Kochbuch von Nigel Slater: Tender | Obst

Kochbuch von Nigel Slater: Tender | Obst ★★★★★

Tender | Obst: Vom Apfel bis zur Weintraube
Nigel Slater, Fotos J. Lovekin, Dumont Verlag (2013)
Mehr über den Kochbuch-Verlag

Christiane Schwert

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Auch in seinem zweiten Tender-Band lenkt Nigel Slater unseren Blick über den Tellerrand hinaus, dorthin wo das wächst, was später Pie, Marmelade oder Kuchen wird. Aus seinen Zeilen spricht soviel Leidenschaft, dass ich sofort den eigenen Garten um etwas Spalierobst und den ein oder anderen Beerenstrauch erweitern wollte. Ein tolles Buch!

Urban Gardening ist in aller Munde und Gärtnern aus der Öko-Ecke in die Mitte der städtischen Gesellschaft gerutscht. CSA (Community Supported Agriculture)-Gemeinschaften gründen sich im Sauseschritt, Gespräche über Permakultur gehören zum gegenwärtigen Smalltalk. Und ich würde behaupten, dass zumindest teilweise ein gewisses Umdenken stattfindet. Verbunden mit dem Wunsch zu wissen, woher das kommt was man isst und es im Idealfall sogar selbst anzubauen.

In diese Zeit passt der zweite Tender-Band, das sich nach dem Gemüse nun dem Obst zuwendet, perfekt. Doch hat es überhaupt nichts angepasst Zeitgeistiges! Slater meint es ernst, und er hat bereits viele Jahre bevor das Feuilleton einen Trend ausgemacht hat, seinen Garten angelegt.

Wie der Untertitel bereits sagt, reicht die Auswahl vom Apfel bis zur Weintraube, über die verschiedenen Beeren zur Haselnuss, Marone und Walnuss. Die Listung der Feigen hat mich etwas überrascht, aber ansonsten unterscheidet sich England klimatisch glücklicherweise ja nicht allzu stark von unseren Gefilden, so dass die Obstsorten, die Slater in sein Kompendium aufgenommen hat, in der Regel auch im heimatlichen Garten gedeihen könnten. Wobei ich es schon schade finde, dass es sich bei den teils seitenweisen Empfehlungen, beinahe ausschließlich um englische Sorten zu handeln scheint (zumindest den Namen nach).

slater-erdbeereDas Buch startet mit einer längeren Einleitung, die mich sofort für Slater eingenommen hat. Hier beschreibt er sein gärtnerisches Selbstverständnis, seinen Werdegang als Hobbygärtner und die Entwicklung seines Gartens. Sobald man nur die Einleitung gelesen hat, ist man schon mitgerissen. Der Leser wird nicht nur als potenzieller Nachkoch angesprochen, sondern definitiv auch als nachahmender Gärtner. Slater begibt sich dabei immer wieder auf Augenhöhe, was ich als äußerst inspirierend empfunden habe. Wohl auch, weil ich noch nie jemanden so mitreißend über den eigenen Garten habe reden hören. Die schönen stimmungsvollen Fotografien aus Slaters Garten illustrieren seine Worte.

Da im zweiten Band von Tender das Obst im Mittelpunkt steht, finden sich hier, wie erwartet, hauptsächlich Back- und Dessertrezepte. Natürlich auch das ein oder andere pikante Rezept, aber Slater sagt selbst, er habe sich von ungewöhnlichen Zusammenstellungen eher ferngehalten. Das passt mir gut, auch ich bin diesbezüglich nicht allzu experimentierfreudig. Makrele mit Rhabarber und Sherry-Essig hat es also nicht auf meine Nachkochliste geschafft. Das Aprikosen-Pilaw hört sich jedoch derart köstlich an, dass die Zutaten im Kühlschrank schon auf die Umsetzung warten.

Die einzelnen Obstkapitel werden mit einigen allgemeinen Überlegungen, etwa über die Aprikose, eingeleitet. Dann folgt ein Absatz über beispielweise den Birnbaum im Garten und die verschiedenen Sorten und ihre Eigenschaften. Schließlich folgt ein Absatz über das jeweilige Obst in der Küche und eine ausführliche Liste über mögliche Kombinationsmöglichkeiten (wie z.B. Kirschen und Ziegenkäse), außerdem noch einige Tipps oder Infos. Super! Ich finde es ein rundum durchdachtes Buchkonzept, mit echten Informationen und ganz ohne dröge zu sein!

Es ist die persönliche, unverstellte Herangehensweise, die mich auch bei den Rezepten überzeugt hat. Hier hat einer den direkten Zugang zu dem was schmeckt und zueinander passt. Er beschreibt eine Himbeertarte, die aus (gekauftem) Blätterteig, Schlagsahne und frischen Himbeeren besteht. Simpel? Ja! Aber total köstlich und darauf kommt es doch an. Slater scheut sich auch nicht mal auf Fertigprodukte zurückzugreifen. Und er hat genügend Selbstbewusstsein auch für simpelste Zubereitungen. Er vertraut eben auf die Qualität des Ausgangsprodukts. Ein Küchengarten scheint mir, aber vielleicht bin ich auch schon total „tenderisiert“, der logische Wunsch eines jeden passionierten Kochs zu sein. Denn die Qualität des Produkts bestimmt nun mal die des Ergebnisses. Bei Slater wird das Gärtnern, ebenso wie das Kochen und Essen zum sinnlichen Erlebnis. Und was das Schönste ist: Man schmeckt die Begeisterung, sie ist irgendwie ansteckend!

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juni 2013

Meistgelesen

Themen A-Z