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Valentinas-Kochbuch.de – kochen, essen, glücklich sein | April 23, 2017

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Kochbuch von Rita Henns: Mohn ★ ★

Kochbuch von Rita Henns: Mohn
Rezension

Mohn (Kleine Gourmandisen)
Rita Henns
Mandelbaum Verlag (2016)

ZWEI STERNE: Begeisterung sieht anders aus.

Maria Kufeld Von

Mohn tröstet und lindert Sorgen – so sagt es die griechische Mythologie. Schon die Göttin Demeter wurde laut Sage im Schlaf durch Mohnsamen von ihrem Kummer befreit. Nach einer Blütezeit wurde er verboten, um heute als harmlose Neuzüchtung wieder in den Küchen Einzug zu halten, ob als „Olivenöl des Nordens“, im Mohnschnitzel oder -zopf. Autorin Rita Henns verfasst neben kulinarischen Büchern auch Reiseführer und Essays und beleuchtet die Pflanze deshalb anders, als es ein klassisches Kochbuch täte.

Mohn ist nicht gleich Mohn. Die Botanik kennt heute über 100 Arten des Papavers – so sein lateinischer Name. Woher er ursprünglich kommt oder warum wir ihn heute Mohn nennen, klärt das Buch nicht. Dafür reißt Autorin Rita Henns viele andere Aspekte der Kulturpflanze an.

Als No 006 der zwölfteiligen Reihe „Mandelbaums kleine Gourmandisen“ reiht sich der Mohn ein zwischen A wie Artischocke bis Z wie Zimt. Letzteres übrigens von der gleichen Autorin. Doch bevor es ums „Eingemachte“, sprich die Rezepte geht, besteht die erste Hälfte des Buches aus einem bunten Infopotpourri rund um den Mohn. Bei dem Henns im Wesentlichen zwei Sorten unterscheidet: den knallroten Klatschmohn (diese satten Blumenfelder, die Künstler und Dichter preisen), und die blasse, aber umso effektivere Schwester, den Schlafmohn, der auch Hul Gil – „Blume des Glücks“ – genannt wurde, in Anspielung auf ihren Effekt.

Im nächsten Kapitel, „Mohnmomente“, beschreibt die Autorin ihr persönliches Verhältnis zur Pflanze. Und ich muss gestehen, dieser Part wirkt auf mich etwas befremdlich. Oder finde nur ich Kindheitserinnerung in folgendem Wortlaut seltsam? „Voller Eifer bettete ich die Pflanzenfackeln in meine Armebeuge und pflückte, pflückte, pflückte … pflückte das leuchtende Karmesin aus dem Blond des Weizens.“ In einem Überblickswerk von gerade einmal 60 Seiten, hätte ich diese Infos maximal in einem Vorwort verbaut.

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Mohnsorten und die Bundesopiumstelle

Immerhin folgen dann wikipedia-typisch „Ein paar Daten und Fakten“. Man erfährt, dass der Schlafmohn schon vor 6000 Jahren kultiviert wurde und dass dessen Samen je nach Sorte gelblichweiß, grau, hellbraun oder blauschwarz sind. „Und aus dem Milchsaft der unreifen Samenkapsel wird das Opium gewonnen…, um das Großbritannien und das Kaiserreich China im 19. Jahrhundert gleich zwei erbitterte Kriege führten (1839-42 und 1856-60).“ Illegal produziert Afghanistan noch heute Opium und gilt als wichtigstes Anbauland. Der reine Speisemohn kommt dagegen zum Großteil aus der Türkei und Tschechien. In Deutschland benötigt man eine Genehmigung der Bundesopiumstelle, weshalb lieber unsere Nachbarn in der Schweiz und Österreich Mohn anbauen.

In „Der Mohn – Freund der Künste und Künstler“ zitiert Henns ein paar Dichter, verweist auf die berühmten Mohn-Bilder von Claude Monet, Gustav Klimt oder Emil Nolde. Und beschreibt seine Rolle im Christentum und der griechischen Mythologie. „Tatsächlich steht der Papaver in vielen Kulturen bis heute nicht nur für die Liebe, den Schlaf und das Ende des Lebens, sondern auch für Glück, Reichtum und Fruchtbarkeit.“

Und schließlich fasst „Mohn kann man auch essen – Von der Heilwirkung zur Sättigung“ seine Anwendungsmöglichkeiten zusammen. Von der beruhigenden Wirkung, die historisch Grund für Mohnschnuller bei Säuglingen war, bis zu stark narkotischen Opiaten, die die Medizin bei Operationen einsetzt. Interessant auch, dass die Mohn-Blütenblätter bei Atem- und Verdauungsproblemen als Aufguss helfen und in Europa bald in der Küche Einzug hielten, ob als Teigtaschenfüllung auf Zypern oder als Suppe in Italien. Und um das Mohnreferat vollständig zu machen, noch die Nährstoffangaben: Mit 500 kcal pro 100 Gramm sind Mohnsamen durchaus gehaltvoll, aber auch reich an Kalzium, Magnesium, Eisen, Zink, Kupfer, Mangan und Vitamin B1.

