern bei Kaffee und Kuchen x

  5. Daniel

    Na, dann fehlt doch nur noch die “richtige Kamera”, damit das ganze beim nächsten Mal noch
    entsprechend bebildert wird! :- )

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