Kochbuch von Sarah Mayor: Das große Bauernhof-Kochbuch

Kochbuch von Sarah Mayor: Das große Bauernhof-Kochbuch ★★★★☆

Das große Bauernhof-Kochbuch
Sarah Mayor, Andrew Montgomery
Hölker Verlag (2014)
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Sylvia Peters

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Von außen sieht es aus wie ein Märchenbuch, innen wie der Manufaktum-Katalog. Das gebundene Buch mit den außerordentlich dicken Seiten hat etwas märchenhaftes, insofern es die Bebilderung der Rezepte betrifft. Die ewig ungestillte Sehnsucht des Städters nach der vermeintlich guten alten Zeit, dem beschaulichen ländlichen Bauernhof-Leben (das es so vermutlich nie gegeben hat) mit schwarz-weißen freundlich drein blickenden Kühen, Bauern, die in Gummistiefeln durchs Tal stapfen und dem Vieh auf die Schulter klopfen, kleine Beete mit Salat und Lavendel, und Familien, die Schulter an Schulter ihren Zusammenhalt am Mittagstisch demonstrieren, wird hier ordentlich befeuert.

Selten aber wird es so sympathisch geradlinig vorgetragen wie im vorliegenden Band. Yeo Valley, das als kleines Unternehmen mit 30 Kühen in den 60er Jahren begann, ist heute das größte Bio-Unternehmen in Großbritannien, in dem wöchentlich 2 Millionen Liter Milch verarbeitet werden. Die Tochter des Begründers präsentiert ihre Lieblingsgerichte, die sie selbst als “klassische Landküche mit modernem Dreh” bezeichnet. “Ein Jahr lang habe ich für dieses Buch gekocht, abgeschmeckt und angepasst”, so die Autorin. Mir gefällt das, da wird nicht rumgeschwafelt und die Adjektive kleben nicht wie Zuckerperlen auf einem ungenießbaren Vortext. Außerdem, aber das mag ein bizarres Kriterium sein, riechen die Seiten gut, wenn man das Buch durchblättert.

kochbuch-sarah-mayor-das-grosse-bauernhof-kochbuch-inside-valentinasDas unreflektierte Gemaule über die angeblich ach, so schlechte und phantasielose englische Küche habe ich nie nachvollziehen können. Wir wären zurecht auch beleidigt, wenn von uns Deutschen gesagt würde, wir äßen das ganze Jahr nur Bratwurst, Sauerkraut und Kartoffeln. Schon die Nonchalance, wie hier indisches Lammcurry ganz selbstverständlich als zutiefst ländliches Gericht präsentiert wird, macht deutlich, wie offen die Küche ist. Außerdem stammen einige meiner absoluten Kuchenlieblinge aus dem englischen Raum, Melasse sei dank. Die Rezepte sind hier geordnet nach der Herkunft ihrer Hauptzutat – Aus der Molkerei, Aus der Hofküche, Aus dem Gemüsegarten, Vom Geflügelhof, Von der Weide, Aus Wald, Wiese und Gewässern und Aus dem Obstgarten. Das führt streckenweise zu Überschneidungen – Fleisch findet man mal hier, mal da, mal hier einen Salat und dann wieder ein Geflügel, aber das wirkt nicht weiter störend.

Ein bisschen lachen musste ich über die Angaben bei den Fleischmengen. Während hierzulande häufig 150 bis 250 Gramm pro Person kleckernd veranschlagt werden, wird hier ordentlich geklotzt. Für den Lammfleischsalat, der für 6 Personen angelegt ist, werden 2,5 kg Lamm benötigt. Das nenne ich mal eine ordentlich bemessene Portion! Und damit man das 2-kg-Hähnchen zu viert (eventuell zu sechst) nicht so elend trocken runterwürgen muss, werden noch 450 Gramm grobe Schweinswürstchen dazu serviert. Auch gekochte Eier kriegen hier eine solide Wurstbräthülle verpasst.

kochbuch-sarah-mayor-das-grosse-bauernhof-kochbuch-inside-kuehe-valentinasAnsonsten findet sich alles, was man tagtäglich kocht – Tomatensuppe, Rote-Bete-Salat, überbackener Blumenkohl, Fisch, Hähnchen, Fleischgerichte wie Rinderragout, Lammkeule und Schweinebraten sowie Kuchen wie Zitronenkuchen mit Himbeeren, Apfelkuchen mit Cidre und verschiedene Desserts. Allerdings sind eine Menge Rezepte dabei, die man nicht das ganze Jahr hindurch kochen kann (Wildgerichte, Rhabarberkuchen, Spargelsuppe, Holunderblütensirup) – aber schließlich ist das ohnehin ein Anliegen des Buchs, quer durch die Jahreszeiten auf saisonale Besonderheiten zu achten, ohne gleich mit dem grünen Bio-Finger zu drohen.

Da im Moment recht hohe Temperaturen herrschen, habe ich gedanklich die Fleischrezeptnachkoch-Orgie auf den Spätherbst verschoben und mit den leichteren Suppen-, Salat-, Brot- und Dessertrezepten begonnen. Etwas, das ich dabei festgestellt habe, ist folgendes: Esst mehr Blauschimmelkäse! Die von mir bisher in der Küche eher stiefmütterlich behandelte Käsesorte hat – einmal in der Suppe und einmal in einer Tarte – Familie und Gäste zu regelrechten Lobhudeleien inspiriert. Die Rezepte sind alle recht unaufwendig, küchenhandwerklich sollte das keine Probleme bereiten.

Ein unaufgeregtes, solides Buch mit rustikal-romantischer Bauernhof-Bebilderung für Freunde fortgeschrittener Alltagsküche und des erweiterten Fleischgenusses.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im September 2014

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