Kochbuch von Tom Franz: So schmeckt Israel

Kochbuch von Tom Franz: So schmeckt Israel ★★★☆☆

So schmeckt Israel
Tom Franz, Fotos Dan Peretz
AT Verlag (2013)
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Isabel Geigenberger

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Ach je, ich möchte ja so gern endlich mal wieder schwärmen, lobhudeln, von ganzem Herzen empfehlen und nahe legen – und kann es wieder nicht? Schon so überkritisch und verwöhnt geworden durch Kochbuchwälder und Rezepteflut? Ich weiss es nicht, nur eines mit Sicherheit: herangegangen bin ich an dieses Buch mit grosser Vorfreude und Neugier und eher Vorschusslorbeeren. Mittlerweile, nach einigen Wochen mit Tom Franz ist mein Herz recht zwiegespalten. Und die Waagschale senkt sich deutlich zu den drei Sternen.

Tom Franz hat eine hübsche Geschichte zu erzählen mit einer großen Wohlfühl-Prise Völkerverständigung. Geboren im Rheinland lernte er Israel als Jugendlicher kennen, fühlte sich von Land und Leuten und Geschichte angezogen und lebt mittlerweile seit 10 Jahren in dem Land. Er ist zum jüdischen Glauben konvertiert, lebt koscher (im Gegensatz zu vielen jungen Israelis) und hat eine jüdische Israelin zur Frau. Ursprünglich Rechtsanwalt entdeckte er seine Liebe zur Kochkunst, wurde von seiner Gattin zum TV-Wettbewerb „Israels Masterchef“ geschickt und gewann im Finale gegen ein Palästinenserin – bei einer unglaublichen Einschaltquote von 52,3 Prozent. Damit gewann er Prominenz, vor allem natürlich in Israel und in Deutschland. Und Sympathien. Eigentlich auch meine.

In Interviews sagt Tom Franz, er habe sich vorgenommen, zu zeigen, dass koschere Küche modern, international und spitzenküchenfähig ist. Der Buchtitel verspricht: „So schmeckt Israel, gewürzt mit einer Prise Heimat“.

Doch für wen ist das Kochbuch denn nun eigentlich gedacht? Für Deutsche, die die israelische Küche kosten wollen? Dafür sind viel zu viele im Kern deutsche Rezepte enthalten und da gibt es ganz andere Kaliber: Ottolenghis „Jerusalem“ etwa. Für Leute, die einen neuen Touch in deutschen Gerichten suchen? Hm, eher vielleicht für Expats in Israel, die Heimatgeschmack mit lokalen Produkten herstellen wollen? Aber sollte das Buch dann nicht eher in Israel erscheinen? Das Buch und seine Rezeptauswahl hinterlassen mich ratlos und es schleicht sich das Gefühl ein, es eher mit einem Medienhype-Nutz-Nieß-Werk zu tun zu haben, als mit einem durchdachten Oeuvre.

kochbuch-franz-valentinasDoch zurück zu dem, was auf der Hand liegt: dem Kochbuch. Großformatig, Hardcover und mit zahlreichen Abbildungen der Speisen, aber auch aus Tom Franzs Leben und israelischen Strassenszenen macht es einen guten Eindruck. Zunächst wird die Geschichte von Tom Franz Küchenkarriere ausführlich dargestellt, dann wechseln sich Infoteile wie „Wein und Öl“ „Kaschrut“, „Jüdische Feiertage“ mit Rezeptteilen ab, die in Kategorien wie „Überraschungen aus dem Ofen“, „Gerichte für jeden Tag“, „Gerichte für Gäste und Feste“ u.ä. aufgeteilt sind. Die Aufteilung erscheint etwas beliebig, das Wiederfinden von Rezepten ist aufgrund des rudimentären Verzeichnisses (rein alphabetisch nach Rezepttitel) schwierig.
Die Gerichte sind gut fotografiert und machen Appetit. Beim Nachkochen fällt allerdings auf, dass Foto und Rezeptbeschreibung häufiger auseinanderklaffen.

Da heisst es „Orangen in Würfel schneiden“ – auf dem Foto sind Orangenfilets zu sehen. Koriander ist auf dem Foto nicht fein gehackt, wie im Rezept, sondern grob gezupft. Beim Shawarma sind keine „feinen Streifen“, sondern grössere Stücke zu sehen und woher die auf dem Foto so appetitlichen Grillstreifen auf dem Fleisch kommen sollen, ist aus dem Rezept nicht ersichtlich. Das ist schade, es enttäuscht beim Ergebnisvergleich und führt – je nachdem, ob man sich an Rezept oder Foto orientiert – zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wie unnötig! Auch meine Ergebnisse sahen appetitlich aus. Und ganz ehrlich: für manche Rezeptfotos hätte ich mich als Köchin geschämt: so dunkel, fast verkohlt? Aber als Kontrasteffekte fürs Foto anscheinend en vogue.

