Kochbuch von Thomas Riederer: Nur der Idiot wirft’s weg

Kochbuch von Thomas Riederer: Nur der Idiot wirft’s weg ★★★☆☆

Nur der Idiot wirft’s weg: Wie Sie aus allem etwas Schmackhaftes machen können
Thomas Riederer, Fotos Michael Gries, Pichler Verlag (2011)
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Patricia Rahemipour

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Wenn sie ab und an mal was wegwerfen, sollten Sie sich nicht von diesem Titel schrecken lassen. Hinter dieser kleinen Frechheit verbirgt sich doch so einiges, was kochenswert ist.

Der Österreicher Tom Riederer ist ein junger Koch mit frischen Ideen. Noch keine vierzig Jahre alt führt er das Lokal T.O.M am Kochen in der Südsteiermark und wurde für seine Küche schon vielfach ausgezeichnet. Seine Küchenphilosophie gefällt mir. Eine gute Küche, so Riederer, benötigt drei Zutaten: ein gutes Produkt, eine gute Ideen und die Liebe zum Kochen. Jetzt hat er ein Kochbuch geschrieben, mit dem Titel “Nur der Idiot wirft’s weg”.

Verbergen ist das zentrale Schlagwort, das mir zu diesem Kochbuch einfällt. Zunächst einmal zum Titel: Ich gebe zu, es hat mich interessiert, was der Autor damit meint. Ich wollte wissen, ob sich hier Verwertungsmöglichkeiten für Gemüse, Obst, Pasta oder was auch immer finden, die bereits in Vergessenheit geraten sind. Ähnlich der Bücher, die sich auf die Tipps von Hausfrauen aus dem vorigen Jahrhundert berufen und bei den schier endlosen Einsatzmöglichkeiten, die beispielsweise Natron im Haushalt bietet, den Mund nicht mehr zukriegen. Wer das von Riederers Buch erwartet, wird herb enttäuscht. Der hehre Ansatz alles zu verwerten und nichts zu vergeuden, ist ganz in meinem Sinne und wird auch von Rezept zu Rezept immer mal wieder betont. Doch mal ehrlich, wer von Ihnen hat 1500 g Schweinefleisch oder auch nur zwei Handvoll frisches Heu aus dem Reformhaus von ungedüngten Wiesen im Haus? Ich betreibe ja einen völlig durchschnittlichen Familienhaushalt (obwohl mein Freund jetzt widersprechen würde, dass er ihn betreibt und nicht ich) und da haben wir nie, und ich meine niemals soviel Fleisch als Rest im Kühlschrank. Auch das Heu verbrauchen wir meist sofort…. Im Ernst, hier hat der Autor wohl die Maßstäbe einer Restaurantküche angelegt. Und leider ist das keine Ausnahme, was die restlichen Rezepte im Buch angeht.

Ich ließ mich aber vom Titel noch nicht abschrecken, wollte endlich fortschreiten und Rezepte ausprobieren, weil sie außerordentlich spannend klangen. Doch noch hatte der Autor kein Erbarmen, nach der Hürde mit dem Titel und den überzogenen “Restevorstellungen”, waren da noch die Fotografien und das Layout. Ich will hier gar nicht viel dazu sagen, weil jedes Wort schon zuviel ist, daher: Fotos sehr mau, Layout noch mauer. So, jetzt ist auch das raus.

Aber ich bin ja tapfer und ehrgeizig und war immer noch willens zu den Rezepten vorzudringen. Und… ein weiteres Mal wurden sie verborgen, hinter einer Mauer von Unachtsamkeit und Ungenauigkeiten, die ich als relativ geübte Köchin zwar ausgleichen konnte, die aber für andere – leider muss man sagen – unüberwindbar bleiben wird. Es sind Kleinigkeiten, doch sie zeugen von nachlässigem Lektorat und zu großer Lässigkeit bei der Weitergabe der Rezepte. Neben den Rezepten von Riederer sind auch solche anderer erfahrenerer Köche aufgenommen, die aber leider nicht besser konzeptioniert sind. So vergisst man zu erwähnen, daß die Marmeladegläser möglichst vor dem Einfüllen der guten Köstlichkeit sterilisiert werden müssen und nicht erst nachdem man eingefüllt hat (S. 21); die Fotos zu diesem Apfelmusrezept zeigen denn auch Gewürze, die laut Angabe gar nicht enthalten sind (hier Sternanis). Ein andermal soll das Soufflé im Wasserbad gegart werden. Man muss ja nicht immer große Reden schwingen, aber ein kleiner Hinweis, ob alles im Ofen gegart wird, mit oder ohne Deckel, und dass 100 Grad für einen Umluftofen und nicht für ältere Modell wie in meiner Küche gedacht sind, hätte durchaus geholfen. Schade.

Denn wird man nicht müde, das Verborgene auszugraben, was mir als Archäologin vielleicht auch ein bisschen leichter fällt, dann hat man die Freude ein paar ausgezeichnete Köstlichkeiten zu kosten, die vor allem durch die Kombination ungewöhnlicher Zutaten besonders werden. Darüber hinaus sind bis auf wenige Ausnahmen, die Rezepte in diesem Buch schnell und unkompliziert zuzubereiten. Entsprechen also durchaus der Idee des Homecooking. Ich habe einige Rezepte aus diesem Buch nachgekocht und kann nicht umhin, hier vor allem auf das Rezept “Himmel und Erde” hinzuweisen. Es handelt sich um eine geröstete Kaffee-Topinambur Suppe (Anm. d. Red: Veröffentlichung hier folgt.). Jeder, der die sogenannte Ökokiste bestellt und das sind hier in Berlin viele, kennt das Topinambur Problem. Dieses nach Artischockenkartoffeln schmeckende Knollengemüse, das zudem aussieht wie Ingwer und ähnlich gut zu schälen ist, liegt spätestens ab September jede Woche in der Kiste und treibt einen in den Wahnsinn. Irgendwann begann ich sie wie Bratkartoffeln zuzubereiten, aber das ist ja auch nicht immer eine Lösung. Ich kann daher nur allen Leidgeplagten empfehlen, sich auf diese Suppe einzulassen. Sie ist köstlich und hat die Akzeptanz von Topis, wie ich sie inzwischen liebevoll nenne, bei uns Zuhause wieder deutlich erhöht.

Insgesamt kann ich Riederers Kochbuch nach all den Hindernissen nur wärmstens empfehlen. Sorry, lieber Pichler Verlag, fast müsste man so formulieren: Ihr habt alles gegeben, aber ich habe die köstlichen Rezepte doch noch entdeckt.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im August 2011

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