Kochbuch von Yotam Ottolenghi: Genussvoll vegetarisch

Kochbuch von Yotam Ottolenghi: Genussvoll vegetarisch ★★★★★

Genussvoll vegetarisch.
mediterran-orientalisch-raffiniert
Yotam Ottolenghi, Fotoa J. Lovekin
Dorling Kindersley Verlag (2011)
Mehr über den Kochbuch-Verlag

Annick Payne

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Beim Lesen von Ottolenghis neuestem Kochbuch kommen Appetit und das Verlangen, ein bestimmtes Rezept unbedingt nachkochen zu wollen, mit beglückender Häufigkeit auf. Yotam Ottolenghi, Philosoph und Besitzer von vier Londoner Restaurants, gehört zu den nicht mehr ganz neuen Lieblingen der englischen Gastroszene, der u.a. eine wöchentliche Zeitungskolumne schreibt und Kochkurse gibt. Sein erstes, mit seinem Geschäftspartner Sami Tamimi verfasstes Kochbuch Ottolenghi: The Cookbook ist bislang nur auf Englisch erschienen, wenn der vorliegende Band sich so gut verkauft, wie er es verdienen würde, kann man hoffen, dass auch dieser auf Deutsch erscheint.

Leider sehe ich hier gewisse Hindernisse, denn Verpackung wie Titel des vorliegenden Bandes sind bemerkenswert abstoßend. Der lilafarbene, wattierte Umschlag ist derart unattraktiv, dass ich dieses Buch niemals zum Stöbern in die Hand nehmen würde, wenn mir der Name Ottolenghi nicht bereits bekannt wäre. Dies wird wohl aber nur auf einen kleinen Teil potentieller Käufer zutreffen. Und wer hat den Titel “Genussvoll vegetarisch” zu verantworten? Mir suggeriert vegetarisch in erster Linie Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, also Entsagung statt Genuss.

Eine neue Perspektive aufs Gemüse

Wie anders dagegen der Originaltitel “Plenty”, also Reichtum, Überfluss. Hier fühle ich mich angesprochen, denn ich muss weder Fisch noch Fleisch ablehnen, um Gemüse ob ihrer geschmacklichen Vielfalt, ihres Reichtums (Plenty!) zu geniessen. Das Wort vegetarisch ist zu dogmatisch besetzt, um das erfrischend entspannte Verhältnis des Autors zu vegetabilen Genüssen wiederzuspiegeln und seine intendiert heterogene Leserschaft anzusprechen. Man kann hoffen, dass der Verlag Titel und Umschlag für die nächste Auflage überdenkt.

Schafft man es, das Buch aufzuschlagen, empfängt einen ein freundliches Layout. Innere Umschlagseiten und Titelseiten der einzelnen Kapitel zieren Strichzeichnungen, nicht jedes, aber doch viele Rezepte sind mit stimmungsvollen, appetitanregenden Fotos von Jonathan Lovekin, der insbesondere durch seine Zusammenarbeit mit Nigel Slater bekannt ist, illustriert. Auf knapp dreihundert Seiten finden sich ca. 115 Rezepte, die fünfzehn Kapitel widmen sich verschiedenen Gemüsearten, aber auch Getreide, Pasta, Früchten. Dass es hierbei Überschneidungen gibt, ist unvermeidlich, ein Blick in die Zutatenliste des Registers hilft weiter.

Rezepte von schnell bis zeitintensiv

Die einzelnen Rezepte sind übersichtlich aufgebaut, einer kurzen Einführung folgen Zutatenliste und Kochanleitung. Letztere sind für mein Empfinden ausgewogen und zuverlässig, die Qualität der erkochten Gerichte war durchweg gut bis hervorragend. Einzig bei zwei Rezepten musste ich geringe Korrekturen vornehmen. Ein kleiner Hinweis darauf, dass gewisse Produkte wie Bulgur in nicht nur einer genormten Form vorkommen, hätte nicht geschadet. Die Rezepte reichen von schnell und einfach bis zeitintensiv, furchtbar schwierig erscheint mir aber keines. So lässt sich für jedermann und jederzeit das Passende finden.

Der Autor lädt an verschiedener Stelle zum Querlesen ein, ich selber habe fröhlich wie erfolgreich verschiedene Teilrezepte miteinander kombiniert, auch, da Ottolenghis levantinische Küche klar in der Tradition orientalischer Mezze steht. (Links: US-Cover) Häufig verweist der Autor auf Kombinationsmöglichkeiten sowohl innerhalb dieses Buches als auch mit Fisch und Fleisch. Aber es ist nicht allein die Menge an Rezeptideen, die aus diesem Buch einen wahren Schatz (Plenty!) macht.

Dass Ottolenghi mit seinen beiden Kochbüchern Bestseller gelandet hat, ist mehr als nachvollziehbar. Zu seiner Philosophie gehört es, nur frische Zutaten zu verwenden und alles selber zu machen. Wie er auf seinem Blog anmerkt, auf dem sich u.a. auch ein Reisetagebuch und weitere Rezepte finden, treibe ihn dies zu immer neuen Experimenten. Er sei dadurch gezwungen, neue Blickwinkel zu suchen, um alles noch leckerer, sinnlicher und lebhafter zu gestalten. Seine größte Kunst offenbart sich im geschickten Kombinieren mediterraner Kräuter bis indischer Gewürze.

Mehr Mut beim Würzen!

Ottolenghi zeigt mir, dass ich beim Würzen noch viel mutiger sein kann, ohne zu übertreiben, die Kraft der Gewürze entfaltet sich vor allem in ihrer Vielschichtigkeit, weniger in der Intensität. Ich habe mit Interesse festgestellt, wie erstaunlich gut seine Rezepte auch kleinen Kindern schmecken; selbst Chili wird meist in kindertauglicher Version verwendet, Korianderblätter stießen überraschend auf Gegenliebe, lediglich der für mein Empfinden milde rosa Pfeffer war unbeliebt. Aber Vorsicht, wenn man sich erst einmal auf diese Art des Würzens eingelassen hat, fällt es schwer, davon wieder abzulassen!

Unleugbar trifft Ottolenghi den Nerv der Zeit: in einer Welt, in der das Thema Nachhaltigkeit auch in Bezug auf Lebensmittel verstärkt an Bedeutung gewinnt, und der Verbraucher durch immer neue Lebensmittelskandale verunsichert wird, ist sicherlich ein Weg in die gastronomische Zukunft der, besonders interessante und wohlschmeckende Mahlzeiten aus einfachen, vegetabilen Zutaten zuzubereiten. Wer ein Maximum an Geschmack sucht, wird bei Ottolenghi fündig werden. Für mich stellt “Genussvoll vegetarisch” eine großere Bereicherung dar. Ein Buch zum Querlesen und Schmökern, zum Appetitanregen, eines, das ich guten Freunden schenken möchte. Eine Bibel für Vegetarier und andere Gemüseliebhaber – alle Ökokistler sollten eines haben! Ich hoffe, wir werden in Zukunft noch viel von Yotam Ottolenghi hören. Bis dahin gibt es noch Einiges, was ich aus diesem Buch nachkochen will.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im April 2011

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