Kochbuch von Signe Johansen: Scandilicious, Secrets of Scandinavian Cooking (engl.)

Kochbuch von Signe Johansen: Scandilicious, Secrets of Scandinavian Cooking (engl.) ★★☆☆☆

Scandilicious: Secrets of Scandinavian Cooking
Signe Johansen, Hodder & Stoughton (2011)

Annick Payne

Von

Zwei Sterne: Begeisterung sieht anders aus.

Scandilicious gehört zur modernsten Generation Kochbücher, erwachsen aus dem gleichnamigen Blog von Signe Johansen, einer in London lebenden Norwegerin. Der Titel wäre wohl mit “skandinavisch köstlich” zu übersetzen, denn dass sich hinter dem Anfang von scandilicious auch nur das kleinste Skandälchen verbergen könnte, wird bereits durch das puristisch reine Titelbild negiert, welches das Klischee der Unberührtheit skandinavischer Natur aufgreift. 

Der Titel ist nur bedingt zutreffend, denn obwohl Skandinavien aus Dänemark, Schweden und Norwegen besteht, sind doch die meisten Rezepte aus der norwegischen Heimat der Autorin. Auch dem Adjektiv “köstlich” kann ich mich nicht mit Überzeugung anschließen, zu gemischt waren die Resultate meiner Kochversuche. Misslungen ist nichts, optisch waren die Ergebnisse durchweg gut, aber geschmacklich sehr durchwachsen. Gehört die Autorin etwa zu jenen Bloggern, die besonders viel Wert auf Äußerlichkeiten legen?

Signe Johansen ist eine ausgebildete Köchin und veröffentlicht ihre eigenen Rezepte seit mehreren Jahren als Bloggerin, zuerst auf scandilicious, inzwischen unter folgender Adresse: signejohansen. Sie hat u.a. in der Molekularküche von Heston Blumenthal gearbeitet, aber die vorliegenden Rezepte versuchen sich ganz bodenständig an einer modernen Interpretation skandinavischer Hausmannskost. Vieles erinnert an die deutsche Küche der fünfziger Jahre: Arme Ritter, Fruchtsuppe, Grütze, Waffeln, Bananenbrot, Wackelpeter. Nicht gerade verführerisch, oder? Immerhin gibt es zu Johansens Sauerkirschsuppe kein Sago. Auch ein wenig britischer Einfluss lässt sich erkennen, so beispielsweise in der Verwendung von Marmite, einem Hefeaufstrich, der im genetischen Code der Briten – und fast ausschließlich dort – verankert ist.

Die einzelnen Kapitel führen den Leser durch alle denkbaren Mahlzeiten, von Frühstück über Brunch, Mittagessen, Kaffeezeit, Abendessen bis zum Nachtisch. Das durchgestylte, minimalistische Design mit Fotos, die auch einen Geschirr- und Textilkatalog illustrieren könnten, mag man als nordisch kühl bezeichnen, die Küche selbst bleibt vorwiegend kalt. Die Gewichtung der Rezeptauswahl zeigt mit je um die 20 Rezepten eine Vorliebe für Gebäck und belegte Brote, noch etwa halb so viele Rezepte gibt es für die Kategorien Getränke; Joghurt, Marmelade und Kompott; sowie Süßes. Um die sieben Rezepte gibt es für drei weitere Gruppen, nämlich Fisch; Suppe; Milchreis, Müsli, Grütze. Alles übrige, nämlich Eier, Gemüse, Fleisch, Nudeln, Salat, Soße fällt unter ferner liefen.

Die Getränke sind einfach und lecker, aber das ist kaum Basis genug, um mir ein Urteil über Johansens Kochkunst zu bilden. Ich beginne daher mit verschiedenen Backwaren, auch, da diese den Hauptteil des Buches ausmachen. Johansens Rezepte sind handwerklich sauber, sie achtet auffällig auf einen niedrigen glykämischen Index durch Zutaten wie Dinkelmehl und Fruchtzucker, ist aber andererseits extrem freigiebig mit Sahneprodukten, so verwendet sie für ihren Makkaroni-Käse-Auflauf alleine einen halben Liter an Sahnigem, vom Käse ganz zu schweigen. Auch “Janssons Verführung”, ein Kartoffelgratin mit Anchovies ist mit knapp 400 ml Sahnegenuss ein Schwergewicht.

Die Backwaren glänzen optisch, enttäuschen aber geschmacklich. Am glücklichsten werde ich mich Rezepten, die so einfach sind, dass ich normalerweise hierfür nicht auf Rezepte zurückgreifen würde, wie Getränke und belegte Brote.

Ich halte der Autorin zugute, dass sie weiß, wovon sie schreibt, aber vor meinem geistigen Auge sehe ich sie nicht, die Leserin, die mit diesem Buch glücklich wird. Wer bereits regelmäßig kocht, könnte auf ein Großteil der hier angebotenen Rezepte verzichten. Im Vergleich zum Blog bietet das Buch zudem weniger Anekdotisches, macht dies aber nicht durch schwergewichtigeren Inhalt wett. Vermutlich ist scandilicious auf dem englischen Markt besser platziert, da es vorstellbar ist, dass viele der Rezepte für einen Briten gerade exotisch genug ist, um als angenehm fremdartig wahrgenommen zu werden. Für den deutschen Markt bietet es meiner Ansicht nach nicht ausreichend interessante Rezepte, von einigen merkwürdigen Geschmackserlebnissen ganz zu schweigen.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im August 2011

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