Kochbuch von Myriam Zumbühl: Myriams Kuchen, Tartes & Co.

Kochbuch von Myriam Zumbühl: Myriams Kuchen, Tartes & Co. ★★★★☆

Myriams Kuchen, Tartes & Co.

Süss und salzig backen

Rezepte für das ganze Jahr
Myriam Zumbühl, Tara Fisher
AT Verlag (2013)
Mehr über den Verlag

Katharina Höhnk

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Was hatte ich mich gefreut. Endlich. Ein Backbuch, das auf Rosa verzichtet und trotzdem in Köstlichkeiten schwelgt. Die Mädchen-Farbe hat sich ja zum Backbuch-Farbsignal entwickelt. Aber ob rosa eingepudert oder nicht – lassen wir die Rezepte sprechen.

Autorin Myriam Zumbühl ist Journalistin mit TV-Sendung im Schweizer Fernsehen. Das Nachbarland steht für sympathische Bodenständigkeit und erstaunlicherweise findet sich kulinarisch genau das in dem Backbuch wieder – in Punkto Rezept-Auswahl und Umsetzung. Schon die Backwerke sind vertrautes Terrain: Hefekranz mit Zitronenglasur, Malakoff-Torte und Schokoladen-Frangipane mit Birnen. Sie reihen sich ganz im Sinne des Zeitgeists saisonal aneinander. Mein erster Eindruck täuschte nicht, sondern hat sich nach Stunden Schmökerei ein Ausrufezeichen verdient: Die Zusammenstellung ist großartig. Und das ist aus meiner Sicht eine Kunst. Süß und herzhaft, schlicht und raffiniert, klassisch und trendy, flach und geschichtet. Aber eines sind die Rezepte nie – verwegen und aufwendig.

Die Kunst des Einfachen

Verwegene wie aufwendige Backwerke schaue ich mir begeistert an. Die dazugehörenden Backbücher sind für mich aber mehr Romane. Viel zu selten entfalten sie bei mir ihren erzählerischen Spannungsbogen in Butter, Eier und Zucker. Die Erklärung ist einfach: Das Kuchenrezept am Wochenende ist eines unter vielen. Als Köchin der Familie habe ich nicht nur Augen und Zeit für das Süße, so gerne ich das hätte. Nein, gleich mehrere Mahlzeiten wollen zubereitet werden. Deswegen liebe ich Rezepte, die sich mit einem schlichten Charakter Applaus zu verdienen wissen. Bei ihnen kommt es auf die Details an. Und die passten hier. Manchmal ging mir zwar die Einfachheit und Modernisierung zu weit. Zum Beispiel bei dem Rezept für Paris Brest mit einer Creme aus Vanillepulver und Espresso oder die fast inflationär häufige Verwendung von Zimt und Kardamom zwecks „Auffrischung“. Aber meistens passt es wie z. B. bei den Dampfnudeln, die auf Aprikosen mit Ingwer gebacken und dann von einer Kardamom-Vanille-Sauce begleitet werden.

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Bei Myriam Zumbühl sind die Teige interessant. Ein Beispiel: In den Mürbeteig ihrer Lachsquiche kommen 4 Eigelbe. Damit er trotzdem mürbe bleibt, gibt sie aber auch 75 g Stärke dazu. Heraus kommt ein Teig, der wunderbar reichhaltig und locker ist. Eines fiel mir auf – die Teigmengen fallen für jemanden wie mich, der dünn ausrollt, reichhaltig aus. Meine Lösung: mithilfe von Ei, Hagelzucker oder Rosmarin Kekse daraus machen.

Über fremden Glanz & eigener Zauber

Ist hier eine neue Julia Child am Werk? Das behauptet ein TV-Kollege der Autorin, dessen wohlmeinenden Vergleich der Verlag auf die Buchrückseite abgedruckt hat. Nein, leider nicht. Julia Childs Markenzeichen ist u.a. ihr methodisches Wissen, mit denen sie ihre Rezepte flankiert – präzise und kenntnisreich. Ein solcher Transfer ist hier nicht angedacht. Im Gegenteil – die Rezepte werden von einem Singsang begleitet, der der eigenen Biografie und weniger dem Leser zugewandt ist. Die Teaser-Schwärmereien für die Rezepte sind schön, aber die Hinweise auf berühmte oder internationale Freunde (Tanja Grandits, Daniel Humm, Christine Ferber, „meine Freundin in Washington DC“) und die Betonung der eigenen Weltenbummler-Biografie (London, NY, Amsterdam) wirken in der einseitigen Summe sonderbar selbstreferenziell. Ich glaube, weil sie keinen für den Leser sinnvollen Bogen zu den Rezepten schlagen und die Tatsache als solche weder interessant noch nützlich ist. Es ist ja kein Fan-Buch. Dabei ist der geliehene Glanz nicht nötig, den hat das Buch auch so.

Denn ein besonderer Zauber des Backbuchs geht von den Food-Fotografien aus. Die Engländerin Tara Fisher zeigt hier, wozu das künstlerische Handwerk fähig ist (wie sie es auch bei Lucas Hollweg tat). Normalerweise werden bodenständige Homebaking-Rezepte neben praktisch anmutenden Fotos platziert, hier stehen sie neben poetisch modernen Landhausstil mit leicht morbiden Charme, der von Blumen wie frisch auf der Wiese gepflückt durchbrochen wird. Bildschön. Man kann sich kaum satt sehen. Das Backbuch ist ein Wink, wie kulinarische Ästhetik jenseits der weiblichen Rosa-Chi-Chi-Phase und des „Praktisch & seelenlos“-Genres fotografisch inszeniert werden kann. Man bleibt ja nicht immer 25+, aber Kuchenträume enden nie. Ich werde noch mit 80 Jahren darin versinken können.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Januar 2014

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