Kochbuch von Silvena Rowe: Granatapfel, Sumach & Zitronenduft

Kochbuch von Silvena Rowe: Granatapfel, Sumach & Zitronenduft ★☆☆☆☆

Granatapfel, Sumach und Zitrusduft
Silvena Rowe, AT Verlag (2011)
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Annick Payne

Von

Ein Stern: Am besten umtauschen.

Dies Buch stand lange auf meinem Wunschzettel, denn in meinem Leben spielt der Orient sowohl kulturell als auch kulinarisch eine große Rolle. Begonnen hat alles noch zu Schulzeiten mit den Orientabenteuern Karl Mays. Seinen Höhepunkt hat es im Studium alter Keilschrifttafeln gefunden. Mit orientalischer Gastfreundlichkeit und Köstlichkeiten bin ich leicht zu verführen; in meiner Kochbuchsammlung gibt es verschiedene wundervolle Bücher zu diesem Thema. Und nun Silvena Rowe – die sich als große Enttäuschung entpuppt.

Das Kochbuch ist attraktiv aufgemacht, Jonathan Lovekins Fotografien sind wie immer umwerfend schön, allerdings hätte ich mir zu den Landschaftsaufnahmen Bildunterschriften gewünscht, ich weiß gerne, was ich mir anschaue. Ein erstes Stöbern zaubert mir – unerwartet – kein wohliges Lächeln, sondern blankes Entsetzen ins Gesicht: Vor mir liegt ein unfertiges Manuskript, in dem es von Fehlern, v.a. im Drucksatz, aber auch Rechtschreibfehlern und Auslassungen z.B. von Mengenangaben nur so wimmelt (S. 9 aristo-kratischen, S.11 geheimnis-vollsten, S. 17 Wagen statt Wangen, S. 41 beginnt mit „EL des Olivenöls“). Selbst der Titel trägt auf dem Buchrücken ein Komma, auf der Vorderseite nicht. Derart schlampige Arbeit zeugt von mangelndem Respekt vor dem Leser. Ich bin leicht verärgert über die schlechte deutsche Ausgabe, aber noch hoffnungsvoll, was den Inhalt betrifft.

Die aus Bulgarien stammende Silvena Rowe ist eine bekannte Fernsehköchin in England. Sie hat in der Vergangenheit eine wöchentliche Kolumne für den Guardian geschrieben und eröffnet im Mai ihr erstes eigenes Restaurant, “Quince”, im Londoner May Fair Hotel. “Granatapfel, Sumach & Zitronenduft” ist ihr sechstes Kochbuch, auf deutsch ist noch “Kulinarisches Osteuropa” erschienen. Der vorliegende Band konzentriert sich auf die Region Türkei und Syrien, knapp 130 Rezepte füllen die sieben Kapitel von Mezze über Hauptgerichte zu Süßspeisen. Gespickt wird der Band mit ein- bis zweiseitigen Geschichten und Zitaten zum Orient, die allerdings meist wenig Bezug zur Köchin und zum Essen aufweisen. (Beispiele: S.89, 134, 214. Aber auch die Geschichten, die Essen erwähnen, wirken eher kontextlos: z. B. S. 16-17 der Geschichtenerzähler – zwei Seiten Text für ein kurzes Gleichnis, dass sie ihre Rezepte wie der Märchenerzähler der Moderne anpassen will). Darüberhinaus reichen sie nicht aus, um aus dem Koch- auch ein Lesebuch zu machen. Es gibt gelungenere Beispiele für eingebundene Erzählungen innerhalb eines Kochbuches, finde ich.

Beim Lesen finde ich viele Rezepte, die ich ausprobieren könnte, aber wenige, die ich unbedingt nachkochen muss. Verlockend erscheinen mir vor allem die Gerichte mit frischen Blütenblättern. Ansonsten: viel Lamm und natürlich Granatapfel und Sumach. Nach letzterem klappere ich in meiner Kleinstadt bislang vergeblich die Geschäfte ab, und werde wohl auf die Hilfe großstädtischer Freunde angewiesen sein. Auch Granatäpfel sind um diese Jahreszeit nicht mehr leicht zu bekommen. Ich beginne daher mit Rezepten, die ohne diese Zutaten auskommen.

Bei näherem Betrachten gibt es an der Ausführung des Buches viel zu kritisieren, und dies ist nicht ausschließlich der deutschen Ausgabe anzulasten. Dass in Großbritannien meist Trockenhefe verwendet wird, ist bekannt, schade, dass nur einige Rezepte zusätzlich die entsprechende Menge frischer Hefe angeben. Brot bedeutet grundsätzlich Weißbrot, wenn man den Fotos glauben kann. Zutatenliste und Rezept divergieren mehrfach (z. B. S. 238, 241 Schmalz/Ghee vs. Butter).

