Kochbuch von Nicole Stich: Sweets

Kochbuch von Nicole Stich: Sweets ★★★★★

Sweets
Himmlische Verführungen für den ganzen Tag
Nicole Stich, GU Verlag (2013)
Mehr über den Kochbuch-Verlag

Katharina Höhnk

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Kultiviert Ihr auch private Rätsel-Spiele? Eines von mir lautet: „Wie heißt das nächste Kochbuch von …“? Bei Food-Bloggern ist das Rätsel leichter, denn hier bekommt man kleine Appetizer zwischendurch und daraus lassen sich Rückschlüsse ziehen.

Nicole Stich, unsere Foodblog-Pionierin, setzte Zeichen und ich lag – völlig daneben und musste mit schlechtem Gewissen an meine Großmutter denken. Sie war eine Meisterin des ZEIT-Rätsels „Um die Ecke gedacht“ und hat sich immer bemüht, mich darin einzuweihen. Was hatte sich mein Kochbuch-Näschen nur gedacht?

Ich hatte spekuliert, dass Nicole Stich sich in das Thema Einmachen & Vorräte eingräbt und für uns Köstlichkeiten ausgräbt. Sie war aber ihrer Neigung als Naschkatze gefolgt. Das Buch erstmal in der Hand schloss ich mich mit wehenden Fahnen an. Denn für mich hat das Dessert auf einer Menü-Karte die Bedeutung einer Hauptspeise und ich bedaure immer wieder Küchen-Chefs, die diesen Stellenwert völlig unterschätzen. Sie verkennen die süße Leidenschaft des weiblichen Geschlechts. Meine Freundinnen und ich bestellen gerne eine zweite Runde.

Stichwort Desserts. Nicht dass Missverständnisse entstehen, Sweets ist nicht NUR ein Dessert-Buch. Nicole verwebt für uns das Thema entlang der täglichen süßen Bedürfnisse von Frühstück über Mittagessen, Teatime bis Betthupferl mit einem akzentuierten saisonalen Akkord, der dem Gartenfest gewidmet ist. Eis, Limonaden und Beeren frohlocken hier.

cookies-315Das Kochbuch ist auf dem ersten Blick eine recht einmalige Melange an Rezepten in Hinblick auf heimatliche Referenzen (flaumiger Grießbrei mit Rhabarberkompott und Früchtemichel), den aktuellen Zeitgeist (Eis am Stil & Sahnejoghurt hausgemacht) und Lieblinge der westlichen Welt (Limetten-Ingwer-Posset & Eton Mess). Und auch in der Breite denkt Nicole an jede – an die Novizin, wie groß sie auch sein mag (Pfannkuchen mit Konfitüre), und die Abenteuerin (siehe unten). Ich habe das Kochbuch in diesem Jahr sorglos einer zweijährigen zur Taufe (sie hatte sich in die Schokoladen-Tarte verliebt) wie auch meinen Freundinnen geschenkt, die an ganz unterschiedlichen Punkten ihrer Koch-Biografien stehen. (Linkes Foto: Die Cayucos-Cookies in meinem Backofen.)

Die Rezepte sind Solitäre. Es gibt viele Kochbücher, deren Gerichte als Varianten um eine Handvoll Kernrezepte tänzeln. Hier ist das nicht so. Jedes ist ein eigener Tanz mit einer kleinen oder größeren neu komponierten Choreografie – und für die muss man die Bereitschaft für eine neue aromatische Schrittkombination mitbringen wie z. B. für die Cola-Peannutbutter-Cupcakes oder die Orangen-Madleines mit einem Hauch Lady Grey. Sweets braucht in meinen Augen Köchinnen, die nach Besonderem suchen und sich auf Neues einlassen wollen, ohne in die Sterneküche katapultiert zu werden. Dazwischen kommt man an der Hand von Nicole zur Ruhe und vergewissert sich seiner kulinarischen Wurzeln mit Lieblings-Klassikern unserer Großmütter. Sehr großartig finde ich dabei die regionalen Bezüge, auch wenn man da terminieren muss: z.B. Holler-Panna-Cotta mit frischen Dolden Holunderbeeren. Steht bei mir fix im Kalender.

Nicole Stichs Stil, wie sie die Leser durch ein Rezept begleitet, taugt zum Vorbild. Es ist eine tolle Mischung zwischen Genauigkeit mit persönlicher Handschrift und das ist ihr gelungen, obwohl in ihrer Hand nicht nur Text, sondern auch Fotos + Styling lagen. Auch der Verlag hat sein Soll erbracht: Das Layout ist von großer Klarheit trotz sparsamen Platzes. Das Auge weiß intuitiv, wo was steht. Nur bei der Typografie hätte ich zu einer lässigeren gegriffen. Die Fotos haben eine so schmückende Bilddichte, dass eine schlichtere Typo das unterstrichen hätte.

Zurück zum Kochen: über kleine handwerklichen Lernerlebnisse kann ich mich wie eine Elster freuen. Sie markieren die kleinen qualitativen Wendepunkte des eigenen Könnens. Aus diesem Kochbuch nehme ich einen mit, der mich entzückte, so detailverrückt er auch ist.  Also – Schokolade und Hitze mögen sich ja ab einem bestimmten Punkt gar nicht und so manche Qualität geht flöten. Daher wird meist das Wasserbad zum Schmelzen empfohlen, das man aber dringend im Auge behalten muss, denn auch hier geht es heiß her. Es geht einfacher, wie ich gleich bei zwei Rezepten von Nicole lernte und zwar so: „Schokolade fein hacken. Sahne (…) zum Kochen bringen, über die Schokolade gießen, 5 Min. stehen lassen, dann erst glatt rühren.“ Ich stand jedes Mal da und war mir sicher, dass die Schokolade noch nicht geschmolzen ist. Aber Irrtum. Es klappt perfekt!

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juni 2013

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