Leif Karpe: Viva a sardinha! Ein kleiner Fisch, ganz groß

Leif Karpe: Viva a sardinha! Ein kleiner Fisch, ganz groß

Viva a sardinha! von Leif Karpe
Lektorat: Johanna Schwenk, Illustration: Ana Pinheiro Chiote
Foto: Valentine Goldmann

KarpeVon Leif Karpe

Die Vorgeschichte

Als Herr K. eines Mittags seine gewöhnliche Sardinenbüchse öffnete, stellte er fest, dass die Sardinen grünlich leuchteten. Erstaunt legte er das Stück Weißbrot zur Seite und schob seine Nase vorsichtig über die geöffnete Büchse. Die Fische rochen völlig normal. Mit zwei Fingern hob er die Büchse an und schaute nach dem Verfallsdatum: die Sardinen waren laut Auszeichnung noch gut dreieinhalb Jahre haltbar. Herr K. wendete die Büchse hin und her, aber er hatte sich nicht getäuscht: von den kleinen Tieren ging ein schwaches Glimmen aus.

Zwar hatte er für die Ölsardinen der Marke „Isabel“ nur 60 Cent bezahlt. Dennoch ging er am nächsten Tag noch einmal in den Supermarkt, um das Produkt zu reklamieren. Dort staunte man nicht schlecht. Der Marktleiter öffnete persönlich noch vier bis fünf weitere Dosen, deren Inhalt jedoch einwandfrei war. Man entschuldigte sich inständig und schickte ihn mit einem stattlichen Warenkorb als Entschädigung nach Hause. Einen Lebensmittelskandal konnte sich im Moment keiner Leisten. Seit den letzten bakteriellen Verunreinigungen in Futter- und Lebensmitteln schien die Öffentlichkeit wie eine Meute scharfer Hunde an den Grenzwerten zu lauern.

Man schickte die Sardinen vorsorglich in ein Lebensmittellabor. So wie ein Apfel dem anderen möglichst gleichen sollte, konnte man auch bei den Sardinen keine Ausnahme machen. Doch auch das Labor konnte keine Anzeichen von Fäulnis oder erzeugnisfremden Stoffen finden. Es gab einfach keine Erklärung für diesen kleinen aber nicht unerheblichen Unterschied. Das grüne Leuchten blieb ein Rätsel und ein wohl gehütetes Geheimnis. Intern verständigte man sich darauf, unter dem Vorwand einer Routineuntersuchung einen Lebensmittelkontrolleur zu entsenden, um der Sache auf den Grund zu gehen.

SardineEin kleiner Fisch hebt ab

„Die Sardine zeichnet sich durch einen langgestreckten, seitlich leicht zusammengedrückten Körper aus. Er verrät eine schnelle und ausdauernde Schwimmerin. Der relativ kleine und zugespitze Kopf wird durch einen vorspringenden Unterkiefer gekennzeichnet. Die gleichschenklige Rückenflosse ist genau über der Körpermitte aufsitzend. Die Schwanzflosse weitgabelig. Die den Körper mit Ausnahme des Kopfes und der Flossen bedeckenden Schuppen sind rund bis herzförmig und fallen bei Berührung leicht aus. Längs der Bauchkante verläuft eine Reihe von Kielschuppen. Sie lassen sich feststellen, wenn man mit einer Fingerkuppe entlang der Bauchkante in Richtung auf den Kopf zu streicht. Man glaubt dabei ein feines Sägeblatt zu berühren…“

Martin Mautzner fuhr sich mit dem Finger über seine winzigen Bartstoppeln, nahm seine Brille ab und legte das Bestimmungsbuch zur Seite. Das Flugzeug hatte schnell beträchtlich an Höhe gewonnen und steuerte nun zielsicher auf den Rand Europas, auf Lissabon zu.

Er griff unter den Sitz und zog seine Tasche ein Stück hervor. Seine Sitznachbarin schaute bereits auffordernd auf Mautzners Gepäckstück, es möge doch recht bald zum Vorschein kommen, was da gesucht wurde. Doch damit hatte sie vermutlich nicht gerechnet: Mautzner zog eine kleine gelbe Sardinendose hervor und legte sie feierlich auf sein ausgeklapptes Plastiktischchen. Die Dame schaute ihn misstrauisch an.

Der Markenname „Isabel“ stand auf der Dose. Die Zeichnung auf dem Deckel wirkte auf ihn fast wie eine Szene aus einem Film: Eine junge Frau, die mit einem Kopftuch bedeckt und strahlend weißen Zähnen, in die Kamera lächelt. Sie erschien ihm seltsam vertraut und er fragte sich: „Wer war sie wohl im realen Leben?“ Im Hintergrund ein paar Häuser und ein Leuchtturm auf einer Klippe. Ein paar Boote auf dem Meer. Er drehte die Dose: sie kam aus Peniche, Portugal. Peniche, das klang für ihn wie ein Ort, den man nur in seiner Phantasie besuchen konnte. Nun aber war er auf dem Weg dorthin.

