Peter Peter: Kulturgeschichte der deutschen Küche – Kulinarische Geschichtsreise

Peter Peter: Kulturgeschichte der deutschen Küche – Kulinarische Geschichtsreise

Kulturgeschichte der deutschen Küche
Peter Peter, C.H. Beck Verlag (2008)

Von Gastautor Niclas Grabowski

“Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.“ Diesen schrecklichen, aber so unglaublich deutschen Satz versucht Peter Peter in seiner Kulturgeschichte der deutschen Küche zu widerlegen.

Denn schon seit Uhrzeiten sind es viele Einflüsse, die Kochen und Essen in den Grenzen der späteren deutschen Nation beeinflusst haben. Die jeweils lokal verfügbaren Produkte waren nur einer davon. Aber auch fremde, kulinarische Ideen haben den heimischen Geschmack geprägt, und bereits vor fast zweitausend Jahren hat man sich für Gerichte aus dem herrlichen, warmen Land jenseits der Alpen interessiert – eine Leidenschaft, die bekanntlich bis heute nicht nachgelassen hat. Und dann gab es natürlich auch immer die Diskussion um das Thema Gesundheit. Bereits im Mittelalter hat man sich bemüht, bestimmten Speisen heilsame oder schädliche Attribute zuzuweisen, und hatte damit sofort Diskussionen ähnlich der der heutigen Experten zum Thema Cholesterin.

Peter Peter macht aber noch auf einen weiteren Einfluss aufmerksam. Fast immer war das Thema Essen mit dem Thema Religion verbunden. Durften Katholiken zumindest außerhalb der Fastenzeit noch Schlemmen, so war es bei den Protestanten mit der Völlerei bald das ganze Jahr lang schwierig. Und nicht zuletzt deshalb ging es dann mit der deutschen Küche im Zuge des protestantisch geprägten Wertesystems des deutschen Reiches im 19. Jahrhundert bergab. So hatten wir dann unseren Ruf in der Welt weg, und nicht einmal den berühmten Wein vom Rhein wollte man mehr trinken. Aber glücklicherweise erleben wir ja heute eine Renaissance.

Das Buch begleitet diese Entwicklung durch die Epochen der Geschichte. Immer wieder wird auf die Originaldokumente Bezug genommen. Was erfährt man über Essen im Lied der Nibelungen? Was ist an Rezepten überliefert aus den Küchen der Klöster? Welche Ernährungsgewohnheiten sind in Romanen, Gedichten, Tagebüchern veröffentlicht worden? Welche alten Kochbücher kann man heute noch lesen? Das Buch lebt von der Fülle der zusammengetragenen Quellen und vielen Zitaten. Mir hat dabei geholfen, als Hobby-Geschichtsprofessor hier mit den meisten Quellen etwas verbinden zu können. Wer das Buch aber mit rein gastronomischem Hintergrund zu lesen beginnt, der wird mit einem Lexikon an der Seite gut bedient sein. Überhaupt lädt das Buch zum Querlesen ein.

Stichwort Sammeln: Sie brauchen noch ein Hobby? Wie wäre es mit dem Aufbau einer Bibliothek, die ausschließlich historischen Kochbüchern gewidmet ist? Hier erhalten Sie die notwendigen Referenzen für den Einstieg.

Dazwischen gibt es dann noch Rezepte, in der Regel auch zitiert aus den Werken der Vorfahren. Natürlich sind die ältesten Rezepte am spannendsten. Leider aber auch am schwersten nachzukochen. Mit Maßen und Gewichts- und Zeitangaben hatte man es damals nicht immer so. Und nicht immer sind die Zutaten heute noch erhältlich. Biberschwanz wird mehrfach erwähnt, die richtige Zubereitung des inzwischen geschützten Tieres aber nicht verraten. Mich hätte das natürlich besonders interessiert. Bei den Rezepten aus der Neuzeit verrät der Autor einen gewissen Sinn für Skurrilität. Wie wäre es zum Beispiel mit Schubecks Rotem Zwiebelkraut? Selbst die moderne Molekularküche darf nicht fehlen, auch wenn man sich fragen kann, ob dies wirklich so deutsch ist und zum Thema passt: Rote-Bete-Bouillon Fest-Flüssig mit Wasabi. Das kann beim Nachkochen nur schief gehen, ich muss allerdings gestehen, dass ich es nicht probiert habe. Auf der anderen Seite darf dann natürlich die Soljanka die Küche der DDR repräsentieren. Aber mehr als ein Kochbuch ist dieses Buch ohnehin ein Buch für den kulturinteressierten Leser, sei er Koch oder auch nicht. So steht das Nachkochen hier nicht im Mittelpunkt, auch wenn ich beim Lesen gelegentlich schon Appetit bekommen habe.

Zu den Rezepten und den Beschreibungen der Epochen gibt es denn noch ein paar Spezialthemen. Deutsches Essen, das ist Brot, Bier und Wurst. Und so werden diese und weitere Themen noch zwischen den Kapiteln durch eigene, epochenübergreifende Artikel erläutert. Für mich ist das eine gute Ergänzung, denn so ein Thema wie deutscher Wein zieht sich doch quer durch alle Zeitgeschichte. Insgesamt hatte ich damit sehr viel Spaß beim Lesen dieses Buches, dem ich eine etwas aufwendigere Machart gewünscht hätte. Die vielen Bilder hätten auch eine farbige Reproduktion verdient. Und Papier und Druckweise gehören in diesem Fall nicht zu den Spitzenleistungen der deutschen Buchkunst – aber vielleicht waren hier ja auch kostenbewusste Köche am Werk und nicht die bibliophilen Handwerker, die ich sonst so liebe.

Veröffentlicht im Juli 2008

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