Kochbuch von Véronique Witzigmann: Das Marmeladenbuch

Kochbuch von Véronique Witzigmann: Das Marmeladenbuch ★★★★★

Das Marmeladen-Buch
Véronique Witzigmann
Illustrationen: Kat Menschik
Insel Verlag (2014)

Annick Payne

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Der Insel-Verlag gibt seit 1912 eine Buchreihe, die Insel-Bücherei heraus: Bände im Taschenbuchformat, jedoch hochwertig in Schmuckpapier und Pappe gebunden, die äußerlich so schön wie inhaltlich anspruchsvoll sein wollen. Alleine die liebevolle Gestaltung verlockt, ob Marmeladenbuch oder Liebesgedichte Rilkes, bei dieser Reihe fällt es allen Bibliophilen schwer, den Sammeltrieb zu beherrschen, und die thematische Bandbreite verspricht langwährendes Lesevergnügen.

In der Kategorie Kochbuch gab es in den vergangen Jahren u.a. weitere Bände zu Einzelthemen wie Kräuter, Lebkuchen oder Tee. Vor mir liegt Véronique Witzigmanns Marmeladenbuch, eingeschlagen in einen frischen Obstdruck. Auch das Innenleben bezaubert, hier wechseln sich Text und Illustrationen von Kat Menschik ab. Der Verzicht auf Fotos bringt ein Element der Ruhe mit sich, denn die Zeichnungen wie auch das elfenbeinfarbene Lesezeichen aus Papier laden zum Verweilen ein.

Doch selbstverständlich ist dies kein reines Lesebuch, es darf und soll auch gekocht werden. Die Autorin beginnt mit einer kurzen Einführung zur Erfindung der Marmelade, gefolgt von einer kleinen Warenkunde. Die eigene Person tritt gar nicht in den Vordergrund, auch dies ein angenehmer Kontrast zu modernen Celebrity-Kochbüchern.

Wer kein Obst essen will, kriegt Marmelade

Dabei könnte sie sicherlich den Weg über das Branding der eigenen Person einschlagen, denn Véronique Witzigmann ist nicht nur die Tochter des berühmten 3-Sterne-Kochs Eckart Witzigmann, sondern auch selbst eine erfolgreiche Geschäftsfrau der Feinkostbranche. Sympathisch, dass sie es nicht tut und sich ganz auf das eigentliche Thema konzentriert. Zur Marmelade kam sie, wie sie schreibt, durch ihre Tochter Marietta, die kein Obst mochte und auch Stückchen in Marmelade verweigerte.

Aus dieser „Not“ erwuchsen die ersten selbstgemachten Marmeladen, püriert und mit wenig Zucker gekocht. Es ist gerade dies, was die Marmeladenrezepte aus dem vorliegenden Band deutlich von anderen Rezepten abhebt: samtene Textur und zurückhaltende Süße. Auch wenn ich offen gegenüber unterschiedlichen Texturen bin, so begeistert mich doch die deutlich geringere Süße, weil hierdurch das Fruchtaroma stärker im Vordergrund steht. Fast glaubt man, ein Fruchtmus zu essen.

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Der Weg zu einer Marmelade mit 70% Frucht führt über den Gebrauch von Gelierzucker 3:1. Dem mögen einige skeptisch gegenüber stehen, soll er doch mehr Konservierungsstoffe enthalten, doch geschmacklich fand ich ihn recht überzeugend – die Konsistenz war durchweg gut, wobei man sich streng an die Kochzeiten halten und ggfs. lieber ein Minütchen weniger kochen sollte, denn schnell geliert er bis zu dem Punkt, dass die Marmelade fast die Konsistenz von Wackelpudding bzw. Gummibärchen bekommt. Wobei ich keine Zweifel habe, dass auch das seine Abnehmer fände… aber auch als „normale“ Marmelade kamen die aus dem Buch getesteten Sorten bei Kindern besonders gut an. Meine Tochter wünschte sich Bananenmarmelade – und ist begeistert von ihrer neuen Lieblingssorte.

Für jeden Marmeladentyp das passende Rezept

Die Marmeladen, die ich ausprobiert habe, waren durchweg einfach herzustellen: meist Zutaten 1 Std. ziehen lassen, dann ca. 5 Min. Kochzeit, pürieren, abfüllen. Dabei sind die Rezepte auf kleine Mengen ausgerichtet, die man zur Not auch in einer mittleren Schüssel im Kühlschrank aufbewahren kann, sollte gerade kein Marmeladenglas zur Hand sein – alt werden diese Marmeladen sowieso nicht.

Sehr gut gefällt mir auch die Rezeptauswahl: für jede Jahreszeit lassen sich Ideen finden, und es wird eine gute Balance zwischen einfachen Grundrezepten und ausgefalleneren Kreationen gewahrt. Marmeladen, in denen eine Obstsorte alleinig zum Scheinen gebracht wird wechseln sich mit mehr oder minder ausgefalleneren Varianten ab. Wobei hier nie geklotzt, sondern stets fein austariert wird.

So hatte ich Bedenken, in die Erdbeer-Lavendel-Marmelade Zartbitterschokolade zu geben, das hörte sich für mich nach einem Zuviel an. Aber im Gegenteil, die Schokolade ist so gering dosiert, dass man sie mehr erahnt als erschmeckt, aber dennoch trägt sie durch ihre leichte Bitternote maßgeblich zum Gelingen dieses speziellen Rezeptes bei. Chapeau!

Was wusste Sartre?

In Übereinstimmung mit meiner anfänglichen Begeisterung für die Schönheit dieses kleinen Büchleins, kann ich auch den Inhalt wärmstens empfehlen. Auf meiner Nachkochliste steht noch so einiges, momentan warte ich auf die ersten Johannisbeeren, denn sowohl das Gelee von weißen Johannisbeeren mit Riesling als auch ein würzige Gelees von roten Johannisbeeren wollen ausprobiert werden. Schade, dass die Waldmeistersaison bereits vorbei ist, Kiwi-Waldmeister-Marmelade habe ich für dieses Jahr also verpasst. Für grünen Apfel mit Holunderblütensirup, Traubengelee und die Burgunderpflaumen ist es zum Glück noch nicht zu spät.

Der Philosoph Jean-Paul Sartre hat den unvergesslichen Satz „das Leben ist eine gemeine Marmelade“ geprägt. Sein Schicksal, als zu früh Geborener nie die Kreationen von Frau Witzigmann probieren zu können, lässt sich so treffend beschreiben. Wem jedoch dies kleine Büchlein in die Hand fällt, der hat leichten Zugang zu feiner Marmelade, mit man er sich das Leben versüßen kann.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im August 2016

3 Kommentare

  1. Sibylle

    Das kann ich nur bestätigen – ich habe schon viele Marmeladen aus dem Buch nachgekocht – auch mit veganem Gelierzucker. Wunderbar! 🙂

  2. Elisabeth

    Ein tolles Büchlein!

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