Kochbuch von Luke Nguyen: VIEATNAM

Kochbuch von Luke Nguyen: VIEATNAM ★★★★☆

VIEATNAM. Das vietnamesische Kochbuch
Luke Nguyen, Fotos Benson + Boyd, Collection Rolf Heyne (2010)
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Katharina Höhnk

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Luke Nguyen nimmt seine Leser auf eine Reise durch die regionalen Küchen Vietnams mit. Er beweist Konsequenz, denn er präsentiert die Rezepte, wie sie ihm überliefert wurden. Sein begleitender Reisebericht beherzigt ebenso das spannende Vorhaben, ein realitätsnahes Bild des Landes mit seinen Traditionen des Kochens & Essens zu entwerfen.

Für den Leser bieten sich Entdeckungen, zu denen er selbst als Reisender wohl kaum Zugang hätte, und die mitunter Toleranz im Sinne von „fremde Länder, fremde Sitte“ einfordern. Bei der Umsetzung der Rezepte von Luke Nguyen ist ein wenig Phantasie erforderlich. Denn der kulinarischen Authentizität folgt die Wirklichkeit, dass sie nur vor Ort 1:1 umsetzbar ist: Gemüse, Gewürze etc. sind hier nicht immer zu beziehen. Davon zu lesen, war aber für mich schon ein reiches Abenteuer.

Autor Luke Nguyen (Foto links) lebt und arbeitet in Sydney. Seine Eltern flohen aus Vietnam und kamen über Thailand nach Australien. Mit im Gepäck die Erinnerung an ihre Heimat, Rezepte und kulinarisches Wissen, die sie an ihre Kinder weitergaben. Das taten sie wohl auf eine so lebenszugewandte Art und Weise, dass Luke heute mit seiner Schwester Pauline und seinem Schwager Mark ein sehr erfolgreiches (und offensichtlich schickes) Restaurant führt.

Luke NgyuenMit seinem Kochbuch ist er noch mehr kulinarischer Botschafter Vietnams geworden. Sein Interesse bei diesem Projekt gilt der Authentizität der Küche, modern und zeitgemäß präsentiert. Herauskommen ist ein prächtiges Kochbuch mit einem kulinarischen Reisebericht. Besonders daran ist, dass sich Luke Nguyen aufgrund der Tatsache seiner Physis gleich einem Einheimischen und der fließenden Sprachkenntnisse der Zugang zu Küchen eröffnete, die jemanden wie mir verschlossen blieben – das ging soweit, dass mir mitunter der Atem stockte. Und so ist Vieatnam auf seine Weise ein Unikat, denn dem Autor gelingt es in Anbetracht dessen, was da köchelt, sich den Blick des Fremden und Kenners gleichzeitig zu bewahren.

Luke NgyuenDie Buchkapitel mit Originalrezepten folgen den Reisestationen von Luke Nguyen und seiner Lebenspartnerin bzw. Familie vom hohen Norden in den Süden nach Saigon. Reich bebildert mit Fotografien von Land und Leuten sowie fast aller Gerichte ist das Buch mit knapp 350 Rezepten hinsichtlich Ausstattung kaum zu übertreffen. Was mir besonders gefiel, war das Layout und insbesondere die verwendeten Farben: Die Sand- und Erdtöne fangen das Land naturgetreu ein und versuchen sich nicht als Reisekatalog mit blauem Himmel. Der morbide Charme wird durch die Foodfotos mit der für die vietnamesische Küche bestimmenden frischen Elementen belebt.

Wer Lukes Erzählungen liest, sollte die Weisheit „fremde Länder – fremde Sitten“ stets parat halten. Der Autor ist so mutig und berichtet über kulinarische Eigenheiten, die bei uns ein leichtes Gruseln (und mehr) verursachen: Ein Hundekopf in der Suppe, das Aroma von Schlangen (+ Foto) und Hühner mit schwarzem Fleisch. Das sind natürlich seltene Adrenalin-Höhepunkte, aber sie haben mich beeindruckt. Darüber hinaus gibt es viele weitere Details, oft kleine Dinge des Alltags, die mich ins Staunen brachten. Meine kulinarische Neugierde wurde voll und ganz befriedigt. Fast bekommt man den Hals nicht voll: Eine ausführliche Warenkunde wäre toll, dachte ich. Aber ganz ehrlich, dann wäre Vieatnam wohl in ein kaum zu stemmendes Buchprojekt ausgeartet, bei dem die Benutzerfreundlichkeit von der Seitenanzahl erstickt worden wäre.

Luke NgyuenSeine Rezeptauswahl bleibt dem Vorhaben treu. Häufig ist der aromatische Clou allerdings eine Zutat, die es hier nicht gibt, die aber mit Phantasie und Wille ersetzt werden kann. Dabei entfällt mitunter der Aha-Effekt, von dem Luke schwärmt, aber gelernt habe ich trotzdem einiges. (Vor allem die großzügige Beigabe von Zucker. Wow!) Meine einzige Kritik: Bei der Zusammenstellung seiner Gerichte bestimmen Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte die Rezepte. Will man ein typisch vietnamesisches Essen zubereiten, dann gehören – wie Luke selbst zu Anfang erläutert – viele Gerichte zusammen, auch Salat, Gemüse und natürlich Reis. Hier wäre es gelungener gewesen, wenn er pro Kapitel eine Auswahl von Gerichten zusammen gestellt hätte, die eine Mahlzeit ergeben und von allem etwas bieten, eben auch die “little things”.

Apropos fremde Sitten, es geht auch anders herum: Erfreut haben mich mehrere Kohlrabi-Rezepte. Luke Nguyen begegnete ihm auf seiner Reise erstmalig, war fasziniert und schwärmte von dem Kohl.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Januar 2010

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