Kochbuch von Sandra Vartan & Sebastian Meißner: Kiezküche Kreuzberg & Neukölln

Kochbuch von Sandra Vartan & Sebastian Meißner: Kiezküche Kreuzberg & Neukölln ★★★★☆

Kiezküche Kreuzberg & Neukölln
Sandra Vartan & Sebastian Meißner
Rezepte Thomas Elstermeyer
Fotos Jean Graisse
Kiezküche GmbH (2015)

Maria Kufeld

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Die Berliner Foodieszene boomt. Ob hier zuhause oder zu Besuch: Am Leckermekka Kreuzberg/Neukölln kommt keiner vorbei. Ein neues Buch bildet diesen Schmelztiegel frisch, frech und ein bisschen anders ab – mit spannenden Gerichten und Geschichten aus dem Kiez.

Berlin ist momentan das kulinarische Epizentrum Deutschlands – und meine Heimat. Vor allem in den Szenebezirken Kreuzberg und Neukölln kommt man mit den Neueröffnungen von Cafés, Restaurants und Bars kaum hinterher. Seine Tradition als Multikultikiez gepaart mit vielen internationalen Neuzugänge prägen „Kreuzkölln“.

Dass diese Ecke eine tolle Inspiration für ein Kochbuch sein könnte, dachten sich auch die Macher der „Kiezküche // St. Pauli“. In Hamburg hatten sie 2013 die Idee, einem Stadtteil ein köstliches Denkmahl zu setzen. Und weil das Buchprojekt gut ankam – inzwischen gibt es einen gleichnamigen Foodtruck und eine Produktlinie mit Saucen und Eierlikör – machte sich das Team letzten Sommer auf, Berlin kulinarisch zu entdecken.

Zündstoff bis Katerfrühstück

Dabei gehen sie im Buch – wie schon beim Vorgänger – über die reinen Rezepte hinaus. In den Kapiteln „Abgefrühstückt“, „Durch den Tag“, „In die Nacht“, „Zündstoff“ (Drinks), „Munchies“ (zum Zündstoff) und „Katerfrühstück“ (nach zu viel Zündstoff) finden sich außerdem Reportagen über lokale Imker, Interviews mit Gastronomen wie Daniel Brühl und Porträts Berliner Institutionen. Angefangen bei der urigen Jazzkneipe Yorckschlösschen in Kreuzberg bis hin zu gehypten Neuzugängen wie dem frisch besternten Nobelhart & Schmutzig. Letzteres steuert netterweise gleich das Rezept für Broiler und Lauch bei (in Berlin nennen wir das Hühnchen so).

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Die meisten der 55 Rezepte stammen aber von Thomas „Tom“ Elstermeyer. Er brutzelte schon für Natalie Portman, war jahrelang bei Christian Rach im Tafelhaus und hat sich zuletzt mit seinem Supper Club Gaumengold in die Herzen der Hauptstädter gekocht. Von seinem Essen träume ich heute noch. Wie schön, dass man als Gast Gerichte wie Pastinaken-Brötchen, Räucherbutter und Tuna-Sashimi im Buch zum Nachkochen wiederfindet.

Fusionküche „Kreuzkölln“

Ein bisschen fühle ich beim Lesen wie auf einer Weltreise. Angefangen in den Staaten mit Red Velvet Cake, über Shakshuka aus Israel bis hin zum japanischen Okinawa Taco-Reis. Tom lässt seiner Kreativität freien Lauf und bildet die Vielfalt im Kiez mit Fusion-Gerichten wie „Funky Wurzel-Wraps“ und Merguez mit Kartoffelsalat ab. Hin und wieder verlaufen sich im Buch aber auch deutsche Klassiker wie Klopse und Ketwurst (die Currywurst des Ostens). Als Berlinerin freut mich das natürlich.

Aber vor allem die bunte Mischung macht es beim Nachkochen spannend. Ein paar Gewürze, den gut sortierten Supermarkt oder Asiashop sollte man in der Nähe haben. Dann sind die meisten Sachen leicht gemacht. Toms Vorliebe für exotische Zutaten wie Bronzefenchel, Algen oder Rosenblütensirup kommt immer wieder durch, womit er vermeintlich Bekanntes neu interpretiert. Die Pizza wird kurzerhand syrisch, die Currywurst orientalisch. Darauf muss man erstmal kommen.

Ab und an stolpert man im Buch über Flüchtigkeitsfehler wie beim Rezept für Walnussknödel mit Ziegenkäse. In die kommen laut Zubereitung Kartoffeln. Nur sind sie bei der Zutatenliste leider gar nicht aufgeführt. Auch bei den doch aufwendigen Klopsen soll Speisestärke, von der man erst im Fließtext erfährt, die Sauce binden. Kochanfänger kommen da eventuell ins Schlingern. Ich war genervt.

Fazit: Das (Koch-)buch ist eine schöne Abwechslung, die aus der klassischen Länderküchen- und Themensparte ausbricht. So vielfältig und überraschend sind Gerichte in einem einzigen Buch selten – und bilden genau deshalb Berlins bunte Kiezküche authentisch ab. Das recht umfangreiche Cocktailkapitel ersetzt die süße Abteilung. Was mich nicht stört, aber Naschkatzen doch vernachlässigt. Sie bekommen bei den tollen Foodfotos (jedes Gericht wurde fotografiert!) hoffentlich trotzdem Appetit und Lust auf einen Besuch in der Hauptstadt. Denn ganz nebenbei kriegt man auf 184 Seiten noch einen Gastroguide, Portraits und Geschichten präsentiert, mit denen selbst Berliner ihren Kiez neu entdecken.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im April 2016

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