Kochbuch von Yvette van Boven: Home Made – Natürlich hausgemacht

Kochbuch von Yvette van Boven: Home Made – Natürlich hausgemacht ★★★★★

Home Made – Natürlich hausgemacht
Yvette van Boven, Fotos Oof Verschuren, Dumont Verlag (2012)
Mehr über den Kochbuch-Verlag

Katharina Höhnk

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Favorit von Anfang an

Ein Familienfest ohne Kochbücher? Gibt es nicht bei uns. Wenn bei uns die Familie zusammen trifft, dann reise ich mit einem Koffer Kochbücher an. Die Bücher stehen tagelang quasi unter Beobachtung. Rezepte werden vorgelesen, Kuriositäten bestaunt und Langweiligkeit moniert. Kurz: Am Ende hat jeder zu jedem Kochbuch eine erste Meinung. Home Made von Yvette van Boven war in diesem Frühjahr unser Favorit. Hier schreibt eine Seelenverwandte, fanden wir. Aber davon später.

Yvette van Boven lebt in Amsterdam. Zusammen mit ihrem Cousin führt sie das Bistro Aan de Amstel und ein Catering. Sie ist außerdem Illustratorin und Autorin. Eine schöne Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, so wirkt es. Eitel ist sie nicht. Das steht fest. Sonst hätte sie wohl eher den Verlagsvertrag zerrissen, als dass sie fast schielend und Rotwein schlürfend auf der Umschlagrückseite (U4) präsentiert wird. Zuhause haben wir uns kaum eingekriegt vor Gelächter. Voller Sympathie für die mutige Frau.

Home Made trifft den Zeitnerv und ist doch durch und durch geerdet. Genau die Mischung gefällt mir. Wo man gerade hinschaut: Kochen gehört zum Lifestyle. Selbermachen ist das Thema. Stilistisch wird das gerne proper inszeniert. Es sieht hübsch aus, aber danach geht es mir oft so, als hätte ich mich an klebrig-süßen Popkorn überessen. Bei Yvette ist das nicht so.

Ihr Buch ist so geerdet, dass der so gar nicht lifestylige Familienfreund George das Buch eröffnet. Familienfreund George sehen wir beim Marmelade-Einmachen. Ein rührender älterer Heer, mit kurzen Hosen (!), dünnen Beinen, kariertem Hemd und einer Bräune, wie sie nur den Franzosen jeden Sommer geschenkt wird. Der Schuppen zum Marmelademachen – ich traute kaum meinen Augen – ist ein Ort mit Flecken, die sicher auch aus dem letzten Jahrhundert stammen (Seite 13). Noch größer wurden meine Augen, als ich die Fotos der Terrineherstellung betrachtete. Manchmal ist da mehr Bauch des helfenden Freundes auf dem Foto als Terrine. Genau diese persönlichen Fotos machen den Charme im Mix mit den stylischen Yummi-Aufnahmen. Sowieso, Home Made ist ein prächtiges Buch mit stolzen 430 Seiten.

Der Titel ist hier Konzept. Jedes Kapitel beginnt mit einer reich fotografierten Anleitung, wie ein Basisrezept selber gemacht wird. Das geht vom Tee (Hagebutten-Zitronen-Tee steht auf meiner To-do-Liste), Käse bis zum Likör u.v.m. Es folgt eine Doppelseite mit einer reichen Anzahl Rezeptvarianten. Ich fand das inspirierend. Neben mir steht ein erster Schwung großer Weckgläser. Diesen Sommer geht‘s los.

Ihre Rezepte stammen aus Ländern, in denen sie viel Lebenszeit verbrachte: Holland, Frankreich, Italien und mehr. Kulinarische Vielfalt. Es sind – und das hat mich zunächst doch erstaunt – einfachere Rezepte mit einem little Twist. Erst später las ich ihre einleitende Worte, dass sie in ihrem Buch zeigen will, wie einfach es ist, Speisen zuzubereiten. Ja, das gelingt ihr. Übrigens: Ihr „einfach“ ist keinesfalls zu verwechseln mit Fast, easy, fresh-Rezepttypen. Zeit sollte da sein für Lammkeulen mit Brennessel-Schafskäse-Pesto, Schwarzwurzel- und Möhrensticks mit Gorgonzola gratiniert und Rotolo mit Spinat sowie Rosmarinbutter. Schnellere Speisen gibt es, nicht ganz so stark bestückt: Salat mit gegrilltem Fenchel, Makrelenfilets mit Lorbeer, Knoblauch und Chili, Spargel mit Petersilien-Gremolata. Hach, da bekommt man Hunger. Geschmeckt haben ausnahmslos alle. Und das Kochen ging so schön von der Hand.

“Ich habe gelernt, erfinderisch zu sein und mit dem zu kochen, was ich habe. DAS wollte ich auch in dieses Buch stecken: Dass man sich nicht aus dem Konzept bringen lässt, wenn es keine Heidelbeeren gibt, sondern schaut, was stattdessen da ist.” Yvette begleitet ihre Rezepte mit diesem feinen Singsang, was auch ginge und was morgen damit ist. In diese Weichheit der Möglichkeiten, der Saison lässt man sich als Köchin gerne fallen. Zudem schreibt sie humorvoll. Ich folgte gerne der Anweisung, auch nicht heimlich den Backofen zu öffnen.

Wenn Ihr die Fotos dazu sehen würdet, wäre es auch um Euren Appetit geschehen. Die Rezepte sind reich bebildert, durchzogen von Kerzen- oder Sonnenschein, es leuchtet warm. Yvettes Scherenschnitte haben es mir besonders angetan. Ich fragte mich: Photoshop oder auch Home Made? Sicherlich letzteres. Wunderbar ist die Papierqualität: glatt, kühl, schwer und klasse, dass so gar keine Farbgerüche durch die Seiten streifen, wie es inzwischen häufig vorkommt. (Ah, da steht‘s: Printed in Germany. Well done.)

Ach, jetzt muss ich noch zu Ende erzählen, warum meine Familie ihr Herz an dieses Buch so eindeutig vergab. Wir lieben Hunde. Den Airedale-Terriern gehört unsere alleinige Zuneigung. In Yvette von Boven haben wir eine Seelenverwandte gefunden. Ihr letztes Kapitel lautet: „Do not forget the dog“. Drei Rezepte Hundekuchen. Danke!

 

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Mai 2012

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