Kochbuch von Nigel Slater: Das Wintertagebuch

Kochbuch von Nigel Slater: Das Wintertagebuch ★★★★☆

Das Wintertagebuch – Rezepte, Notizen und Geschichten für die kalte Jahreszeit
Nigel Slater
Fotos: Jonathan Lovekin
DuMont Buchverlag (2018)
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Katja Böttger

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Der Winter kann ganz schön fies sein. Besonders hier im unentschlossenen Nordwesten, wo die dunklen Tage mit nasskaltem Nieselregen auch dem größten Optimisten ganz schön zusetzen können. Ein bewährtes Hausmittel gegen den Winterblues ist es, den Feind in seinem eigenen Revier zu stellen und die Jahreszeit richtig auszukosten. Hierzu gehört natürlich auch eine saisonale Winterküche. Da kommt Nigel Slaters „Wintertagebuch“ wie gerufen.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand Nigel Slater (Foto unten) noch nicht kennt: Er ist einer der ganz Großen der britischen Kochbuch-Gilde, ein kluger und der wohl literarisch ambitionierteste Autor. Wo seine Kollegen jede populäre Welle mitnehmen, wirken seine Bücher wohltuend entschleunigend. Bei Valentinas ist er bereits zum achten Mal zu Gast, seine Sterne funkeln wie eine kleine Milchstraße. Auch mich muss er nicht mehr für sich gewinnen; seit seinem Küchentagebuch schätze ich ihn sehr und freue mich, dass ich nun das Wintertagebuch rezensieren darf.

Und ja, es ist wieder ein Tagebuch: ein besinnlicher Spaziergang, chronologisch geordnet von November bis Februar, die Rezepte eingebettet in Beobachtungen der Natur, Wissenswertes über Feste und Brauchtum und persönliche Erinnerungen. Das Innenleben wirkt hell und klar, mit viel Text und handverlesenen Fotos. Das textile Cover mit kupferfarbenen Baumsilhouetten auf grauem Grund gibt dazu einen edlen wie schlichten Rahmen.

Atmosphäre … und der Praxistest

Die Tagebuchform bringt es mit sich, dass es keinen klassischen Rezeptteil gibt, stattdessen sind die Rezepte direkt in die Fließtexte eingeflochten. Dies hat Licht– und Schattenseiten: Einerseits entsteht durch die Verschmelzung eine dichte Atmosphäre um die Rezepte herum, die fast etwas Zwingendes hat; die intensive Sogwirkung wirkt auch noch beim Essen nach. Andererseits erschwert dieser Aufbau meinen intuitiven Zugang – unbedarftes Herumstöbern und „Beschnuppern“ ist kaum möglich, ich muss mich gleich richtig einlesen und einlassen. Das fällt mir nicht ganz leicht; vielleicht bin ich zu ungeduldig.

Und weil sich die Rezepte dann über mehrere Seiten erstrecken, muss ich auch beim Kochen viel mehr blättern als bei bewährter Anordnung von Rezept und Foto auf einer Doppelseite. Und wenn ich schon bei der Gebrauchstauglichkeit bin: Ohne Hilfsmittel will das Buch partout nicht offen liegen bleiben, da helfen auch die hochgeschätzten Lesebänder nicht.

Und sonst so?

Geschmeckt hat es köstlich! Durchweg und ohne Einschränkungen! Es gibt natürlich viel Herzhaftes und Nahrhaftes, und einmal mehr stellt Nigel Slater seinen untrüglichen Sinn für bodenständige Eleganz unter Beweis. Sein schlafwandlerisch sicherer Umgang mit Aromen und Texturen, seine unaufgeregte Art, den Blick auf das Wesentliche zu lenken, sodass ich nicht nur stumpf nachkoche, sondern wirklich begreife – so macht mir Kochen am meisten Spaß.

Zum Weiterlesen

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Mehr von Nigel Slater bei Valentinas

Was allerdings das „Literarische“ angeht, da sind wir nicht immer auf gleicher Wellenlänge. Ich habe gelernt, dass Misteln nur magische Kräfte haben, wenn sie auf einer Eiche gewachsen sind, und ich habe traditionelles britisches Märchenspiel kennengelernt. Slaters Gedankenwelten sind mir jedoch manchmal allzu „innerlich“. Dies entspricht sicherlich seinem Naturell und macht womöglich auch einen beachtlichen Teil seiner Qualität als Autor aus. Mich erreicht er damit jedoch nicht immer; an manchen Stellen musste ich sogar schmunzeln, wenn ich mir den gedankenverloren entrückten Mann vorstellte, der die Festigkeit der Gnudi durch „zärtliches Tätscheln“ ermittelt. (Und ist es wirklich nötig, bei den düsteren Seiten des Winters das Geräusch brechender mürber Knochen zu beschreiben, wenn eine alte Nachbarin auf dem Eis ausrutscht?)

Ein „echter Slater“ eben …

Dies ist aber eine sehr persönliche Einschätzung – genau diese (meist) sensible Seite des Nigel Slater übt ja auf viele Menschen eine große Faszination aus und tut daher der Attraktivität des Buches keinerlei Abbruch. Das Wintertagebuch ist eben in jeder Beziehung ein „echter Slater“ – im allerbesten Sinne.

„Das Wintertagebuch“ oder „Die routinierte Verzauberungskunst des Nigel Slater“: ein wertiges, atmosphärisch dichtes Buch. Um die kulinarischen Schätze freizulegen, muss man manchmal ein paar Schichten abtragen, aber es lohnt sich. Wer sich auch noch für Nigel Slaters persönlichen Stil entflammen lässt, der ist sowieso mehr als glücklich.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Dezember 2018

2 Kommentare

  1. Johannes

    Habe das Buch in der Vorweihnachtszeit gelesen. Es ist schon mehr Literatur als Sachbuch. Praktisch ist das Buch nicht aber die Rezepte sind sehr geschmackvoll. Habe die Pastinakenterrine mit der Steinpilzmarsalasoße gekocht. Mit wie wenig Zutaten man so etwas leckeres kochen kann.

  2. Britta

    Ich habe mir das Buch zu Weihnachten schenken lassen. Und seit dem kann ich es nicht mehr aus der Hand legen. Ich finde es ganz und gar wundervoll! Kommt gut ins neue Jahr. Britta

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