Kochbuch von Yotam Ottolenghi: Simple

Kochbuch von Yotam Ottolenghi: Simple ★★★★★

Simple – Das Kochbuch
Yotam Ottolenghi
Fotos: Jonathan Lovekin
Dorling Kindersley Verlag (2018)
Mehr über den Verlag

Sylvia Peters

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Ich stelle mir ein Gespräch zwischen Ottlolenghi und dem Verlagsleiter oder Herausgeber vor. Sag mal, Otto (so viel Intimität muss da sein nach so vielen erfolgreichen Kochbüchern), kannste nicht mal was Simples machen? Ohne tausenderlei Zutaten, die man nicht mal aussprechen, geschweige denn im nächsten Supermarkt kaufen kann?

Och nö, sagt Ottolenghi, das schaff ich nicht. Außerdem gibt’s doch schon genug Kochbücher von mir, ich muss mich auch mal um meinen Sohn und meinen Laden kümmern. Ja, aber das läuft gerade. Ist wie bei Kochbuch von Jamie Oliver: Jamie kocht Italien, der bringt doch auch alle vier Wochen ein neues Exemplar raus. Jetzt ist der studierte Feingeist beleidigt. Müsst ihr mich immer mit dem vergleichen? Okay, aber was ist mit Diana Henry? Ich denke, du würdest alles essen, was sie kocht, Otto? Das hast du mal gesagt! Die hat auch so ein Simpel-Dingens geschrieben! Sieh es doch mal als Herausforderung!

Wir kennen die genaue Geschichte nicht, aber keiner, der schon mal ein Rezept von Yotam Ottolenghi (Foto links) gesehen hat, würde es als simpel bezeichnen wollen, zumal ja sowieso der Distinktionsgewinn, den man beim Nachkochen und stolzen Servieren hat, genau der Witz ist – Sumach, Zaatar, Berberitzen, schwarzer Knoblauch, eingelegte Zitronen, Isot Biber, Rosen-Harissa, Tahin … nein, das ist kein dadaistisches Gedicht, sondern es sind typische Ottolenghi-Zutaten. Die Lobeshymnen auf seine Kochbücher sind zahlreich und so volltönend, dass man fürchtet, die Gerichte vor lauter Ehrfurcht kniend nachzukochen.

Was heißt Simple eigentlich genau?

Nun hat sich der gute Kerl aber wirklich Mühe gegeben, mit seinen Mitstreiterinnen Tara Wigley und Esme Howarth Buch und Rezepte übersichtlich zu gestalten, und zwar nach folgendem Muster: Anhand farbiger Symbole funktioniert die Orientierung nach „Schnell fertig“, „Nicht mehr als 10 Zutaten“, „Lässt sich vorbereiten“ und „Aus dem Vorrat“, „Macht sich fast von allein“ (welches als Symbol am seltensten vertreten ist) und „Einfacher als gedacht“. Die Kapitel sind klassisch in Brunch, Gemüse, Nudeln, Fisch, Fleisch und Dessert geteilt. So weit, so übersichtlich. Unter „Simple“ mag jeder etwas anderes verstehen – heißt es schnell gekocht oder gerührt, schnell fertig, nur mit drei Handgriffen, mit wenigen Zutaten oder mit einfach zu beschaffenden oder billigen?

Ich bin streng nach Plan vorgegangen und habe mir sämtliche Zutaten, die er in einem kleinen Abschnitt als typisch und unerlässlich bezeichnet, besorgt, sogar genau die empfohlene Marke „Belazu“ (von dort kommen Rosen-Harissa und die eingelegten Zitronen). Derart präpariert, schrecke ich vor nichts mehr zurück. Nur schwarzen Knoblauch gab es partout nicht.

Den Gastgeber wachgeküsst

Wenn man den wunderschönen, mit zwei Lesebändchen versehenen, haptisch angenehmen und reich bebilderten Band (wieder vom Fotografen Jonathan Lovekin, der den Style der Gerichte hervorragend einfängt und transportiert) durchblättert, wünscht man sich handverlesene Gäste und einen überlangen Tisch. Viele Gerichte sind untereinander zu kombinieren bzw. funktionieren als Mezze-Tafel, wie auch vom Autor vorgeschlagen.

Zum Weiterlesen

Website von Yotam Ottolenghi

Mehr von Yotam Ottolenghi bei Valentinas

Es ist dieser typische wilde Ottolenghi-Mix aus Produkten, die erst auf den dritten Blick zusammenzupassen scheinen. Kirschkompott kommt auf einen süß-salzigen Cheesecake, Reisnudeln werden mit Gurke, Apfel und Mohn getoppt, Blumenkohl wird mit Eiern und Mayonnaise serviert. Aber es gibt auch vertraute Dinge wie Couscoussalat, Zitronenhuhn und gerösteten Blumenkohl, die dagegen schon regelrecht konservativ anmuten.

Die anvisierte Zahl von zehn Zutaten wird häufig überstiegen, man sollte sich also nicht darauf verlassen. Das Maisbrot mit Cheddar, Feta und Jalapeño-Chili bringt es auf 21 Zutaten. Aber wir wollen nicht kleinlich sein; Ottolenghi zählt einfach die gängigsten Sachen wie Zucker, Salz, Pfeffer, Olivenöl usw. nicht mit – und schon kommen wir mit etwas gutem Willen und Augenzudrücken auf zehn Zutaten.

Mir haben es vor allem die kleinen Gemüse- und Brunchrezepte angetan, bei denen es auch unter den Gästen viele erwartbare „Ohs“ und „Ahs“ gab. Nur die Kinder, leider etwas kulinarisch unterbelichtet und schwer pizza- und spaghettiabhängig, konnte ich kaum von etwas überzeugen, außer von den Keksen aus der Dessert-Abteilung.

Ottolenghi ist das richtige Essen zur richtigen Zeit – das kulinarische Interesse ist groß, die Zeit zum Essenkochen knapp, entsprechend wird im Gegentrend auch wieder zelebriert und das Multikulturelle betont. Insofern fällt genau der Stil dieses Autors auf fruchtbaren Boden bei Leuten, die neugierig sind, vielleicht reisefreudig und weltoffen, und die diesen wilden levantinischen Mix schätzen, der mit unserer Kinderküche manchmal sehr über Kreuz liegt. Als Einstieg in den kulinarischen Ottolenghi-Kosmos ist das Buch sehr zu empfehlen. Wer schon alles (von Ottolenghi) hat, wird vielleicht allzu Bekanntes wiederfinden.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im April 2019

1 Kommentare

  1. Daniela

    Das Kochbuch beinhaltet tatsächlich ein paar sehr feine einfache Gerichte. Gleichzeitig gibt es Rezepte, die angeblich in 5 Minuten zubereitet sein sollen, wenn…. ja, wenn man Stunden oder am Tag zuvor schon mal die ganzen Vorarbeiten geleistet hat. Einige Rezepte benötigen Backzeiten von mehr als 1 Stunde, der Sellerie aus dem Ofen z.B. (2-3 Stunden) ist dafür ein Hammerrezept.
    Ottolenghi und simpel geht meiner Meinung nach nicht durchgängig „in einen Topf“, aber der Versuch war es wert, wie in allen Kochbüchern von ihm gibt es eine Menge Inspirationen.

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