Kochbuch von Oskar Marti: Winter in der Küche

Kochbuch von Oskar Marti: Winter in der Küche ★★★★☆

Winter in der Küche
Oskar Marti, Illustration Flavia Travaglini, AT-Verlag (2011)
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Dietmar Adam

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

„Es ist Winter, die Natur schläft. Die Menschen richten sich häuslich ein, nur wer muss, geht vor die Tür. Der Ofen spendet wohlige Wärme, man liest, spielt und bleibt länger bei Tisch.“ Derart kontemplativ beginnt das Buch des Chrüteroski, wie Oskar Marti in der Schweiz liebevoll genannt wird. Mit seiner Begeisterung für Wildkräuter gilt er als einer der Wegbereiter der naturnahen Küche.

Schon nach einigem Blättern wird klar, dass es sich um ein echtes Wohlfühlbuch handelt. Gediegen, bodenständig, solide – solche Adjektive fallen mir spontan ein. Typisch schweizerisch geht mir unwillkürlich durch den Kopf, auch wenn ich derartiges Schablonendenken eigentlich nicht mag. Altbacken werden andere vielleicht sagen und die Nase rümpfen, nicht nur weil stylische Fotos fehlen. Stattdessen fügen sich die stimmungsvollen farbigen Zeichnungen der Grafikerin Flavia Travaglini harmonisch in den Text ein, verschwimmen geradezu mit ihm. Mir hat diese Symbiose gut gefallen. Dafür hätte ich auf Horoskop und Bauernregeln verzichten können.

Aber in der Hauptsache geht es ja um Rezepte und die können sich sehen lassen. Das Buch ist unterteilt in die Monate Dezember, Januar und Februar. Da finden sich dann Menuvorschläge für Feiertage wie Weihnachten, Sylvester und Fastnacht, aber auch für solche, die langsam in Vergessenheit geraten, etwa Barbaratag oder Mariä Empfängnis. Im Vordergrund stehen jedoch Themenbereiche wie Einmachen für die Festtage, natürlich die Adventsbäckerei, Sauerkraut, Suppen, Geschenkideen. An traditionelle Gerichte wird erinnert (z.B. Dreikönigskuchen, Sauerkrautsalat, Kuttelsuppe), mitunter werden sie auch neu interpretiert wie bei „Gebackene Dörrbirnenravioli mit Joghurt-Zimt-Sauce“ oder „Ochsenschwanz-Rillettes mit Tomatenchutneysauce“. Oder es geht einmal ganz gewagt zu, wenn Gemüse als Nachtisch serviert wird. Wie wäre es mal mit Fencheleis oder aufwendiger mit einer „Mokka-Schwarzwurzel-Bavaroise“? Besonders angetan war ich vom Gelee aus Zitrusfrüchten, das dem Quittenbrot nachempfunden ist.

Überhaupt bin ich immer wieder auf Gerichte gestoßen, die nicht nur den Bauch erwärmen, sondern auch die Seele, was ja in der kalten Jahreszeit nicht zu verachten ist. Ich denke hier weniger an Punsch, Liköre und Kräuterschnäpse (für die es in dem Buch etliche vielversprechende Rezepte gibt), sondern eher an eine Apfel-Ingwer-Suppe, Grießpudding mit Rosenwasser, eine Dörrbirnenmousse oder einen Honigkuchen mit Datteln und Nüssen.

Wie schon aus den wenigen genannten Beispielen zu erkennen ist, reihen sich einfache Rezepte an solche, die mit einiger Arbeit verbunden sind, dann aber auch etwas hermachen. Für halbwegs erfahrene Hobbyköche dürften die allermeisten Rezepte leicht zu bewältigen sein. Auch bei den Zutaten wird es keine größeren Probleme geben. Ob allerdings bei den eingelegten Trüffeln der Geldbeutel mitspielt, wage ich zu bezweifeln, wird hier doch nicht weniger als ein Kilo benötigt. Ansonsten mögen vielleicht einige Schweizer Ausdrücke wie Randen und Schenkeli irritieren, das Maß dl (das sind 100 ml) oder der Grittibänz, ein lustiges Hefegebäck in Männchenform. Eigenartig auch die Redewendung „an der Kühle“, gemeint ist der Kühlschrank. Aber damit konnte ich mich leicht abfinden. Nicht so schön finde ich jedoch die Verweise auf Rezepte aus den anderen Bänden der Jahreszeitenküche des Autors. Um alle Ideen nutzen zu können, müsste der Leser also sämtliche vier Bücher kaufen.

Fazit: ein wirklich schönes, gediegenes Buch. Mit anregenden Rezepten, stimmungsvollen Texten und wunderschönen Zeichnungen. Wer etwas für saisonales und naturnahes Kochen übrig hat, kommt voll auf seine Kosten. Auch wenn ich das werbewirksam auf den Umschlag gedruckte „Poet am Herd“ etwas übertrieben finde, hat mich das Buch gut auf die kalte Jahreszeit eingestimmt. In Gedanken sah ich mich schon in einer wohlig eingeheizten Berghütte, draußen lag meterhoch der Schnee und es hätte mich nicht gewundert, wenn es an der Tür geklopft hätte und das Heidi oder der Alpöhi hereingestapft wären.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Januar 2012

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