Kochbuch von Stevan Paul: Heute koch ich, morgen brat ich

Kochbuch von Stevan Paul: Heute koch ich, morgen brat ich ★★★★☆

Heute koch ich, morgen brat ich –
Märchenhafte Rezepte
Stevan Paul
Fotos Daniela Haug
Hölker Verlag (2015)
Mehr über den Verlag

Katja Schmid

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

„Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ Was genau hat der Wicht vor? Doch nicht etwa ein kannibalisches Festessen mit Brot und Bier?

Der leicht abgewandelte Titel ‚Heute koch ich, morgen brat ich‘ von Stevan Pauls neuestem Kochbuch spielt auf diese berühmte Passage an, kannibalische Gelüste spielen in seiner Kombination aus Märchen- und Kochbuch zum Glück keine Rolle. Überhaupt wurde die dunkle, beunruhigende und erotische Seite der Grimmschen Original-Märchen weitgehend ausgeblendet. Das kann man machen, nimmt den Märchen aber eine wesentliche Dimension, vermutlich sogar das besondere Etwas, das sie für uns bis heute so anziehend macht.

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Ein schönes Buch – es glänzt und strahlt

Im Vorwort schreibt Stevan Paul (links), die Märchen wären von ihm augenzwinkernd modernisiert und insbesondere um Angaben zur Speisenfolge ergänzt worden. Das Ausmalen der Speisen ist eine schöne Idee, und es spricht für die Lebendigkeit der Märchen, wenn sie immer wieder neu erzählt werden. Allerdings sind die Versionen sehr viel braver als die sowieso schon entschärften ‚Kinder- und Hausmärchen‘ der Grimms. Besonders seltsam-verschämt mutet das Ende von ‚Aschenputtel‘ an. Da werden keine Augen ausgepickt, stattdessen wird „gepupst“: „Als aber die Brautleute zur Kirche gingen, entdeckten die Tauben die ungebetenen Gäste, flogen heran und pupsten den bösen Schwestern auf die Köpfe und die schönen Kleider. „Igitt!“, riefen da alle Leute, (…) „Seht nur, wie dreckig die Schwestern sind, wie eklig sie sind, wie sie stinken!“

Das Buch ist sehr aufwendig gestaltet, der Einband glänzt mit Gold, innen gibt es viele wunderbare Fotos von den einzelnen Gerichten und verwendeten Produkten. Die Rezepte sind nach Märchen gegliedert, die wiederum nach Anlass ausgewählt wurden: Aschenputtel – Einfache Küche; Dornröschen – Für Gäste; Rapunzel – Verführerische Sünden; Rotkäppchen – Für unterwegs; Rumpelstilzchen – Über dem Feuer; Schneewittchen – Lieblingsgerichte; Die Bremer Stadtmusikanten – Abendbrot; Hänsel und Gretel – Ofenschmaus. Die Märchentexte sind den dazu passenden Rezepten jeweils vorangestellt, man erhält also eine Mischung aus Märchenbuch und Kochbuch.

Statt hessischer Küche: der Norden

Der Schwerpunkt liegt auf deutscher Küche im weitesten Sinn. Bezüge zur hessischen Küche fehlen, stattdessen dominieren Klassiker aus dem Norden (Schnüsch, Frische Suppe, Bremer Knipp, Grünkohl und reichlich Fisch). Dabei würde man die Grimmschen Märchen schwerpunktmäßig in Hessen lokalisieren. Immerhin stammen Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) aus Hanau. Sie lebten und wirkten vor allem in Kassel, bevor sie 1840 dem Ruf des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. folgten und nach Berlin zogen, wo sie auch begraben liegen. Ihre wichtigsten Quellen waren MärchenerzählerInnen aus der Gegend von Kassel, außerdem literarische Werke aus Deutschland, Frankreich und Italien.

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Pro Märchen findet sich eine kleine Rezeptsammlung, die allerdings kein Menü im klassischen Sinn ergibt. Man kann die Rezepte jedoch als Anregung nehmen, sich selbst märchenhafte Menüs zusammenzustellen. Die Einteilung ist weitgehend stimmig, stellenweise jedoch rätselhaft. Was macht der Räubereintopf im Rumpelstilzchen-Kapitel? Hätte der nicht besser ins Räuberhaus der Bremer Stadtmusikanten gepasst? Immerhin gibt es bei Rumpelstilzchen ein Kesselgulasch und eine Schlachtplatte. Im Vorwort verspricht Paul, man werde versuchsweise am Hexenhaus knabbern. Ein Lebkuchen-Rezept sucht man allerdings vergeblich. Stattdessen findet man einen Ofenschlupfer. Das passt zur Kapitelüberschrift „Ofenschmaus“, löst das Versprechen aber nicht ganz ein.

Stellenweise blitzt durch, dass es auch weniger bekannte Märchen verdient hätten, aufgenommen zu werden, so zum Beispiel beim Rezept für Safran-Bergkäse-Polenta mit Bratwurst (Salsiccia) und Fenchelsalat (aus dem Rumpelstilzchen-Kapitel). Da verweist Stevan Paul zu Recht auf das Märchen ‚Vom süßen Brei‘ und auf die große Rolle, die Brei in Märchen spielt – und auf dem Speiseplan der einfachen Leute.

Sollte im Kühlschrank bereit stehen: Sahne

Handwerklich ist das Buch gelungen umgesetzt. Die Mengenangaben sind zuverlässig, die Portionsgrößen auch. Wer spontan nach dem Buch kochen möchte, sollte immer reichlich Sahne im Kühlschrank haben, unter einem Becher läuft bei vielen Rezepten gar nichts. Bei den Zeiten sollte man etwas mehr einplanen, mal braucht das Gemüse länger, mal ist man selbst etwas langsamer als der gelernte Koch und Autor. Einige der Zutaten sind auch in einer Stadt wie Berlin schwer zu beschaffen (z.B. Bronzefenchel, Pardina-Linsen, Pepperfrüchte, frische Makrelen), man kann sie aber ganz gut ersetzen.

Eine herzwärmende Idee, schön und aufwendig insziniert. Die Rezepte sind gefällig, man findet klassische und modernisierte deutsche Küche. Stevan Paul interpretiert hier frei persönlich und kulinarisch meist fern der Heimat der Märchenerzähler. Da die Gerichte eher für Erwachsene reizvoll sind, hätten es für mich gerne erwachsenere Versionen der Märchen sein dürfen – ganz ohne pupsen.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Februar 2016

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