Handwerkliche Fehler machen die Handhabung nicht ganz einfach. Zwar werden in den eingeflochtenen Kapiteln viele Besonderheiten der israelischen Küche erklärt und auch ausführlich gewürdigt, Tahina zum Beispiel. Ein Verzeichnis dieser Erläuterungen sucht man jedoch vergeblich. Wer also das Kochbuch nur kursorisch durchgeht und an einem Rezept hängen bleibt, findet keine Querverweise für diese Spezialitäten. Mit zwei Zutaten lässt uns Tom sogar ganz allein: Ptitim und Silan. Gerade bei Silan ist es auch nicht mit einer einfachen Google-Suche getan, da kommt man erst mal zur Chemie und zu Weichspülern. Also: Silan ist Dattel-Sirup und als solcher auf alle Fälle im Internet zu finden. Ein koscherer Zuckerersatz, ein wenig vergleichbar mit dem türkischen Traubensirup. Mein israelischer Kollege, den ich zu Rate zog, beschenkte mich prompt und empfahl Silan auch für Salatdressings. Hier eine Bezugsadresse für Berliner kosherlife.de/ und alle anderen: kosher4u.eu/

Ptitim hingegen sind kugelförmige, kleine, etwas geröstete Nudeln, auch israelisches Couscous genannt. Ich habe sie auf Anhieb nicht bekommen, verspreche mir aber auch keine besonderen kulinarischen Erkenntnisse dadurch. Man kann die Rezepte wohl mit Reis oder Couscous machen. Die Mengenangaben schwanken: mal für 4, mal für 6 oder 6 – 8 oder auch mal 10 Personen, da heißt es: aufgepasst und angepasst!

Die probierten Rezepte haben dann ganz ordentlich funktioniert, am schönsten war der scharfe Orangensalat. Größere Aha-Effekte blieben jedoch aus und „so schmeckt Israel“ stimmt einfach nicht. Mein israelischer Kollege, der mir freundlicherweise als Lokalexperte diente, fand Auswahl und Zusammenstellung der Gerichte recht enttäuschend. Er ist übrigens den entgegengesetzten Weg gegangen, hat eine Deutsche geheiratet und lebt hier.

Das Buch erzählt eine hübsche Geschichte und bietet auch ganz nette kulinarische Anregungen. Am besten ist es wohl geeignet für deutsche Auswanderer in Israel, die etwas deutsche Heimat mit lokalen Mitteln realisiert schmecken wollen. Nett zu lesen, doch insgesamt eher eine Anekdote der Kochbuchgeschichte.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Mai 2014

5 Kommentare

  1. Katharina

    Ich kann nur „The Book of New Israeli Food“ von Janna Gur empfehlen – das habe ich seit Jahren immer mal wieder in der Hand, es ist auch zum Blättern und Stöbern wunderbar. Das Buch von Tom Franz habe ich auch in der Buchhandlung angesehen, es war aber für mich weder ein „Plus“ noch ein „Extra“ zu dem von Janna Gur, deswegen habe ich es nicht gekauft.

    • Katharina

      Oh, wie interessant. Das ist noch nicht auf meinem Zettel. Merci für den Tipp!

  2. Dorothee

    Ich kann Deine Rezension sehr gut nachvollziehen. In einem Buchladen entdeckte ich das Buch und war sehr erfreut, da ich auch die Geschichte kannte, die dahinter steckt. Beim Durchblättern war ich schon sehr enttäuscht über die Rezeptauswahl und habe es wieder ins Regal gelegt. Meine Entscheidung es nicht zu kaufen fällte ich sehr spontan und nicht so fundiert begründet, wie Du es in Deiner Rezension darlegst. Aber ich fühle mich in meinem raschen Urteil bestätigt.

  3. Thea

    Genau aus den befürchteten beschriebenen Gründen habe ich bislang beim Kaufen gezögert, zumal – wie in der Rezension auch gesagt – „Jerusalem“ erst einmal getoppt werden muss.
    Die beschriebenen handwerklichen Ungenauigkeiten – Text und Bild klaffen weit auseinander – finde ich ein zunehmendes Ärgernis in hopplahopp produzierten Kochbüchern – genau wie fehlende Verzeichnisse/Register etc. pp.
    Ein Vorschlag: Könnte man Ptitim nicht mit Fregola sarda ersetzen?
    Und Danke für den Berliner Einkaufstipp, denn die drei jüdischen Geschäfte, die ich kenne, sind leider sehr, sehr spärlich bestückt und nie habe ich das bekommen, was ich gebraucht und gerne gehabt hätte. Mal sehen, was KosherLife bietet.

    • Isabel

      Hallo Thea, das ist ja ein so lustiger Zufall, dass Du Fregola sarda vorschlägst, habe ich doch diese Pastasorte genau gestern zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Speisekarte gesehen – und bei meinem Begleiter gekostet. Ich glaube, dass das sehr gut funktionieren könnte, Superidee!
      Mir ist es auch ein Rätsel, dass sich diese handwerklichen Fehler so zu verbreiten scheinen – in der Kalkulation der Verlage scheinen Redaktionsstunden nicht mehr viel Raum einnehmen zu dürfen.

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