Paleokuchen, römische Globulin und Klatschmohnlikör

Ähnlich wild und deshalb wohl nur konsequent findet sich in der zweiten Hälfte auf 29 Seiten der Rezeptteil, den die Autorin zunächst übersichtlich in „Vorspeisen & Kleinigkeiten“, „Hauptgerichte“ und „Süßes“ unterteilt. Dann springt sie aber wieder beherzt durch Länderküchen und Ernährungsweisen. Hier ein Paleokuchen, dort Yakitorispieße. Da noch ein Lamm Korma, Mohn-Smoothie und zum Abschluss römische Globuli und Klatschmohnlikör. Der hätte beim Kochen vielleicht geholfen, mehr Begeisterung zu entwickeln.

Durch den fast literarischen Aufbau des Buches gibt es keine Bilder, so dass ich sicherheitshalber online nach formvollendeten Makielki (polnische Nachspeise) und Mohnzelten gesucht habe. Bei Zutaten wie 200 Klatschmohnblütenblättern musste ich auch mit Internet passen, genauso wie beim Abseihen durch mehrere Lagen Käsetuch.

Die Gerichte, die es wurden, blieben in der Zubereitungszeit (die nicht angegeben ist) überschaubar. Wie viele Portionen das Rezept ergibt, steht jeweils zu Beginn. Aber dann so was: Beim genauen Lesen von Aloo Poshto – einem nicht näher erläuterten indischen Gericht, das mit ganzen vier Kartoffeln plus Gewürzen netterweise als Beilage ausgewiesen wird – steht erst im dritten Absatz der Hinweis: „Das heiße Aloo Poshto kann ohne Beilage gegessen werden (dann die Menge entsprechend erhöhen) oder auch zusammen mit Reis und Dal.“ Hier lässt Frau Henns mich ziemlich allein. Auch bei einem Risotto, das sie im Ofen unter Alufolie gart. Warum nicht klassisch im Topf?

So fokussiert wie charmant das Büchlein zum Mohn sein könnte, so wenig hat es Hand und Fuß. Im ersten Teil wird wild durch Historie, Bedeutung und Verwendung der Pflanze gesprungen. Das Ganze wirkt wie ein aufgeblasener Wikipediaeintrag, den ich im Zweifel übersichtlicher gefunden hätte. Auch der Rezeptteil, der bei so einer besonderen Zutat breit aufgestellt sein darf, überzeugt am Ende nicht. Zwar gibt es interessante Variationen wie roher Thunfisch in Mohn-Salz-Mantel oder Honig-Mohn-Senf. Dann aber auch wieder (zu) schräge Kombinationen wie salzige Mohnkekse mit Rote-Bete-Gelee, die ich mir ohne ein einziges ansprechendes Bild gleich gar nicht (lecker) vorstellen kann.

Merken

Nachgekochte Rezepte:

Kürbis-Mohn-Suppe
Pürierter Kürbis ist in seiner geschmeidigen Konsistenz wirklich ein dankbares Suppenfruchtgemüse (kein Scherz – der Kürbis ist botanisch betrachtet beides). Mandeln und Granatapfel geben dem Ganzen Biss.

Pasta mit roten Linsen
Eigentlich eine ganz spannende Kombi mit Linsen, Kokosmilch, Pasta und Mohn. Allerdings war die kleine Menge Kokosmilch viel zu schnell verkocht. Ich würde sie fast verdoppeln.

Lachs mit Mohn
Lachfilet mit Mohn und Sesam bestreichen, kleine Päckchen geschnürt und ab in den Ofen. Eine schöne Alternative zum Kräuterbutter-Fisch-Belag. Aber auch keine kulinarische Offenbarung.

Frischkäse-Mohn-Tarte
Von der Ricotta-Quark-Mischung auf Mohnspiegel hatte ich mir einiges erhofft. Aber sie war unspannender, als sie klang. Scheußlich trocken wurde der Boden, der im Vorspann noch als „knackig“ angepriesen wurde. Leider nein.

Apfel-Mohn-Kuchen
Auch Mohnkuchen Nummer zwei blieb hinter meinen Erwartungen. Dieser noch mehr. Die Paleo-Version mit Kokosmehl und -öl brauchte doppelt so lange im Ofen als angekündigt, blieb recht blass und schmeckte viel zu unsüß. Auch die Angabe „kleine Backform“ ist mir zu unkonkret. Ich habe es mit 18 Zentimeter Durchmesser versucht.

Geschrieben im Januar 2017