Kochbuch von Surdham Göb: Meine vegane Küche

Kochbuch von Surdham Göb: Meine vegane Küche ★★★★☆

Meine vegane Küche

Surdhams Kitchen
Surdham Göb, Fotos O. Brachat, AT Verlag (2013)
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Patricia Drewes

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Ich gebe zu, dass ich seit längerer Zeit in den Buchhandlungen neugierig um das Regal mit veganen Kochbüchern herumgeschlichen bin. Man muss dazu vielleicht wissen, dass ich wochentags meist vegetarisch koche und das wenige gute Fleisch in unserer Familie fürs Wochenende reserviert ist. Aber reicht das aus ethischer Perspektive?

Häufiger schon hat mich das schlechte Gewissen geplagt, wenn ich über Kälber nachgedacht habe, die mit Milchpulver gefüttert werden, weil die Milch der Mutterkuh für uns Menschen bestimmt ist, über Hühner, die auch auf Biohöfen nur zum Zweck des Eierlegens leben. Aber so ganz ohne Milch, Eier, Käse, Honig – schaffe ich das? Genau darum rief ich „hier“, als mir Surdham Göbs Erstlingswerk „Meine vegane Küche“ zur Rezension angeboten wurde. Auch wenn Surdham Göb auf dem Cover seines Buches aus meiner Sicht etwas blass und blutarm erscheint und nicht das beste Aushängeschild für lustvolle vegane Ernährung darstellt, ließ das erste Durchblättern viel Gutes verheißen: üppige Salate, exotische Suppen, leichte Vorspeisen, leckere Sandwiches, dazu verlockende Süßspeisen, Kuchen und Torten – kurzum ein Crossover aus orientalischer, mediterraner, asiatischer und Freestyle-Küche, präsentiert auf großformatigen Bildern.

Oliver Brachat stellt gekonnt das fertige Gericht und nicht den Koch sinnenfreudig in den Vordergrund. Wie man es von einem veganen Kochbuch erwartet, spielt vielfältig variiertes, gekochtes und rohes Gemüse vor Reis, Hülsenfrüchten, Saaten und Samen die Hauptrolle in Göbs Buch, erfreulicherweise scheut er auch nicht davor zurück, so profane und optisch im Rohzustand eher unansehnliche Gemüse wie Rote Bete und Knollensellerie in interessante neue Gerichte zu verwandeln, ein großer Pluspunkt für mich, beklage ich mich in den langen Wintermonaten doch gern darüber, dass ich dieser ganzen Knollengemüse in der Gemüsekiste langsam überdrüssig werde.

Wer etwas Zeit mibringt, sollte Göbs Vorwort durchlesen, um mehr über seine aus früher Kindheit resultierende Motivation für das vegane Leben und seinen Kochstil zu erfahren. Dabei hat mich verwundert, dass Göb auf den Gebrauch von Zutaten bestimmter Hersteller besteht, denn was tun all die armen Menschen in der Provinz, in der es zwar den ein oder anderen Bioladen gibt, der aber nun gerade nicht die Sojamilch der Marke XY führt? Auf das vegane Leben und Kochen verzichten? Dramatische Geschmackseinbußen in Kauf nehmen?

weisse-Schoko-Zitronentarte-StückeWeil es zu Testzwecken geschah, hielt ich mich zunächst streng an Göbs Vorgaben, bestellte im Internet, fuhr in die übernächste Großstadt und ließ mir Dinge mitbringen. Wenn man den für manche Gerichte nicht ganz unkomplizierten Einkauf erfolgreich bewältigt hat (O-Ton des Mannes im Bioladen: „Wenn du hier noch weitere Stunden rumsuchst, sind wir heute Abend alle verhungert. Und das völlig vegan!“), hat man eine große Hürde genommen. Das Kochen der Gerichte gestaltet sich im Vergleich dazu technisch vergleichsweise einfach: Insbesondere die komplexeren Hauptgerichte sind mitsamt der Zutatenlisten nach dem Baukastenprinzip modular aufgebaut, man kann die einzelnen Bestandteile Schritt für Schritt zubereiten, was daneben auch den großen Vorteil hat, dass man sich einzelne Module des Gerichts (beispielsweise das Rezept für Sandwich-Teig oder schmackhafte Chutneys) herausgreifen und sie unkompliziert mit anderen Gerichten kombinieren kann.

Während die Suppen und Vorspeisen schnell von der Hand gehen, braucht man für die häufig aus vier bis fünf Einzelbestandteilen zusammengesetzten Hauptgerichte etwas mehr Zeit und Muße. Wenn man sich die Zubereitung vorher gründlich durchliest, kann man anhand der beiläufig eingestreuten Zeitangaben gut planen, leider fehlt mir durchgängig eine übergeordnete Zeitangabe für das Gesamtgericht. Wer sich aber die Zeit nimmt, wird mit überaus leckeren Geschmackserlebnissen belohnt, die ich zusammenfassend als pur und unverfälscht bezeichnen würde. Man schmeckt die Zutaten des Gerichts heraus, aus denen es gekocht wurde, anders als beispielsweise bei Ottolenghi gibt es keine abenteuerlichen Kreationen aus Gurke und Mohn, Kapernbutter und Brokkoli, bei denen die Sinne mit dem Entziffern verschiedener Geschmacksnoten beschäftigt sind – Möhre schmeckt bei Göb nach Möhre, Sellerie nach Sellerie und Zitrone nach Zitrone. In einer Zeit der Reizüberflutung kann auch diese Erfahrung durchaus meditativ bis heilsam sein.

Göbs Kochbuch wurde in diesem Frühling zu meiner persönlichen Wochenend-Affäre, und das meine ich nicht negativ. Am Samstag und Sonntag habe ich Zeit, bin offen für Neues und experimentiere gern. Nach und nach bereicherten so interessante Dinge wie Cornflakes-Schnitzel aus Saitan, bayerischer Selleriebraten mit Blaukraut, Pizza mit Tofukäse, Dinkel-Sandwich mit Kräuterpaste und orientalischer Kichererbsensalat mit Pistazien unseren Speiseplan. Die Krönung des sonntäglichen Kaffeetrinkens stellte eine White Chocolate Lemon Tarte dar. Dass in allen Gerichten Milch, Eier, Butter, Käse und Sahne keine Rolle spielten, fiel niemandem auf, und ich gebe zu, ich habe es beim Essen vergessen.

Am Ende meiner Göb-Testreihe angekommen, stelle ich fest, dass ich mich mit ein bis zwei veganen Tagen pro Woche durchaus anfreunden kann. Mehr erlaubt weder das zeitliche Budget für Einkauf und Kochen noch der Geldbeutel: Saitan für fünf Personen ist nicht günstig, Gleiches gilt für viele Sojaprodukte. Daneben habe ich mich beim Kochen gefragt, ob importierte Sojaprodukte unseren ökologischen Fußabdruck nicht ebenso nachhaltig negativ prägen wie die Ananas aus Südafrika. Und die Zutatenliste für die Vanille-Sojamilch habe ich mir als Lebensmittel-Purist lieber gar nicht zu Ende durchgelesen. Mein Fazit darum: Vier Sterne für die Rückkehr zum ursprünglichen Gemüsegeschmack, die politisch korrekte Grundausrichtung des Buches und so einige geschmackliche Entdeckungen, die ich gern häufiger nachkochen möchte, ein Stern Abzug für die teilweise mangelhafte Praktikabilität im Alltags-Kochgeschäft.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juli 2013

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