Kochbuch von Susanne Zimmel: Wiener Küche

Kochbuch von Susanne Zimmel: Wiener Küche ★★★★★

Wiener Küche – Wirtshausgulasch &
Topfenpalatschinken. Klassiker und
neue Inspirationen
Susanne Zimmel
Dorling Kindersley (2015)
Mehr über den Verlag

Jens Werkmeister

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

„Wir Deutschen haben nahezu alles mit Österreich gemeinsam, außer natürlich der Sprache.“ So hätte es Oscar Wilde nach der Lektüre dieses Kochbuches formuliert, wenn er kein Brite gewesen wäre und nicht schon den Löffel abgegeben hätte. Schon bei der ersten Durchsicht von Susanne Zimmels „Wiener Küche“ stolperte ich über völlig unbekannte Vokabeln und eine exotische Grammatik, aber von Anfang an.

Susanne Zimmel, besser bekannt unter ihrem nom de guerre Frau Ziii, beglückt seit November 2011 eine stetig wachsende Fangemeinde mit ihrem Blog „Ziiikocht…“. Frau Ziii schafft es, ihre Leser an „den Leidenschaften, die mein Leben prägen“ teilhaben zu lassen: alltagstaugliche Rezepte der leckeren Wiener Küche und Geschichten rund um das Thema Essen mit ihrer Familie in Wien, das ganze garniert mit großartigen Fotos.

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Die Erzählerin

Die Geschichten haben es oft in sich, insbesondere wenn ihrer siebzehnjährigen Tochter, genannt Fräulein Ziii, eine tragende Rolle zukommt. So amüsieren sich die Leser des Blogs darüber, wie sie von ihrer Mutter das Geld für eine ultra angesagte High Waisted Jeans erpresst, da sie ansonsten leider „total Opfer“ wäre. Geradezu loriothafte Züge weist die Anekdote auf, wie Fräulein Ziii nach dem Etikette-Essen der Tanzschule „blunznfet“ nach Hause wankte, da sie das korrekte Zuprosten zu oft geübt hatte. Sehr schön auch die Erzählung vom tränenreichen Kartoffelauflauf.

Nachdem Frau Ziii, die das Kochen als VWL-Studentin in der Gastronomie gelernt hatte, bereits 2012 mit dem AMA Food Blog Award ausgezeichnet wurde, entstand die Idee zu diesem Kochbuch. Da dieses Medium seiner Natur gemäß andere Anforderungen stellt, weist es nicht den gleichen Charakter wie ihr Blog auf. Mit seinen Jugendstilelementen in Titelbild und Überschriften sowie den Fotos aus Wien steht nicht der vergängliche Familienalltag, sondern die Esskultur der Weltstadt im Fokus. Nicht nur die nostalgischen Grafik-Elemente und Fotos historischer Orte erinnerten mich an den Ausspruch: „Die Österreicher sind ein Volk, das voll Zuversicht auf seine glorreiche Vergangenheit blickt“, denn viele Gerichte haben ihren Ursprung in der Habsburgermonarchie, als die südosteuropäischen Untertanen des Vielvölkerstaates ihre heimatlichen Rezepte und Zutaten in die Residenzstadt brachten und diese damit zum „kulinarischen Schmelztiegel Mitteleuropas“ machten.

Eingeteilt ist das Buch in „Frühstück und Jause“, „Suppen“, „Hauptspeisen“, „Beilagen, Salate und Eingemachtes“, sowie „Mehlspeisen und Süße“, wobei jedes Kapitel mit wunderbar bebilderten Beiträgen wie „Die Wiener Kaffeehäuser“, „Rund um den Karlsplatz“ oder den „Prater“ aufgelockert wird.

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Die Köchin

Persönlich gefärbte Einleitungen (links ein Foto der Familie Zimmel) stellen die einzelnen Rezepte vor und die ansprechenden Bilder verlocken dazu, sich selbst gleich an den Herd zu stellen. Das Layout ist nicht nur elegant, sondern auch übersichtlich. Die Zubereitungszeiten fehlen nicht, Zutatenauflistungen und Arbeitsschritte sind fehlerlos. Da Frau Ziii als berufstätige Mutter und Bloggerin zum Kochen nicht immer Zeit und Muße hat, strebt sie in der Küche „ein möglichst optimales Verhältnis von Aufwand und Nutzen an“ und ist vor allem Praktikerin. Die Rezepte sind daher zwar traditionell herzhaft wienerisch, aber zugleich auch dem Geschmack und Tempo der heutigen Zeit angepasst und wochentagstauglich. Sie verwendet vorzugsweise regionale und saisonale Produkte – viel aus dem eigenen Garten, in dem es wächst „wia net g’scheit“.

Bewegt sich die Autorin außerhalb ihres gewohnten Stils, ergibt sich dies gleich aus dem Namen wie „Leberknödel für Fortgeschrittene“, oder „Altmodische Paradeisersuppe“. „Paradeiser? Wadde hadde dudde da?“, denkt jetzt der deutsche Freizeitkoch, blättert verwirrt weiter und rätselt über gänzlich unbekannte Wörter wie „Aschanti“, „Baumpferl“, „Faschiertes“, „Kukuruz“ oder keinen rechten Sinn ergebende Aussagen wie „In der Zwischenzeit geht sich locker eine Dusche aus“. Dieses „Palawatsch“ der Wiener Sprache wird zum Glück in einem Glossar am Ende des Buches decodiert. Hingegen gestaltete es sich in meiner ostwestfälischen Heimat manchmal schwieriger, typisch wienerische Zutaten wie „passierter Topfen“ zu besorgen, als dies bei libanesischen oder thailändischen Rezepten der Fall gewesen wäre.

Eine spannende Exkursion mit ganz persönlicher Note durch die Wiener Küche. Die liebevolle Gestaltung mit ihrem originellen Mix aus modernen und nostalgischen Stilelementen sowie die großartigen Fotos und die hochwertige Verarbeitung machen das Kochbuch zu einem Erlebnisbuch. Die als aufwändig und antiquiert geltende Wiener Küche wurde von Frau Ziii entstaubt und modern aufbereitet, ohne sie ihrer Wurzeln zu berauben. So sind die Rezepte auch für Anfänger problemlos nachkochbar. Eingestreute Insiderinformationen wie die, dass das Fräulein Ziii Badeschaum mit Topfennocken-Aroma goutieren würde, mochte ich besonders.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im April 2016

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