Mautzner wollte sich sogleich an die Arbeit machen. Schließlich war er nicht zum Vergnügen hier. Fachmännisch setzte er seinen rechten Zeigefinger in den Verschlussring, und knack, öffnete die Büchse bis zur Hälfte. Da lagen sie. Seite an Seite, eine wie die andere. Fasziniert schob Mauztner seinen Kopf etwas nach vorne. Er griff nach seinem Aktenordner, Gemeinsame Vermarktungsnormen für Sardinenkonserven vom 21. Juni 1989.

Karpe„Für Sardinen oder Sardinenteile gilt in Bezug auf die in Artikel 4 Nummern 1 bis 5 beschriebenen Aufmachungsformen folgendes: Sie müssen von weitgehend einheitlicher Grösse sein und sich gleichmäßig auf das Behältnis verteilen“.

„Eine wie die andere“ dachte Mautzner, fast wie die Bleistifte auf seinem Schreibtisch. Mit chirurgischer Vorsicht schob Mautzner seine Plastikgabel unter eine Sardine und ließ sie ein wenig abtropfen. Der samtige Geruch des Öls begann sich in den Sitzreihen auszubreiten. Schon war eine Stewardess zur Stelle. „Darf ich ihnen vielleicht noch ein Sandwich oder etwas anderes dazu von der Snack-Karte bringen?“ fragte sie ihn und beugte sich nah zu ihm hinunter. Zu nah. Zartes Parfum strömte von ihrem Hals in seine Nase, das im Kontrast zu dem Fischdosengeruch stand. „Nein, nein“ sagte Mautzner abwehrend. Aber sie ließ nicht locker. „Etwas zu Trinken vielleicht dazu?“ Sie schaute auf seine geöffnete Konserve. Mautzner schaute stur nach vorne. Was bestellte man in einem Flugzeug? „Einen Saft oder Weißwein?“ Schließlich verkaufte sie ihm einen Weißwein für vier Euro achtzig. Das war ein stolzer Preis. Er rechnete nach: Dafür würde er acht Dosen Sardinen bekommen- in jeder Dose befinden sich 5 Fischhälften, also 2,5 Fische – das macht 20 Fische für ein Glas Wein! Mittlerweile schien sich das halbe Flugzeug für den Inhalt der kleinen Dose zu interessieren. Unter den Blicken der Mitreisenden schob er sich nun einen fingerlangen Fischkörper in den Mund. „Rauh“ fand Mautzner. „Rauh aber auch zart“. „Der Salzgehalt: hoch aber nicht zu hoch“. Er schätzte jetzt die Wirkung des Weißweins und lehnte sich einen Moment zurück und schloss die Augen. Als Junge hatte er sich weniger geniert, die Dosenfische zu essen. Es war der Fisch seiner Kindheit, als man auf dem Land noch kaum frischen Fisch bekam. Heute verlangt es ja den Kunden nach Loup de Mer und nach Teufelsfisch, nach Doraden und nach Pangasius und nicht selten verlässt er sich dabei auf den Klang des Namens denn auf die Qualität des Fisches. Es ist immer die Idee des Edlen und des Teuren, dachte Mautzner, doch ein Zuchtpangasius schmeckt so delikat wie gut gewässerter Pappkarton, und der Red Snapper ist der Fisch für vulgäre Emporkömmlinge! Ölsardinen. Arme Leute Essen. Der Ruf dieses kleinen Fisches, er ist wirklich schlecht. Die Sardine ist mehr ein Synonym denn ein Fisch. Zu Unrecht, fand er…

KlinkTEXTAUSZUG
Aus Viva a sardinha! Ein kleiner Fisch, ganz groß, veröffentlicht in Nr 48 Garten Eden der Edition Häuptling eigener Herd, herausgegeben von Vincent Klink. Zu bestellen über www.haeuptling-eigener-herd.de. (Sehr lesenswert!)

KarpeDER AUTOR
Leif Karpe, Jahrgang 1968, ist Filmemacher und lebt in Berlin. Seine Lieblingsbeschaeftigung sind Reisegeschichten. Als Autor veröffentlichte er in Zusammenarbeit mit Bettina Arlt u.a. die Buecher Mit Carmen durch Sevilla und Mit Lola durch Berlin. Mit Anna Thalbach produzierte er das Hörspiel Die Tunisreise – Die Entdeckung der Farbe.

 

Veröffentlicht im September 2011

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