Kochbuch von Stéphane Reynaud: Vive la France!

Kochbuch von Stéphane Reynaud: Vive la France! ★★★★★

Vive la France! von Stephane Reynaud
Fotos Raymond, Illustration: José Reis De Matos,
Christian Verlag (2009)
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Christiane Schwert

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Das ist ein tolles Buch! Schon lange bin ich auf der Suche nach einem französischen Kochbuch mit alltagstauglichen Rezepten – mit Stéphane Reynauds Vive la France! – 299 Rezepte aus dem Schlemmerparadies bin ich endlich fündig geworden!

Der schöne Band ist aufgeteilt in mehrere Unterkapitel zu Fleisch, Fisch, Käse, Gebäck und Süßspeisen: In diesem breiten Repertoire ist für jeden etwas dabei (Am Kauf von Reynauds Vorgänger Schwein&Sohn hat mich gerade die Einseitigkeit abgehalten.), ohne dass die Sammlung jedoch beliebig wäre. Vielmehr liegt allen Rezepten eine klare Linie zugrunde, sie sind authentisch, bodenständig und köstlich.

Der Klappentext sagt über dieses Buch, es sei die Küche der „Metzger und Bäcker, Bauern, Hausfrauen und Köche“. In Rezensionen habe ich Ähnliches gelesen und musste dabei irgendwie immer an Gulasch mit fettigen Fleischstücken denken. Die Bodenständigkeit bedeutet bei Reynaud aber eben nicht zwangsläufig, dass es sich um derbe Gerichte handeln muss, deftig ja, aber nicht ausschließlich und nicht ohne eine gewisse Subtilität. Mit Vive la France! kommt man an die Basis der französichen Küche, an die Gerichte der Jeden-Tag-Küche, das ist der Geschmack Frankreichs, so, wie ich ihn mir zumindest vorstelle. Das Schöne ist, häufig hat man die Zutaten sogar schon Zuhause und kann direkt loslegen. Mir ging es so, dass ich schon beim ersten Durchblättern einen Menuplan für die nächsten Tage entworfen habe.

Lesebuch-Charakter

Dabei ist die vorherrschende Qualität des opulenten Bandes gar nicht nur die Auswahl der Rezepte, die ausnahmslos von solider Zuverlässigkeit sind, sondern vielmehr liegt der Reiz in seinem Lesebuch-Charakter. Bevor ich dann wirklich daraus zu kochen begann, habe ich immer wieder darin geblättert, gelesen und Neues entdeckt.

Neben den Rezepten finden sich Kurzporträts von Reynauds favorisierten Produzenten mit Schwarz-Weiß-Foto ebenso wie Illustrationen z. B. zur Wein-Herstellung oder Das Kleine Einmaleins der Garmethoden. Überhaupt die Illustrationen (von José Reis de Matos): Egal zu welchem Thema, sie sind immer äußerst liebevoll und humorig, ohne sich jedoch über den dargestellten Gegenstand zu erheben, selbst wenn es so etwas ist, wie die Anleitung Wie man aus Strümpfen eine Wurstattrappe Marke Lyoner Kuttelwurst für Berti bastelt.

Auf Augenhöhe

Gerade dort, wo das Kochbuch mehr ist als eine reine Rezeptesammlung, offenbart sich Reynauds kulinarische Haltung, die auch der Konzeption der Rezepte zugrundeliegt: Essen und seine Zubereitung wird nicht auf einen fernen Olymp gestellt, der Autor begegnet dem Leser vielmehr immer auf Augenhöhe. Er will nicht belehren, sondern die französische Küche alltagstauglich machen. Indem den Rezepten z. B. Zeichnungen der Spieler der französichen Rugby-Nationalmannschaft vorausgestellt werden, spiegelt sich eine wohltuende Distanz zum eigentlichen Sujet. Mit einem symphatischen Augenzwinkern wird die Außenwelt zum Korrektiv einer überspannten Kochphilosophie.

Essen ist etwas wunderschönes, und – das ist Reynauds Botschaft – es findet nicht irgendwo statt, sondern im Idealfall jeden Tag in unserer Küche. Dem entspricht übrigens auch die Fotografie des Bandes: einladende, schlichte ganzseitige Bilder, die Lust machen und nicht imponieren wollen.

Mit diesem konzeptionellen Ansatz greift Reynaud indirekt einen gegenwärtigen Trend auf – zu dessen bekanntesten Apologeten wohl Jamie Oliver mit seinem aktuellen Kochbuch Ministry of food gehört (einer Kochschule, die Anfänger zum Selberkochen ermuntern will) – jedoch ganz ohne moralischen Impetus, sondern allein im Vertrauen auf Produkte und Zubereitungen.

Drum ruf ich laut in meinem schönsten Französisch: Vive la France! Vive Stéphane Reynaud! Auf das die kulinarische Welt noch mit vielen weiteren Büchern aus dieser/m Feder/Löffel bereichert wird!

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Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Mai 2009

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