Kochbuch von Nigel Slater: Ein Jahr lang gut essen

Kochbuch von Nigel Slater: Ein Jahr lang gut essen ★★★★★

Ein Jahr lang gut essen
Nigel Slater
Fotos Jonathan Lovekin
DuMont Verlag (2016)
Mehr über den Verlag

Ulrike Thyll

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Nigel Slater schreibt seit Jahrzehnten Kochbücher und ist wohl aktuell der erfolgreichste Brite auf dem Gebiet. Zu Zeiten des BREXIT tut es richtig gut, an die positiven Seiten der Briten erinnert zu werden, diese ‚Britishness‘, ein faszinierender Mix aus heimischer Tradition und über die Jahrhunderte entwickelter, gelassener Weltoffenheit. Slaters Küche ist britisch, konservativ im besten Sinne, saisonal und lokal. Er isst keine Eier pur, aber ansonsten fehlen ihm jegliche Scheuklappen, was ihn auch und vor allem vor Modetrends bewahrt. Seine entspannte Grundhaltung dem Kochen gegenüber beschert uns Rezepte, die alltagstauglicher nicht sein könnten.

Ein inspirierendes Rezeptangebot rund ums Jahr

Slater bewegt sich in seinem neuesten Buch durch das gesamte Jahr, ähnlich wie vorher in seinen Küchentagebüchern. Wer diese Bücher geschätzt hat, wird auch dieses lieben. Mit 560 Seiten ist es wieder ein richtiger Wälzer. Das ist beim Kochen nicht so richtig praktisch, weil man die Seiten nur mit schweren Gegenständen offen halten kann. Dafür bieten die 250 Rezepte DEN Fundus zur Verarbeitung sämtlicher saisonaler Grundprodukte.

Slaters Markenzeichen sind seine unterhaltsamen Erzähltexte über seine Kocherlebnisse an vielen Tagen im abgelaufenen Jahr, die in Rezepten mit fettgedruckten Zutaten münden. Ihm ist der Kontext mindestens so wichtig wie der Kochvorgang selbst. Das hat Vor- und Nachteile für den Leser.

Slater (Foto links) quasselt nicht, seine Texte sind ökonomisch gestaltet und die Kochvorgänge klar beschrieben. Die Rezepte finden sich fast immer auf einer Seite und sind auf der gegenüberliegenden Seite ansprechend bebildert. Aber die Personenzahl steht erst am Ende des Textes und variiert von 2-8, was man nicht immer auf den ersten Blick erkennt. Und wer an handelsübliche Auflistungen von Kochzutaten gewöhnt ist, mag das Layout als nicht so funktional empfinden.

Dafür vermittelt Slater Stimmungen und Haltungen zum Kochen und Essen, zur Jahreszeit, zu den Zutaten. ‚Essen für eine stürmische Nacht‘, ‚ein Gemüt(lichkeit)s-Essen‘, ‚ein knallrosa Chutney für einen grauen Tag‘. Damit trifft er bei mir einen Nerv und möglicherweise bei all den Lesern, für die das Kochen kein reich technisches Verfahren zur Sättigung der häuslichen Raubtiere ist.

Man schlägt das Buch auf und wird beim Lesen zum Kochen inspiriert, eine Tätigkeit die zufrieden macht, weil sie im Einklang mit der jahreszeitlichen Stimmung und den saisonalen Produkten steht. So kann Kochen vielleicht sogar therapeutische Wirkung entfalten, zumindest scheint das bei Nigel Slater selbst so zu sein.

Britische Traditionsküche aufgepeppt

Eine Bereicherung für uns Mitteleuropäer kann dabei sein, wie selbstverständlich Slater orientalische Zutaten seiner Küche einverleibt. Wie diese Einflüsse ihre Inselküche aufgepeppt haben, dass also das von außen Kommende wirklich bereichernd sein kann, scheinen die Briten aktuell mehrheitlich vergessen zu haben.

Britisch kochen heißt aber auch, dass Slater mit urbritischen Produkten wie Stilton und Makrelen arbeitet, geräucherten Fisch gerne mal in Milch kocht und Pies liebt. Im aktuellen Buch macht Slater Urlaub in Japan, und da bedeutet lokal natürlich, japanische Zutaten zu verarbeiten.

Kochzutaten sind bei Slater herrlich gleichberechtigt: Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse sind alle Hauptdarsteller oder Nebenakteure, je nach Gelegenheit. Er gibt jedem guten Nahrungsmittel seinen ihm gemäßen Ort.

Aber bitte mit Sahne …

Aber Achtung: wir haben es hier nicht mit einer Schlankheitsküche zu tun. Slater verarbeitet Mengen von Crème Double, was mich veranlasste, mit Mixturen aus Sahne und Crème fraîche zu experimentieren, um die Kalorienbomben etwas zu entschärfen. Genau das ist bei Slater kein Problem, da die Rezepte nicht akribisch aufs Gramm hin konzipiert sind und er selbst häufig alternative Zutaten vorschlägt. Das trägt enorm zur Entspannung beim Kochen bei.

Er kombiniert Geschmacksrichtungen, also geräucherten Fisch mit frischem Sellerie oder Mürbeteig mit Thymian-Petersilie-Blauschimmelkäse als Decke für ein Rinderragout, was dazu einlädt, sich diese Kombinationen vorzustellen und deren Gesamtwirkung anzustreben, was mit verschiedenen Grundprodukten möglich ist. So kann der Marktspaziergang oder der Gang durch den Garten genutzt werden, um nach Slaters Anregungen Gerichte zu kreieren.

Alltagsküche par excellence: Das Kochen nach diesem Buch fand in meiner Küche quasi beiläufig statt. Man schaut unter der gerade aktuellen Saison nach oder hinten im Rezeptverzeichnis unter den Zutaten, die gerade in Haus sind oder der Garten hergibt, und wird fündig. Die Rezepte machen neugierig auf das Geschmackserlebnis, denn ich hatte zuvor noch nie Dill mit Nudeln kombiniert oder Blutwurst zwischen Kartoffelscheiben gesteckt und überbacken. Beides schmeckte überraschend gut. Alle Rezepturen, die ich probiert habe, waren mit wenigen Handgriffen umzusetzen und – bis auf gelegentliche Backofenzeiten – auch nicht zeitintensiv, also für Werktage ideal. Wer neue Anregungen für die entspannte Alltagsküche sucht und gerne mal das eine oder andere Unterhaltsame über die Zutaten liest, ist mit Nigel Slaters neuestem Buch bestens bedient. Ein Brite, der (nicht nur) unsere Küche bereichert!

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Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im März 2017

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