Kochbuch von Sarah Britton: My New Roots

Kochbuch von Sarah Britton: My New Roots ★★★★★

My New Roots – Saisonale vegetarische
Gerichte für ein besseres Lebensgefühl
Sarah Britton
Knesebeck Verlag (2016)

Katharina Höhnk

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Der Preis für das schönste Kochbuchcover der Saison ist Sarah Britton sicher. Aber dass sich das Buch zur Inspirationsquelle Nr. 1 meines Sommers mausern würde, damit hatte ich nach dem ersten Stöbern nicht gerechnet. Zu trendig, zu viel Gesundheitsbezug und zu viel Little things statt Familientauglichkeit war mein erster Eindruck. Und irgendwie zu unbedarft.

Tatsächlich hatte Sarah Britton (Foto unten) mit Kochen erstmal nichts zu tun. Die schöne Autorin, gebürtige Nordamerikanerin und ausgebildete Designerin, passte bis zum 23. Lebensjahr komplett in das kulinarische Profil ihres Kontinents, das sich verkürzt auf „zu viel Zucker“ reduzieren lässt, wie sie schreibt. Bis sie auf eine Tomate traf, schreibt sie, die „wie ein goldener Tautropfen am Stock hing“, und zwar auf einem Biobauernhof, wo sie ein kurzes Praktikum absolvierte, und die dann an ihren Gaumen gelangte und einen explosionsartigen Geschmack auslöste.

autorenfoto-portrait-sarah-britton-my-new-roots-2-valentinasDanach sei ihr klar gewesen, dass es einen Link gäbe zwischen dem, was man isst und was man sei. (Ok …) Ihr daran anknüpfender Werdegang im Zeitraffer: Ausbildung zur Ernährungsberaterin, Gründung des Blogs My New Roots, der Liebe wegen nach Dänemark, Restaurant-Jobs und schließlich Fulltime-Bloggerin.

Nebelkerzen oder Abholen?

Wer immer so eine „echte“ Tomate genossen hat, wird diesem cineastischen Genussmoment jedoch aus vollem Herzen zustimmen. Ja, er hat das Zeug zu einer Erkenntnis mit Folgen. Aber die allgegenwärtige Unbedarfheit, die Britton in ihrem Buch formuliert, legt zunächst eine irritierende Fährte. Verstärkt von Hinweisen wie z. B. dass grüne Paprika unreife rote sind – ist das wirklich erklärungsbedürftig?

Der Gedanke drängte sich einfach auf: jung, süß, Bloggerin – ein populärer Dreiklang. Fachlich aber am Anfang der Karriere und daher oft nicht nachhaltig interessant für Köchinnen wie mich. Jetzt lässt sich sagen: Ja, das stimmt auch alles immer noch, aber sie bewegt sich rezeptsicher in ihrem Terrain. Ihr Vorgehen entpuppt sich eher als eine authentisch gemeinte Nebelkerze zu dem Zwecke, LeserInnen abzuholen, egal ob sie schon einmal eine Möhre gekocht haben oder nicht.

Gesundes & viel Süßes

So richtig ums Kochen geht es auch nicht, sondern es geht um gesunde Ernährung und Lebensmittel. In den Rezepten offenbaren sich passend eher die kleinen Dinge, die sich vor allem für einen Ein- bis Zweipersonenhaushalt eignen und hälftig (!) süß sind. Das spiegelt sich im Aufbau des Kochbuchs. Sarah Britton klassifiziert saisonal und zwar nach den Mahlzeiten Frühstück, Zwischendurch, Hauptgericht, Dessert.

