Kochbuch von Sally Butcher: Snackistan – 140 orientalische Kleinigkeiten

Kochbuch von Sally Butcher: Snackistan – 140 orientalische Kleinigkeiten ★★★★★

Snackistan – 140 orientalische Kleinigkeiten
Sally Butcher, Fotos Yuki Sugiura
Christian Verlag (2014)
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Katharina Höhnk

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Man stelle sich vor: die Welt wird neu kartografiert – nicht nach Staatsgrenzen, sondern nach kulinarischen Gemeinsamkeiten. Was für eine appetitliche Vorstellung. Würde es nach Sally Butcher gehen, wäre ein Land Snackistan, dort, wo Mezze und Straßensnacks entstanden sind: entlang des Nahen Ostens mitsamt Griechenland, rüber zum Sudan und noch weiter.

In Sallys humorvollem Gegenentwurf zur aktuellen Wirklichkeit würde allerorten um die Mundwinkel der Menschen ein zufriedenes Lächeln spielen. Davon möchte man nicht nur lesen, man möchte es glauben. Mit diesen Verve steigt man als Leser ein, um gleich in die Tiefen des historischen Ursprungs mit der Autorin hinabzusteigen, um dann von der Erzählkunst des Orients verführt zu werden und schließlich in der Küche anzukommen – ihren Rezepten. Was für ein Kochbuch.

Seine Stärken liegen bei einer begnadeten Autorin. Sally spielt erzählerisch mit dem Thema, vereint pointiert Leichtigkeit und Tiefe, ruft lautes Lachen hervor und weckt Mehr-wissen-wollen. Ohne Zweifel – sie schöpft wissensmäßig aus dem Vollen und verfügt über einen Horizont, der wahrlich nicht am gebildeten Suppentopf endet. Dabei stapelt sie britisch erstmal ganz tief: sie führe zusammen mit ihrem persischen Mann Jamshid einen kleinen Eckladen namens Persepolis in London. Ja, Bücher hätte sie schon geschrieben. Aha.

Als Leser macht man es sich erstmal gemütlich in ihrem little Corner Shop und es offenbart sich, dass er ein Königreich des Austausches ist an kulinarischen Geheimnissen. Herr Blume – einst Mitarbeiter, nun wieder Kunde, da er dauernd naschte – gibt ein vorzügliches Rezept für Shami-Kabop von der Großmutter einer Nachbarin der Freundin (oder so) preis. Ein anderer Kunde, eine Belutsche, erzählt zu einem Gericht seines Volkes die Urspungs-Legende, von der man nur selten lesen wird.

kochbuch-sally-butcher-snackistan-inside-valentinasEs wird auch der Gatte losgeschickt zu zypriotischen Bekannten mit dem Auftrag, DAS authenthische Rezept zu erfragen, um dann mit Furchen in der Stirn und bekritzelten Notizblättern zurückzukehren; die Zyprioten diskutieren gerne, insbesondere wenn es ums Essen geht. Und auch eine wiedergebene Twitter-Konversation offenbart ein perfektes Rezept – in zwei Tweets. Sally Butcher ist eine Frau, die gerne mit Menschen spricht, offensichtlich noch besser zuhören kann und alles sammelt.

Die Rezepte ihres Snackistan-Landes fügen sich in viele Appetit verursachende Regionen: Nüsse und Knabbereien, Allerlei am Spieß, Fleisch nicht am Spieß, Heiße vegetarische Meze, Salate und kalte Meze, Jede Menge Kohlenhydrate, Halwa und Etwas zum Rünterspülen. Snacks, das lernt man hier schnell, sind zwar schnell gegessen, aber nicht unbedingt schnell zubereitet. Auch ein ordentlicher Gewürzschrank und guter Händler sind zu empfehlen für das Glücklichwerden mit diesem Kochbuch. Aber man kann es auch einfach nur lesen.

Ich habe viele Kapitel hin und her gelesen und nochmal hin. Denn man erfährt Grundsätzliches und Inspirationen. Halim zum Beispiel – ein Fleisch-Porridge – wird in Pakistan mit püriertem Rindfleisch, in Armenien als Paste im Brot, in arabischen Ländern harisseh (gut gekocht) und im Iran als herzhafte Frühstücksmahlzeit gegessen. Das folgende Rezept liest man dann ganz anders. Anregend auch das Hummus-Kapitel – mit Grundrezept (Tipp: aus aromatischen Gründen keinesfalls Kichererbsen aus Glas oder Dose verwenden – oha!) und würzig-pikanter Variante inklusive Tahin, Granatapfel sowie Paprika oder raffiniert mit Estragon samt Oliven oder schließlich mit britischem Flair – Erbsen-Hummus mit Minze.

Aber nicht nur gefällige Rezepte haben es ins Buch geschafft, sondern auch solche wie Gebratenes Hirn mit Safran, Fleischbällchen im Schweinenetz und Iranisches Zungen-Sandwich (eine Straßen-Snack-Institution). Daneben reihen sich Spezialitäten, von denen man so eher nicht gehört hat: Kaninchen-Feigen-Kebab, Afghanischer Süss-saurer-Zwiebeltopf und Libanesisches Pizzabrot. Und das Lieblingsgericht persischer Lastwagenfahrer: Dizzee, das in jedem Fernfahrerimbiss Irans angeboten wird. Die Welt ist so reich.

Meine Erlebnisse waren – kulinarisch immer lehrreich, gut sowieso und manche Snackistan-Heaven. Die Autorin führt den Leser dabei weitsichtig und hilfreich durch die Rezepte, wenn mal sich dann als Koch bei der reichen Auswahl erstmal fokussiert hat, mit praktischen Tipps wie, dass sich z.B. Freekeh (grüner Weizen) durch Gerste ersetzen lässt, die zudem etwa die gleiche Garzeit hat.

Optisch ist es ein sehr gelungenes Buch: lebendige Fotos mit starken Farben und modernem Orientflair. Die Texttypen – Einleitungen, Erzählung und Rezepte – sind unterschiedlich gestaltet, so dass sich der Leser intuitiv geführt fühlt. Die Übersetzung hat den Sound von Sally Butcher wunderbar ins Deutsche gebracht, was bestimmt nicht immer einfach war. Meine Augenbrauen flogen nur einmal entsetzt hoch – als ich entdeckte, dass auf die Bibliographie der Originalausgabe verzichtet worden ist. Warum denn bitte das? OMG. Eine Säule zur Weitergabe von Referenzen – mal eben verschluckt. Ein Verlust! Denn hier würde man u.a. erfahren von weiterführenden historischen Werken wie z.B. The oldest Cuisine in the World von Jean Bottero und Medieval Arab Cookery von Rodinson, Arberry und Perry – und das aus der Hand einer Belesenen.

Snackistan ist ein „Bilderbuch“-Kochbuch. Eine kulinarisch und kulturell versierte Autorin breitet ihr gesammeltes Wissen warm, pointiert, witzig und köstlich aus. Der oberflächliche Mainstream-Erfolg ist nicht ihrer, sie will von dem kulinarischen Reichtum der Welt erzählen will über die Rezepte hinaus. Es wird gelacht, geschmunzelt und geschmaust. Das Publikum braucht Zeit, Neugierde und einen gut sortierten Vorratsschrank – oder hört einfach nur zu.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im September 2014

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