Kochbuch von Sebastian Copien: Grün in allen Farben

Kochbuch von Sebastian Copien: Grün in allen Farben

Grün in allen Farben: Das saisonale Kochbuch
vegetarisch & vegan
Sebastian Copien, Hansi Heckmair
Foodography.eu, Eigenverlag (2013)

Stefanie Will

Von Stefanie Will

Ich hätte schon beim Cover stutzig werden sollen. Ja, es ist wunderschön illustriert – prächtiges Gemüse, blühende Tulpen und ein Erdbeeren schwingender Schneebesen. Denken Sie an den Vorspann der Serie „Desperate Housewives“ – cooler Retro-Chic, wenn man so will. Aber wenn es um Kochbücher geht, bin ich nunmal zu allererst eine visuelle Genießerin. Heißt: Schon beim ersten Anblick der Bilder muss mir das Wasser im Mund zusammenlaufen, ein 3-D-Kopfkino von genussvollen, wohl duftenden und laut brutzelnden Abenden in der Küche muss sich abspielen. „Grün in allen Farben“ ist ein eindimensionaler Stummfilm, bis das erste Rezepte gekocht ist.

Es geht los mit einem Vorwort von Dr. Rüdiger Dahlke, der nicht müde wird, sich selbst als Vegan-Papst und sein Buch „Peace Food“ als die Bibel zu bewerben. Hier vergeht mir kurz die Lust. Es folgt ein, zugegeben, hübsch illustrierter, aber üblicher Saison-Kalender für heimisches Obst und Gemüse, und dann noch ein Vorwort. Diesmal vom Autor Sebastian Copien, der behauptet, die „vegetarische und vegane Küche zu erobern und neu zu gestalten“. Soso …

Während ich nun also ein Feuerwerk an kreativen Neukreationen erwarte, erschlägt mich die zwar gut gemeinte und für blutige Anfänger sicher recht hilfreiche, aber mit 35 Seiten viel zu lange Ausführung darüber, was denn nun die „neue fleischlose Küche“, wie sich eines der Kapitel nennt, eigentlich ist: Sie ist, tja, fleischlos – eine Abhandlung über Massentierhaltung und Geschmackskonditionierung. Und sie ist intuitiv. Das erklärte Ziel des Buches ist es nämlich, dass der Leser einkaufen geht, regional und saisonal versteht sich, und sich dann ein Rezept aussucht und nicht umgekehrt. Das klappt auch, insofern man die 63 „Basislebensmittel“, die man jederzeit im Haus haben sollte, auch tatsächlich hat. Hab ich nicht. Also sch*** ich auf die Intuition und will mir ein Rezept aussuchen. Leicht gesagt ….

copien-portraetAha, oha – dann die Rezepte

Nach einem tatsächlich interessanten Kapitel zu Kräuterkunde und einigen nur mäßig lehrreichen über die Zubereitung von Reis, Nudeln & Co. sowie Gewürze und Speiseöle gelange ich auf Seite 42 endlich zur ersten kochbaren Info des Buches: das „Basisrezept Gemüsesuppe“. Es folgen „dunkle Bratensoßen ohne Braten“ und einige wirklich leckere Rezepte für selbst gemachte Currypasten. Auf Seite 50 ist es endlich soweit: Es gibt was zu Beißen! Naja, nicht wirklich. Eine Bärlauchsuppe ist das erste Rezept des Frühlings. Jede Jahreszeit hat ein eigenes Kapitel, das zehn Rezepte enthält: acht Vor- und Hauptspeisen plus zwei Desserts inklusive geschätzter Zubereitungszeit. Jedes wird im ganzseitigen Foto gezeigt, ist aber in den meisten Fällen so stark angeschnitten, dass man die ganze Pracht nur erahnen kann. (Linkes Foto: der Autor)

Schließlich raffe ich mich auf und entschließe, mit der Zen-Tomaten-Suppe zu beginnen. Etwas Zen würde mir zu diesem frustrierten Zeitpunkt sicher gut tun. Und überhaupt: Was kann bei Tomatensuppe schon falsch machen? Viel, wie sich schnell herausstellte. Was aber nicht an diesem Rezept lag, sondern wohl eher an denjenigen, die ich bisher befolgt hatte. Die Suppe schmeckte um Längen besser, als alle, die ich bisher gekocht hatte! Meine Laune besserte sich, und mein Zen kam langsam wieder ins Lot. Trotzdem: Hier begann mein Einerseits-andererseits-Verhältnis mit diesem Buch …

Kulinarisches Können? Ja. Sinnlichkeit? …

Alle Gerichte, die ich nachgekocht habe, gelangen problemlos und schmeckten herausragend gut – allen voran das süßlich-scharfe „Indianstyle Kürbis-Rosinen-Curry mit Joghurt und Reis“ und „Omas saftige Zwetschgenpfannkuchen“. Zwei Lieblinge, die noch oft bei uns auf den Tisch kommen werden. Auch auch, wenn die Qualität der Rezepte wirklich keine kulinarischen Wünsche offen lässt, Leidenschaft und Vorfreude konnte „Grün in allen Farben“ leider bis heute nicht bei mir wecken. Und für meine Vorstellung von einem wirklich gelungenen Kochbuch ist es einfach nicht sinnlich genug, erinnert mehr an ein Sach-, als an ein Kochbuch. Deshalb nur drei Sterne, die allesamt an den tollen Geschmack der Gerichte gehen. Wem diese Art der Sachlichkeit und Überzeugungsarbeit aber Appetit macht, der kann im Gedanken einen Stern dranhängen.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Januar 2014

2 Kommentare

  1. Stefanie Lettow

    Liebe Isabel,
    das ist in der Tat eine sehr gute Frage! Und ehrlich gesagt, ich weiß nicht, warum sie ausgerechnet Zen-Tomaten-Suppe heißt. Ja, sie hat mich entspannt – aber an besonders exotischen Zutaten lag das nicht. Ich mochte sie besonders gern, weil sie sehr tomatig, aber nicht sahnig war – fast eine Art Tomateneintopf. Zudem wird nebst normalem Pfeffer auch rosa Beerenpfeffer verwendet. Anfangs hab ich noch überlegt, ihn wegzulassen, weil ich keinen im Haus hatte. Dachte dann aber: Naja, wenn schon, denn schon – und es ist unglaublich, was ein einziger Teelöffel an feinen Zusatzaromen geliefert hat, fruchtig und ein bisschen nussig. Toll! Dazu Rosmarin, Thymian und Knoblauch … schlicht und trotzdem sehr raffiniert! Ich hoffe, ich konnte Dir Appetit machen, auch, wenn ich das Zen nicht erklären kann 🙂

  2. Isabel

    Hallo Stefanie, Du machst mich neugierig: was um alles in der Welt hat denn der Herr Copien so anders gemacht, dass die Tomatensuppe „zen“ig wurde? Vielleicht magst Du einen kleinen Hinweis geben – sonst muss ich mal im Buchhandel blättern gehen…
    Danke für die amüsante Rezension, bei Herrn Dahlke hätte ich mich auch schon innerlich abgewandt…

Schreib' uns!

Meistgelesen

Themen A-Z