Kochbuch von Tamasin Day-Lewis: Supper for a Song (engl.)

Kochbuch von Tamasin Day-Lewis: Supper for a Song (engl.) ★★★☆☆

Supper for a Song
Tamasin Day-Lewis, Fotos James Merrell, Quadrille (2009)

Annick Payne

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Die gegenwärtigen Finanzkrisen haben ein altes Kochbuchgenre neu aufleben lassen, wenn auch die Neuauflagen attraktivere Titel tragen als beispielsweise “Kochbuch für sparsame Hausfrauen”. Durchaus gespannt war ich auf Supper for a Song, das neben einer ansprechenden Aufmachung mit einer von mir sehr geschätzen Autorin punkten kann. Doch leider reicht dieser Band nicht an ihre bisherigen Kochbücher heran.

Eingeleitet von einem doppelseitigen Essay im typischen Day-Lewis Stil, gekennzeichnet von Sprachwitz und scharfer Beobachtungsgabe, reiht die Autorin in acht Kapiteln Rezept an Rezept, wobei sich keine allzu offenbare Struktur sowohl des Gesamtwerkes wie auch innerhalb der Kapitel aufdrängt. Die wohlklingenden Überschriften “Hühnchen, Samstagsbäckerei, Eintopf, Happy Food, Brot, Fast umsonst, Obstvöllerei, Eine Mahlzeit aus Nichts” passen meist nur zu den ersten Gerichten, danach ändert sich der Inhalt. Das Kapitel “Happy Food” enthält z. B. fast nur Rezepte für süße Leckereien, aber endet etwas mysteriös mit zwei herzhaften Rezepten. Ist das als Zugeständnis aufzufassen, dass nicht nur Zucker glücklich machen kann?

Der Eindruck, Ms Day-Lewis neuestes Werk sei etwas unausgegoren, bestätigt sich leider bei genauerer Beschäftigung mit diesem Buch. Zum einen bleibt ihre Definition, was denn nun kostenbewusstes Kochen ausmacht, bemerkenswert vage. Einerseits benennt sie offensichtliche Probleme moderner Haushaltung wie fehlende bzw. nicht effiziente Resteverwertung, aber sie kostet dieses Thema nicht einmal ansatzweise aus. Day-Lewis Frugalität erschöpft sich darin, dass man aus Knochen Brühe kochen, Fleischreste in Pies oder Risotto verwerten und eine Menge Kleinstreste in Frikadellen verstecken kann. Ach ja, übrig gebliebene Lasagnefüllung kann auch als Nudelsoße verwendet werden! Nicht zu vergessen, dass man aus altem Brot Brösel machen kann.

Wenn ich auch ihrem Ansatz zustimme, dass kostenbewusstes Kochen nicht unbedingt den Verzicht auf teurere, qualitativ hochwertige Nahrungsmittel bedeuten muss, so fehlt hier doch die Relation zwischen Kosten und Nutzen. Fasan, Jakobsmuscheln, Wildlachs tauchen als kleine Bonbons auf, die sich offensichtlich an ihre übliche Klientel besserverdienender Briten richten, aber wenn ich Gäste mit einem kleinen Budget bewirten will, würde ich vermutlich auf eine Vorspeise mit 2 Jakobsmuscheln pro Person verzichten, auch wenn sie nur mittelgroß wären.

Auffällig ist ebenfalls der große Raum, den Süßigkeiten und insbesondere Kuchen einnehmen. Sparsamkeit im Sinne einer Marie Antoinette? Nicht, dass mir derlei Rezepte grundsätzlich missfallen, und in diesem Band zählen sie eindeutig zu den überzeugenderen – aber kostenbewusst wäre sicherlich der Verzicht auf allzu viel raffinierten Süßkram (die zwei Tafeln weiße Schokolade von Green & Black für die Blondies kosten alleine fünf Euro) zugunsten von frischem Obst. Doch dem Kapitel Obstvöllerei merkt man die Lustlosigkeit allzu deutlich an: Bratapfel, Pflaumenkompott, Obst mit Streuseln, ein Sorbet, selbstgetrocknete Tomaten, Tomatenmarmelade, das war’s. Tamasin, das kannst Du besser!

Meine Suche nach ansprechenden herzhaften Gerichten fiel nicht gerade üppig aus. Man findet zwar vereinzelt welche, aber entweder sind sie derart einfach, dass ich kein (weiteres) Rezept dafür brauche wie Pizza, Brathähnchen, Shepherd’s Pie, Gemüselasagne, Salade Niçoise, oder aber sie schaffen es nicht, mich beim Lesen zu begeistern: auf geschmorten Schweinebauch, Ochsenschwanz und Lamb & Kidney Pudding verzichte ich gerne. Das afghanisches Pilaf schmeckte entmutigend mittelmäßig, aber erforderte viel Aufwand. Hm.

Auch scheinen die Rezepte mit weniger Sorgfalt geschrieben, als man es bei dieser Autorin gewohnt ist, ich habe wiederholt korrigierend eingreifen müssen, neben unzuverlässigen Angaben fehlt auch manches: eine ganz neue Erfahrung bei Tamasin Day-Lewis. Enttäuscht bin ich vor allem, weil ich die Autorin gut kenne und schätze. Aber Supper for a Song bleibt eindeutig hinter ihren Möglichkeiten zurück. Warum beispielsweise verzichtet sie fast völlig auf Tarts, die doch nach zwei Kochbüchern zu diesem Thema quasi ihr Signaturgericht sind und aufgrund der wenigen Zutaten meiner Ansicht nach sehr kosteneffizient? Es bleibt zu hoffen, dass Tamasin bis zu ihrem nächsten Buch das Sparen aufgibt und wieder zu alter Form und Größe zurückfindet.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Oktober 2011

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