Kulinarische Literatur 2015

Kulinarische Literatur 2015

Von Katharina Höhnk

Kochen und essen bedeutet ja nicht nur unsere tägliche Ernährung, sondern ist Teil unserer Kulturgeschichte, die täglich weiter gewürzt wird. Mancher Rückblick der u.a. Bücher führt zu erstaunlichen Einsichten. Wenn wir zum Beispiel eine Gabel zum Mund führen, dann ist das eigentlich eine recht junge Angewohnheit. Ludwig der XIV zum Beispiel lehnte diese noch komplett ab und bevorzugte das Messer und seine fünf Finger. Eine ungewohnte Vorstellung des legendären Sonnenkönigs, der doch immer nur im Kontext mit Dekadenz und Stil dargestellt wird.

Andererseits stößt man beim tiefen Blick in die Gegenwart auf ebenso interessante Entwicklungen wie Thesen, zum Beispiel was eigentlich wirklich hinter dem Gesundheitsrend steht? Für das intellektuelle Amüsement empfehle ich daher diese Bücher.

 

kochbuch-tastemakers-david-sax-valentinasTastemakers
Fondue, Cupcake und Smoothie: Wie unser Geschmack erfunden wird

David Sax
Residenz Verlag, 2015
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Video: siehe unten

Food-Trends berieseln uns, umschwärmen unsere Budgets und entwickeln soziale Dynamik. Aber wie entstehen sie? Oliver Sax unternimmt den Versuch, exemplarisch anhand von Chia, Ceviche und Streetfood zu analysieren, welche Trendarten es gibt, wie sie ausbrechen und welche Rolle sie gesellschaftlich spielen. Man könnte kritteln an Stil und ausschließlichem US-Bezug etc., aber ich fand die Lektüre in jeder Hinsicht eine Bereicherung – einmal aus dieser Perspektive das Geschehen zu beobachten und für die Zukunft die Augen zu schärfen.

 

kochbuch-kulturgeschichte-essen-trinkenKulturgeschichte des Essens und Trinkens
Gert von Paczensky & Anna Dünnebier
Orbis Verlag
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Nein, keine Neuerscheinung, sondern ein Evergreen. Der im vergangenen Jahr verstorbene Gerd von Paczensky ist Teil des kulinarischen Lebens in Deutschland, früher höchstselbst, heute wirkt sein Werk fort wie dieses großartige Buch. Zusammen mit Anna Dünnebier stellt er hier die Kulturgeschichte des Essens & Trinkens in der Weltgeschichte, aber immer wieder insbesondere für Deutschland dar und zwar mit einem besonderen Blick neben den Klassikern von Brot, Auswärts essen und Üppigkeit. Sie finde sich u.a. in den Kapiteln Die Küche der Armen, Patriarchat an Tisch und Herd sowie Wege in den Hunger. Ein Buch, das Verständnis für das große Ganze füttert. Sehr empfehlenswert. (Und jetzt noch günstig antiquarisch zu kaufen ist.)

 

am-beispiel-der-gabelAm Beispiel der Gabel
Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge
Bee Wilson
Insel Verlag, 2014
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Wer einmal auf die Selbstverständlichkeiten der Küche einen neuen Blick werfen oder ihren praktischen Wert als innovative Erfindung betrachten möchte, der wird in diesem unterhaltsamen Sachbuch fündig. Die Foodhistorikerin erläutert detailreich, wie die Werkzeuge von Pfanne bis Messer und Schneebesen wurden, was sie sind und wie sie die Arbeit in der Küche veränderten bzw. die herrschende Etikette. Auch ganz praktische Tipps für die Spezialisten unter uns sind dabei, zum Beispiel was der Unterschied zwischen einer britischen Muskatreibe und japanischen Ingwerreibe ist. Die Auflösung gibt es auf Seite 234.

 

kochbuch-huhn-ei-at-valentinasHuhn & Ei
Haltung, Rassen und Rezepte


Mark Diacono
AT Verlag, 2015
Leseprobe
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Etwas mehr Landwirt sein, über den Gemüsegarten hinaus ist ein Bedürfnis, das in manch städtischen Vorgarten einzieht. Nicht nur Nutzpflanzen, nein, auch Nutztiere sollen es sein. Spätestens hier fällt die Wahl auf Hühner, so meine Beobachtung. Die Tiere erscheinen in der Aufzucht als Selbstgänger und dieser Doppelertrag – Ei & Suppenhuhn – muss eine Verlockung sein. Für solche Tierhalter in spe ist dieses Buch perfekt. Denn mit dem Geflügel kommt auch neue Verantwortung: die Rasse muss richtig ausgewählt, das Futter stimmig und der Auslauf ausreichend sein und dann gibt es auch mal unerwartete Todesfälle – und nicht immer ist es Fuchs oder Mader. Hier wird kundig gelehrt und selbst die Nachbarn werden sich vielleicht auf den morgendlichen echten Hahnenschrei freuen.

 

kochbuch-the-deliciousThe Delicious
A Companion to New Food Culture


Giulia Pines, Robert Klanten, Sven Ehmann
Gestalten
, 2015
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Jede Zeit hat seine Protagonisten und Themen. Wie auch in seinem Vorgängerwerk New Food Culture widmet sich der Bildband The Delicious seine Aufmerksamkeit ausschließlich dem Jetzt und zwar weltweit. Hier finden sich Food-Entrepreneure und ihre – immer stilvollen – Unternehmungen. Der erste kulinarische 3D-Printer, der neue Tee-Trend (I love!) oder die Kochbuch-Reihe Short Stack Editions. Letztere ist übrigens aus einer Crowdfunding-Kampagne hervorgegangen. Auch dabei … die fabelhafte Sabine Hueck und ihr Atelier Culinario in Berlin.

 

Veröffentlicht im Dezember 2015

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