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Katharina Höhnk

Kochbuch von Sam Sifton: The New York Times – Das Kochbuch ★★

The New York Times – Das Kochbuch, Sam Sifton, Fotos: David Malosh, Christian Verlag (2022)

Zwei Sterne: Begeisterung sieht anders aus.

Katja Böttger

Von

„Sie brauchen kein Rezept“, schreibt Sam Sifton. Stimmt, denke ich mir – mal mehr, mal weniger, abhängig von Kochanlass und Vorkenntnissen, aber auch von Temperament und Abenteuerlust, da sind die Komfortzonen der meisten Hobbyköchinnen sicherlich ganz unterschiedlich abgesteckt. Aber brauche ich dieses Buch?

Kochbuch von Sam Sifton: The New York Times - Das Kochbuch
Kochbuch von Sam Sifton: The New York Times – Das Kochbuch

Kochen ohne Rezept, das macht mich neugierig. Ich koche zwar häufig ohne Kochbuch, aber kaum mal ohne Rezept, jedenfalls nicht ohne eine grobe Rezeptidee aus dem persönlichen Erfahrungsschatz, und jetzt soll ich mit Kochbuch, aber ohne Rezept kochen? Und wenn dann noch der große Name der New York Times ins Spiel kommt, sind meine Erwartungen noch gespannter. Und Sam Sifton ist kein Geringerer als Gründungsredakteur von NYT Cooking, der hochgeschätzten Kochplattform für Kochenthusiasten weltweit. Seit ein paar Jahren bereits verschickt er seine „No-recipe recipes“ per Newsletter – und nun also das Ganze „analog“.

Was ist ein „Nichtrezept”?

Nun, das ist schnell erklärt: Das sind Rezepte weitgehend ohne Mengenangaben und auch sonst gerne ein bisschen unpräzise. Ansonsten unterscheiden sie sich nicht von den Rezepten, wie wir sie alle kennen – auf jeder Doppelseite findet sich einmal der Textteil, bestehend aus ein paar einleitenden Worten, einer Einkaufsliste, dann die Beschreibung der Zubereitung und vielleicht ein Tipp oder eine Variante, auf der gegenüberliegenden Seite dann ein Rezeptfoto, ganz der bewährte Standard.

Zum Weiterlesen:

Sam Sifton und New York Times Cooking bei Instagram

Mehr Kochbücher zur US-amerikanischen Küche bei Valentinas

Das Prinzip leuchtet mir ein, schließlich geht es ums tagtägliche Kochen, nicht um komplexe Molekularküche. Zumal auch ich mich gerade bei einfachen Rezepten schon häufig an allzu grammgenauen Angaben gestört habe, die lebensfremde Präzision vorgaukeln. Ich nehme einfach die gewohnten haushaltsüblichen Mengen, und die Feinsteuerung erfolgt dann beim Abschmecken, denke ich mir, das ist machbar.

Geschmacksverstärkung mit Vollgas

Ist das also schon alles? Um das Geheimnis weiter zu ergründen, lese ich mich kreuz und quer durch die Rezepte. Sam Sifton hat zweifellos eine sehr ansprechende Schreibe, er schwärmt, was das Zeug hält, er kann seinen Leserinnen mühelos den Mund wässrig quatschen, und er hat Humor. Seine kulinarische Handschrift finde ich jedoch gewöhnungsbedürftig.

Kochbuch von Sam Sifton: The New York Times - Das Kochbuch
Kochbuch von Sam Sifton: The New York Times – Das Kochbuch

Sifton präsentiert nahezu ausschließlich Herzhaftes, hauptsächlich Gerichte der Sorte „heiß und fettig“ – viel, viel Fleisch, mal als Hauptzutat Rinderhack, Brathähnchen vom Grill, oder Schweinefüße, mal in Form von Chorizo oder Schinkenspeck als geschmacksstiftende Beigabe zu Pasta, Reis und Gemüse, dazu gerne Butter, Cheddar und Schmelzkäse und jede Menge fertige Saucen aus allen kulinarischen Himmelsrichtungen.

Es gibt Ketchup mit Kimchi, ein „Pizza ohne Kruste“ genanntes Pfannengericht aus Dosentomaten und Käse, einen „Crab-Ragoon-Burger“ aus Dosenkrabben, Burgerfrikadellen und jeder Menge Saucen, „Chorizo-Nachos“ und „Buffalo-Chicken-Dip“, und ja, das sei fairerweise gesagt, zwischendurch auch mal ein schlichtes kleines Gericht ohne fastfoodmäßigen Geschmacksbooster. Der „Maissalat mit Tomaten und Rucola“ ist dann allerdings doch erschreckend angestaubt.

Es fällt mir diesmal wirklich schwer, Kandidaten zum Nachkochen herauszufiltern. Ich mag es nicht, wertvolle Zutaten zu nehmen und so viel Schmelzkäse daraufzuballern, bis es erwartbar auf vordergründige Art köstlich schmeckt und anschließend schwer im Magen und auf der Seele liegt.

Sam Sifton:

„Ohne Rezepte zu kochen, ist tatsächlich eine Küchenfertigkeit, so wie das Schneiden von Gemüse in Würfel oder das Wenden eines Omeletts. Es ist eine Fähigkeit, die man entwickelt, eine Art, sein Selbstvertrauen in der Küche zu steigern und so aus dem Kochen ein Vergnügen zu machen, auch wenn man es manchmal als Pflicht empfindet.“

Was ich aber am meisten vermisse, ist die vollmundig versprochene Inspiration zu Kreativität. Und das bestätigen auch meine letztlich überschaubaren Nachkochversuche, wobei meine Auswahl aus genannten Gründen nicht gerade repräsentativ ist. Klar sind die Rezepte „gelingsicher“, das bringt es mit sich, wenn sich der Autor von jeglicher Verantwortung freizeichnet und die Leserin ihrem Schicksal überlässt – jede Mittelmäßigkeit geht ja automatisch auf ihr Konto, und der kulinarische Fastfood-Ansatz tut ein Übriges, damit man nicht allzu streng nachmisst. Ich könnte jetzt schwärmen, was für tolle Dinge ich gezaubert habe – aber was wäre der Mehrwert? Nein, dieses Buch möchte ich nicht weiterempfehlen.

Es hat nicht gezündet. Sam Siftons „Nichtrezepte“ sind Rezepte im Gestus des großen Maestro, lässig hingekritzelt und lückenhaft, ja lieblos. Was aber schwerer wiegt, ist der nahezu vollständige Mangel an – oder Verzicht auf – kulinarische Finesse. Kreativität muss die Leserin selbst beisteuern, und das tut sie auch gerne, aber wozu braucht sie dann dieses Buch?

Veröffentlicht im Oktober 2022

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