Auch die Übereinstimmung von Foto und Rezept ist sehr unterschiedlich, mal werden Garnituren im Rezept mit angegeben, dann wieder nicht; auch Zutaten können im Rezept fehlen oder sind im Foto gegen andere ausgetauscht; auf Dips in Fotos wird nur manchmal im Rezept verwiesen (Beispiele: 218-9: Blüten auf Foto nicht im Rezept; S. 217 Foto zeigt gehackte Pistazien obenauf, Rezept nimmt ganze und mischt sie unter; S. 38 Köfte im Bild flach, im Rezept kl. Bälle; S. 40-41 Foto zeigt Dip, Rezept verweist, anders S. 44-45, kein Verweis auf Dip; S. 47 Foto zeigt schwarzen Sesam, Rezept sagt Sesam; S. 50 Foto zeigt u.a. Hanfsamen, Rezept erwähnt sie nicht; S. 65 Brotschnecken Garnitur auf Foto fehlt im Rezept; S. 66 Avocado Dip – Foto: was ist die Flüssigkeit auf dem Dip?) Mit gutem Willen mag dies noch unter künstlerische Freiheit fallen, aber ich habe gar kein Verständnis dafür, dass mehrere fotografierte Gerichte ganz klar eine andere Zubereitung als im Rezept angegeben erfahren haben. Auch wenn es z.T. nur kleine Abweichungen sind, für mein Verständnis sollten Fotos in einem Kochbuch das dazugehörige Rezept darstellen. Stattdessen stehe ich vor der Frage, soll ich dem Rezept trauen oder dem Bild?

Beim Kochen finde ich immer neue Fehler und verwirrende Angaben, mein Bemühen, ein Rezept auszusuchen, das überzeugt, ist nicht von Erfolg gekrönt. Nach drei Versuchen bin ich dankbar, dass ich kein weiteres Rezept ausprobieren muss. Anfänglich hatte ich noch gehofft, dass sich den Kritikpunkten leckere Gerichte entgegenstellen ließen. Jetzt bin ich lediglich enttäuscht und desillusioniert. Bye-bye, Silvena!

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im April 2011

6 Kommentare

  1. Elisabeth

    Die Pistazientarte ist sehr zu empfehlen, ansonsten kann man das meiste als Anregung nehmen. Ein „nettes“ Buch, Besucher hier greifen angesichts des schönen Titels gerne danach 🙂

  2. Dieter

    Erfahrung mit orientalischen Kochbüchern hatte ich bisher nicht, so dass dieses Buch mein erstes war und ich auch nicht vergleichen kann. Wegen diverser Unverträglichkeiten konnte ich nur einen kleinen Teil der Rezepte versuchen, habe aber ansonsten das Buch „durchgekocht“. Einige Rezepte waren für mich hervorragend, z. B. Seebrasse mit Korinthen, Pistazien und Blutorangensauce, oder Riesengarnelen in Gewürzmantel mit Avocado-Tahini-Sauce. Sensationell fand ich die Quitten-Rosen-Marmelade (bei mir mit Quittengelee und Rosenwasser statt geriebenen Quitten und Rosenblüten) zum ebenfalls sehr guten Stubenküken in Za’atar-Pistazien-Kruste, überraschend gut auch Schmortomaten mit Sumach und Korinthen. Insgesamt schmeckten mir 19 von 37 ausprobierten Rezepten so gut, dass ich sie unbedingt wieder kochen werde.

    • Katharina

      Wow, Dieter. Das war ja ein köstlicher Lauf und ist ein wunderbares Resümee für ein Kochbuch. Wenn das nur bei jedem so wäre. Meine Anerkennung für Deine Kochlust. 🙂

  3. Katja

    Wieder einmal eine erhellende Rezension, die mich darin bestätigt hat, das Buch im Laden liegengelassen zu haben. Die Fehler sind mir beim Durchblättern zwar nicht ins Auge gefallen, aber mir erschien das Buch doch eher auf Effekthascherei angelegt. Altbekanntes optisch aufpepppt und in Szene gesetzt, dahinter eigentlich nichts Neues – das hat die orientalische Küche eigentlich überhaupt nicht nötig. Schade – dabei ist der Titel sooo schön!

  4. bushcook

    Ich habe dieses Kochbuch ebenfalls und als stolze Besitzerin einer großen Kochbuchsammlung – mit einem arabischen Schwerpunkt – habe ich mich auch sehr auf dieses Buch gefreut. Ich gestehe, daß ich auf das “drum herum” mit Geschichten in Kochbüchern verzichten kann. Die Rezeptideen haben mich begeistert, am liebsten hätte ich die Hälfte aus dem Stand nachgekocht. Klappt natürlich zeitlich gar nicht. Mittlerweile ist es mir aber gelungen diese Sardinen mit dem Bärlauch nachzukochen. Das Zutatenthema ist für mich kein Problem, ich lebe in der Großstadt. Geschmacklich hat mich das Rezept begeistert, ich habe mich nicht daran gehalten. Meiner Meinung nach sind einige beschriebene Dinge handwerklich gar nicht möglich.

    Vielen Dank für die Rezension, die mir sehr hilft. Es bestärkt mich in meiner Meinung, die Rezepte als Inspiration zu nehmen und mich bei der Umsetzung auf meine Erfahrung zu verlassen. Trotzdem mag’ ich das Buch :-).

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