Kochbuch von Tanja Dusy: Frankreich – Die Küche, die wir lieben

Kochbuch von Tanja Dusy: Frankreich – Die Küche, die wir lieben ★★★★☆

Frankreich – Die Küche, die wir lieben
Tanja Dusy, Fotos K. Einwanger, GU Verlag (2011)
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Annick Payne

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

An der kulinarischen Tradition unserer westlichen Nachbarn kommt kein ambitionierter Hobbykoch vorbei, und kaum eine andere Länderküche ist so mit Klischees und Sehnsüchten behaftet wie die französische cuisine bourgeoise. Wollen wir nicht alle “essen wie Gott in Frankreich”? Und doch lässt sich zu diesem altbekannten Thema noch etwas Neues beitragen, so geschehen in Tanja Dusys Buch, das geradezu überquillt vor lauter Ideen.

Mein Eindruck ist, dass Frau Dusy vermutlich sogar noch viel mehr zu diesem Thema zu sagen hätte, und ich wäre ein williges Publikum. Doch Platz scheint keiner mehr gewesen zu sein, denn auch so umfasst das Buch über 300 Seiten, auf denen sich viele alte Bekannte, aber auch einige Gerichte, die nicht in jedem Frankreich Kochbuch zu finden sind, tummeln. Verlockend sind die Rezepte allemal, dass meine lange Liste nachzukochender Gerichte nur in größeren zeitlichen Abständen zum Einsatz kommt, liegt daran, dass ich nicht täglich so gehaltvoll essen mag.

Dusy teilt die Rezepte in die Kapitel Bistrot, Marché, Port, Boucherie, Fromagerie und Pâtisserie auf. Jedes Kapitel wird zweiseitig eingeleitet, zu den einzelnen Rezepten gibt es hier und da weitere Erläuterungen, Anekdoten oder Alternativen. Gerne hätte ich hier mehr gelesen, aber das Buch kämpft auch so offensichtlich gegen die Grenzen des eigenen Umfangs. Natürlich finden sich hier Klassiker wie Nizza-Salat, Ratatouille, Bœuf Bourguignon, Cassoulet, Coq au vin und die omnipräsente Tarte Tatin. Klug ist sicherlich der Verzicht auf Gerichte, die auch in Frankreich nur zu bestimmten Feiertagen gekocht werden wie Dreikönigskuchen oder der weihnachtliche Baumstamm. Spannend wird es meiner Meinung nach, wenn wir zu den diversen Terrinen und Pasteten kommen, aber auch Kalbsfrikassee mit Morcheln reizt mich, zweierlei Fischtartar hört sich lecker an, oder wie wäre es mit Lavendel-Honig-Parfait und Maronenmousse?

Beim Kochen erweisen sich die Rezepte als zuverlässig, lediglich bei Kochzeit und Temperatur sollte man sich auf die eigene Erfahrung verlassen, ich habe diese für fast jedes Rezept angepasst. Man kann sich einiges vereinfachen, wenn man das Rezept vorab gedanklich durchspielt, aber auch eine 1:1 Umsetzung führt zielsicher zu guten bis großartigen Resultaten. Um es klarzustellen, es handelt sich hier um die ganz klassische französische Küche, ohne modernen Schnickschnack und ohne Zugeständnisse an einen Lebensstil, der zu einem großen Teil im Sitzen und nicht bei körperlicher Betätigung stattfindet. Wer noch keine Erfahrung mit der zurecht berühmten cuisine hat, der findet hier eine stattliche, ausgewogene Auswahl typischer Rezepte. Aber auch jemand, für den dies keineswegs Neuland ist, kann eine Menge mitnehmen, weniger an grundlegenden Praktiken – da habe ich mir die Freiheit genommen, den Rezepten meine eigenen Erfahrungswerte aufzudrücken – aber an perfekten Geschmackserlebnissen. Meine ideale Obst- bzw. Zitronentart? Hier stehen sie.

Ein Manko weist das Buch auf, und um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wie ich das mit meiner ansonsten sehr positiven Bewertung dieses Bandes in Einklang bringen soll. Schriftgröße und Zeilenabstand sind schlicht zu klein, um ein angenehmes Lesen zu ermöglichen. Beim Schmökern empfinde ich das Lesen als quälend, sobald das Buch auf der Arbeitsplatte liegt, schwimme ich im Text. Eine ganz neue Erfahrung, und keine, die ich öfter machen möchte! Vielleicht möchte sich der Verantwortliche um einen Job als Vorleser bei mir bewerben?

Noch zwei Aspekte, die allerdings weniger ins Gewicht fallen, gefallen mir nicht. Zum einen finde ich die Weichzeichnerei der Fotos anstrengend, aber das ist mein ganz persönlicher Geschmack, man muss sich nur durch diverse Foodblogs klicken, um die Anhänger dieser Art der Fotographie zu finden. Zum anderen verwirrt mich das Register, weil nur manche Zutaten fett gedruckt als Überschriften auftauchen, Bohnenkraut ja, Brokkoli nein, Gelatine ja, Hefe nein. Ich kann dahinter keine Logik erkennen. Aber sollte ich irgendwann dringend ein Rezept für Gelatine suchen, weiß ich, wo ich nachschauen muss…

Mit Tanja Dusy jedenfalls würde ich jederzeit wieder auf Schlemmerreise gehen, und dass nicht nur durch Frankreich. Wer sich mit ihr zu den Franzosen begibt, sollte aber ein Modikum an Selbstbeherrschung besitzen, denn sonst wird diese anachronistische Butter- und Sahneorgie schnell gefährlich.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juni 2011

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