Der gesunde Singsang reißt dabei nicht ab und bleibt nicht ohne Wirkung: Beim Himbeersmoothie ist die Minze ausgleichend für den Verdauungsapparat (da steht wirklich Apparat!), bei den Maispfannkuchen wird der Gehalt an Antioxidantien hervorgehoben, und bei dem Sauerampferhummus ist der ebenso reiche Gehalt wie der des Maximus Grünkohl erwähnenswert. Selbst ich, die sich stets als Hedonistin in Sachen Essen tituliert, hört mit halbem Ohr hin. Manches ist interessant wie z. B. die bessere Verdaulichkeit von Ziegen- und Schafsmilchprodukten gegenüber Kuhmilch, weil die Eiweißmoleküle kleiner sind und die Membranen nur halb so dick.

kochbuch-my-new-roots-sarah-britton-inside-valentinasZwischen den gelungenen süßen wirken die herzhaften Gerichte beim Lesen erst einmal sonderbar sperrig in der Komposition: Die Calzone mit Schwarzkohl, Zwiebeln und Oliven schreit Spezial-Spezial-Aufwand und nach keiner saisonalen Paarung (Schwarzkohl + Kirschtomaten) und die Wildreissprossen mit Pistazien und Frühlingsgemüse mit Erbsen, Kichererbsen und Karotten nach zu viel Knackigkeit, wo es doch derzeit um heterogene Konsistenzen geht, die sich ergänzen.

Moderne Vollwertküche

Erst beim dritten Anlauf gelang mir dann die Auswahl der Rezepte zum Nachkochen. Ich beschloss, mich auf die Offensichtlichkeiten zu konzentrieren: süß und little. Es wurde der Sonnenblumkern-Sesam-Krokant in den Ofen geschoben, übersetzt Müsliriegel für das Loch am Nachmittag, das auch mich im Büro plagt. Und, wow, sie sind sooo gut. Tiefes Aroma, knusprig, perfekte Süße. Es folgten die Chocolate-Chip-Plätzchen mit Salz und Pfeffer aus Haferflocken mit Reissirup und Pfeffer, die an den Erfolg voll und ganz anknüpften. Knaller!

Mein Vertrauen wuchs, ich wechselte dann doch zu den herzhaften Gerichten und die Erkenntnis darüber, was ihre Rezepte auszeichnet, wurde deutlich: Sarah Britton nimmt den Faden der Vollwertküche auf in einer modernen Version. Man kann die Blase der Gesundheitsgründe getrost beiseite schieben, der Erkenntnisgewinn ist beim Vortasten mit den Rezepten wunderbar: es werden viele Getreidesorten verwendet inkl. unbekannteren, andere Süßungsmittel und Fettarten (Kokos) sowie Hülsenfrüchte. (Für Erstere und Letztere bietet sie übrigens eine sehr hilfreiche Liste von Garzeiten inkl. Einweichzeiten und Gewicht nach dem Garen an.) Die Bandbreite ist enorm und die Rezepte sitzen.

Ihre Gerichte schmecken wirklich anders – nachhaltig, kernig, frisch. Sie haben ein elegantes, tiefes Aroma, das mich begeistert. Seitdem achte ich viel mehr darauf, Vielfalt und Vollwert in den Alltag einfließen zu lassen. Das Ausprobieren hat mir bei diesen Ergebnissen extrem viel Spaß gemacht.

Fast zu schön – Sarah Britton und ihr Blog-Buch My New Roots verschleiert geradezu, woran es anknüpft: Es ist das perfekte Buch, um in die moderne, frische vegetarische Vollwertküche einzusteigen, die bisher so dogmatisch und bieder auftrat. Hier findet sich eine Breite an Zutaten, immer begleitet vom Singsang der Gesundheitsvorteile, die dem Reichtum der Natur würdig sind. Geprägt von süßen und eher kleinen Dingen einer Bloggerin, die für einen kleinen Haushalt kocht. Man kommt auf den Geschmack dieser Tiefe. Wer es selber einmal probieren möchte, dem sei dieses Rezept empfohlen, das die Basis für Brittons Erfolg legte:  The Life-Changing Loaf of Bread.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im August 2016

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