Kochbuch von Steffen Henssler: Schnell, schneller, Henssler!

Kochbuch von Steffen Henssler: Schnell, schneller, Henssler! ★★★☆☆

Schnell, schneller, Henssler!
Steffen Henssler, Fotos Marc Eckardt, Dorling Kindersley Verlag (2012)
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Annick Payne

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Der Jugendwahn im Kochbuchregal

Steffen Henssler kocht gegen die Uhr und schreibt gegen die Midlifekrise. Denn obwohl er einige Jährchen älter ist als ich, fühle ich mich beim Lesen wie im Wunderland der ewig Jugendlichen. In diesem lauten, bunten Band “kickt der Chili richtig”, das Gericht wird “aufgepimpt” und der Leser geduzt. Lieber Herr Henssler, bei meinem letzten Besuch im Ono waren wir noch per Sie!

Der Band ist auf eine Zielgruppe zugeschnitten, die kochunerfahren in einem Zweipersonenhaushalt auf eine “schnelle Nummer” spekuliert. Hühnerbrust (wer hat Angst vorm ganzen Tier?), Kalbsfilet, Garnelen und Spargel ziehen sich wie ein roter Faden durchs Buch, und wer sein Geld in solche Zutaten investiert, darf quasi Kochen nach Zahlen betreiben. Mir missfällt, dass dem Azubi vermittelt wird, er könne mit wenigen Filetstückchen beeindruckende Mahlzeiten zubereiten – wo bleibt das Basiswissen?

Das Zeitkonzept – es gibt vier Kapitel mit Rezepten zu 10, 15, 20 und 25 Minuten – ist, gelinde gesagt, Augenwischerei. Abgesehen davon, dass nur fünf Minuten Unterschied zwischen zwei Rezeptgruppen den Kohl nicht fett machen, wird bei den angegeben Minutenzahlen kräftig geschummelt. Die Uhr läuft erst, wenn das Nudelwasser kocht und vmtl. auch erst, wenn der Backofen vorgeheizt ist (warum steht dieser Schritt dann nicht am Anfang des Rezeptes, z.B. S. 148?). Doch die Rechnung geht nicht immer auf, Beispiel Schaumpfannkuchen: wenn man die 15 Minuten Backzeit abzieht, bleiben exakt 5 Minuten um den Pfannkuchenteig anzurühren, Eiweiß steif zu schlagen und unterzuheben, den Teig ruhen zu lassen (wieviele Sekunden?), Mango in Streifen zu schneiden und anzubraten. Realistisch ist das nicht, s. u.

Auch innerhalb Hensslers selbstauferlegten Zeitlimits könnte man durchaus eine anständige Gemüsebrühe kochen (ein tolles 10-Minutenrezept bietet beispielsweise Fearnley-Whittingstalls River Cottage everyday), die wenige Cents kostet anstatt mehrerer Euronen als Fertigprodukt. Auch Henssler bietet ein Rezept für Gemüsefond – im Anhang versteckt, da es mit 1 Stunde Kochzeit seinen selbstauferlegten Zeitrahmen sprengt. Er spart also Zeit, indem er, ganz trickreich, vorbereitete Zutaten oder gleich Fertigprodukte verwendet, z.B. gekochte Kartoffeln, geriebenen Käse, gekochte Maiskolben. Apropos Fertigprodukte: gekaufte Biskuitböden, naja, aber Sahnesteif? Meine Sahne wird vom bloßen Schlagen steif.

Das Layout polarisiert ebenfalls. Für meinen Geschmack ist es zu bunt, zu fotolastig, ein visueller Overload bei dem der Text zu kurz kommt. Ohne irgendjemandem zu nahe treten zu wollen, heißt die Zielgruppe eventuell Generation Aufmerksamkeitsdefizit? Extrem frustierend ist, dass weniger als die Hälfte aller Seiten Seitenzahlen tragen, ohne erkennbares System. Hätten mehr Seitenzahlen den Produktionszeitrahmen gesprengt? Andere Frage, warum verweist das Stichwort Fisch im Register auf nur drei Einzelseiten, von denen S. 185 Fisch überhaupt nicht erwähnt? Ein wenig mehr Sorgfalt wäre schön, selbst wenn sie Zeit kostet.

Wenn mir auch Konzept und Aufmachung nicht gefallen, wenigstens über die Rezepte kann ich Positives berichten, denn trotz aller Kritik an diesem Band, mir schmeckt es. Die Rezepte entstammen der modernen Fusionküche, im Zweifelsfalle wird mit Limettensaft und Sojasoße gewürzt. Auch Zitronengras, Mango, Chorizo und Koriander sollte man mögen. Kann Henssler mit seiner Spezialität, der Meeresküche punkten? Neben den omnipräsenten Garnelen gibt es v.a. Lachs und Thunfisch, aber auch Seeteufel, Kabeljaufilet, Lachsforellentartar, Ceviche von 4 verschiedenen Fischen, ja, ansatzweise zeigt der Autor, was er aus Fischen zaubern kann. Dennoch, wahre Begeisterung will sich bei mir nicht einstellen. Negativ verbuche ich zudem, dass ein Großteil der Rezepte für mich nicht alltagstauglich ist, da die Zutaten meine Kriterien in Punkto Nachhaltigkeit nicht erfüllen. Ich kaufe bewusst eben nicht die Hähnchenbrust, sondern selbstverständlich den ganzen Vogel.

Was kann man also von Hensslers Stoppuhrküche erwarten? Leckere, einfache Rezepte für den kulinarischen Mainstream, aber kein gustatorisches Feuerwerk, soviel steht fest. Hier kickt höchstens der Chili. Vielleicht geht die Rechnung eher auf, wenn man ein Fernsehjünger von Hensslers Kochshow ist. Vielleicht fällt mir, wenn ich ganz lange nachdenke, noch etwas Nettes, Harmloses zu diesem Buch ein. Vielleicht auch nicht.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im August 2012

7 Kommentare

  1. Katharina

    Gerne! Wir verschönern immer gerne Sonntage.

  2. Wolfgang Kramer

    Nun habe ich doch tatsächlich volle 10 Minuten gebraucht, diese Rezension zu lesen aber nur, weil ich mindestens 7 Minuten davon gelacht habe! Vielen Dank!

  3. Katharina

    Wir auch. Das mit dem “Sie” war als Schmunzler gedacht.

  4. Elmar

    Ich finde es gar nicht schlecht, wenn ein Kochbuch etwas lockerer geschrieben wurde. Mir ist ein Du auf jeden Fall lieber wie Sie…

  5. bushcook

    Die Rezension erinnert mich sehr stark an das Kochduell in meiner Küche zwischen Steffen Henssler und Stefan Marquard :-).
    Und außerdem hatte ich auch immer den Verdacht, daß man für dieses Buch deutlich jünger sein sollte. Ich habe mir mehrfach gewünscht, daß man den ganzen Platz auf der Seite ausnützt und einfach eine größere Schrift wählt….

  6. Hesting

    Ich glaube auch, daß die Zielgruppe junge Leute sind. Als normal Berufstätiger hat man ja auch keine Zeit, um 14 oder 15 Uhr fernzuschauen. 🙂

  7. Eric

    Super Rezension. Habe herzlich gelacht!

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