Kochbuch von Mimi Thorisson: Das beste aus meiner französischen Küche

Kochbuch von Mimi Thorisson: Das beste aus meiner französischen Küche ★★★★★

Das beste aus meiner französischen Küche
Mimi Thorisson, Fotos Oddur Thorisson
Umschau Verlag (2015)
Mehr über den Verlag

Annick Payne

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Mimi Thorissons Blog Manger und ihr neuestes Kind, das dazugehörige Kochbuch, leben dem Leser ein unerreichbar magazintaugliches Leben vor: ein kochendes Fotomodell mit großer, glücklicher Familie, die aus sieben, wie aus dem Ei gepellten Kindern und doppelt so vielen Hunden besteht. Mimi, eine in Hong-Kong aufgewachsene Halbfranzösin, kocht, während ihr isländischer Mann Oddur die dazugehörigen Fotos schießt.

Man lebt in einem charmanten, kleinen Landhaus, bzw. mittlerweile in einem nicht mehr ganz so kleinen Château. Wir lernen: wer Hunter-Gummistiefel zum Cocktailkleid trägt, lächelt auch beim Apfelschälen selig, denn irgendwo hier liegt das große Glück.

Es wäre einfach, nicht an der Oberfläche zu kratzen und „Das beste aus meiner französischen Küche“ als Hochglanzprodukt einer selbstverliebten Medienelite abzutun, aber damit täte man der Autorin unrecht. Denn Madame hat Charme, und, was deutlich schwerer wiegt, Geschmack. Man muss den absehbaren Hype um ihre schicke Person nicht befürworten, um Gefallen an den hier versammelten Rezepten zu finden, die durchweg gut, ehrlich und bodenständig sind.

Leben und Essen im Medoc

Der Band enthält eine gelungene Sammlung französischer Rezepte, die sich für geübte Köche problemlos in den Alltag integrieren lassen, bei weniger Erfahrung eine gute Startposition für einige grundlegende wie auch weniger bekannte französische Gerichte bieten. Es ist ein Buch mit Entwicklungspotential: Je länger man daraus kocht, desto größer die Begeisterung.

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Mimi Thorisson (links) kocht sich in jahreszeitlich orientierten Kapiteln durch Vorspeisen, Hauptgänge und Nachtische, als Intermezzi trifft man auf Festmahle, die vom Frühjahrsfest bis zum chinesischen Neujahr reichen. Zu loben sind die stets klaren Anleitungen, die zu respektablen Ergebnissen führen. An mancher Stelle hätten kleinere Eingriffe die Rezepte abgerundet, hier merkt man, dass die Autorin keine professionelle Köchin, sondern eine erfolgreiche Amateurin ist.

Thorisson positioniert sich geschickt als gute Freundin bzw. französische Verwandte, der man beim Kochen über die Schulter gucken und sich das ein oder andere abschauen kann. Ein Konzept, das, unterfüttert mit lokalen Rezeptvarianten aus dem Médoc, aufgeht. Thorissons Blog wurde von der Saveur als bester regionaler Foodblog ausgezeichnet.

Üppige wie romantische Bildsprache

Was isst man im Hause Thorisson? Im Frühling gibt es z.B. Artischockensoufflé, Lammschulter mit Knoblauchsahnesoße und ein Gâteau Basque, im Sommer eisgekühlte Erbsensuppe, Kalbsleber und Erdbeeren mit Mascarpone, im Herbst Steinpilztartlets, Jakobsmuscheln mit Endivien und Veilchenbaiser, im Winter Knoblauchsuppe, Ochsenschwanz-Makkaroni-Gratin und Waffeln. Thorisson kocht klassische französische Hausmannskost, in der viel Wein, Knoblauch und Schalotten zum Einsatz kommen, ihr internationaler Hintergrund wird nur in wenigen Rezepten widergespiegelt, doch sie bewahrt sich den Blick eines Außenseiters, der die französische Küche aus dieser Position wahrnimmt.

Jedes Rezept ist üppig bebildert, v.a. mit Fotos der Gerichte, aber auch, für alle Fans des Blogs, stimmungsvollen Bildern von Haus, Land, Köchin, Kindern. Der Familienalbumaspekt wird durch kleine Kolumnen ergänzt, in denen die Autorin z.B. über lokale Gewohnheiten, die Rolle des Metzgers oder die Qualität der Zutaten sinniert bzw. berichtet, wie sie in den inneren Zirkel der örtlichen Pilzsammler vorstieß.

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Familienköchin Mimi

Gut gefallen hat mir die klare Hinwendung zum bodenständigen wie selbstbestimmten Kochen. Es wird einmal nicht suggeriert, dass Mahlzeiten durch Fertigprodukte legitim abgekürzt werden könnten, sondern wenn beispielsweise eine Tart gebacken wird, ist selbstverständlich, ohne großen Kommentar, auch der Teig selbstgemacht. Dies ist echtes, ehrliches Essen, die Rezepte bleiben machbar, denn Thorisson versucht sich nicht an der Haute Cuisine, sondern bezieht sich vielmehr auf ihren Erfahrungsschatz als Familienköchin. Das sonntägliche Hühnchen in verschiedenen Varianten, aber, man ist schließlich in Frankreich, eben auch Entenconfit, Langustinen in Armagnac und gegrillte Wachteln.

Der Bezug einzelner Zutaten wird für den Leser wohl die größte Hürde darstellen, die einzelnen Arbeitsschritte dagegen verlangen meist keine großen Kunstfertigkeiten. Ebenfalls hervorzuheben ist, dass die textuelle Präsenz der Autorin keineswegs aufdringlich ist und mit leisen, humorvollen Tönen punkten kann. Ob es nur Zufall ist, dass das Leben im Bild stets wie ein Fashionshoot daherkommt?

Mimi Thorissons Band richtet sich an alle, die vom gehobenen Landleben im kulinarischen Paradies Frankreich träumen. Dies ist, nebenbei bemerkt, ein sehr traditionelles Paradies, an dem die Moderne kaum Spuren hinterlässt, in dem eine Mahlzeit schon immer aus Vorspeise, Fisch oder Fleisch, Gemüse und Dessert besteht, und man keinen einschränkenden Diäten folgt. Man kocht mit einem Glas Rotwein in der Hand und genießt das Essen entspannt an der impromptu gedeckten langen Tafel im Garten. Da kann man schon mal selig lächeln.

Update: Die Rezension ging 2014 anlässlich der englischen Originalausgabe online und wurde nun anlässlich der deutschsprachigen Ausgabe editiert. Ursprünglich war es mit vier Sternen bewertet, mittlerweile hat die Rezensentin weiter gekocht und ist zum Schluss gekommen: 5 Sterne. K.H.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Oktober 2015

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