Kochbuch von Martin Lagoda & Bettina Snowdon: Matjes, Grog und Seemansgarn

Kochbuch von Martin Lagoda & Bettina Snowdon: Matjes, Grog und Seemansgarn ★★☆☆☆

Matjes, Grog & Seemannsgarn
Auf großer Fahrt mit Rezepten, Liedern & Geschichten
Martin Lagoda, Bettina Snowdon
Constanze Guhr (Illustr.)
Gerstenberg Verlag (2014)
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Katja Böttger

Von

Zwei Sterne: Begeisterung sieht anders aus.

Treffen sich Labskaus, Friesentorte und Coconut Kiss – und untergehakt singen sie „Ick hev mol en Hamburger Veermaster sehn“. Passen die drei ungleichen Kameraden wirklich zusammen? Oder feiern sie eine abgefahrene Mottoparty in einem hippen Elbstrandbad in Altona?

„Matjes, Grog und Seemannsgarn – Auf großer Fahrt mit Rezepten, Liedern & Geschichten“ verspricht das dreiköpfige Autorenteam, dazu die hübsche gischtblaue Umschlaggestaltung mit dem dunkelroten Bullauge – da muss ein Nordlicht nicht lange überlegen, da gehe ich doch gerne mit an Bord!

Gerade mal knapp 60 kleine Rezepte aus Kombüse, Hafenkneipe und der weiten Welt jenseits der sieben Meere haben die Autoren versammelt, dazu allerlei Seemannsgarn – Wissenswertes und Trivia rund um die christliche Seefahrt, Piraterie und Freibeuterei. Rezeptfotos gibt es keine, und das ist vielleicht auch besser so, denn die norddeutsche Küche ist bekanntlich nicht für ihre optischen Reize berühmt (… ich sage nur Labskaus …). Dafür tummeln sich Leichtmatrosen und Piraten, Außenbordkameraden und Klabautermänner, Viermastbarken und Seekarten auf durchgehend in kühlen Pastelltönen unterlegten Seiten, von der Illustratorin Constanze Guhr mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt.

Zwischen den Rezepten sind ganzseitig platzgreifend die Texte von Shantys eingestreut, sowohl bekannte Gassenhauer als auch Unbekanntes, allerdings ganz ohne Notenlinien und somit meiner freien Improvisation schutzlos ausgeliefert. Und dazwischen finden sich immer wieder Döntjes, Witze, Reime und Seemannsgarn, was allerdings wohl eher Kinder und andere Menschen ansprechen dürften, die mit der Berufswahl noch nicht abgeschlossen haben („Wie werde ich Pirat in 3 Schritten“).

Die Rezeptauswahl: Bunt und nicht immer eng am Thema. Da mischt sich traditionelle Seemannskost wie Labskaus und Sauerkraut mit eher bäuerlichen norddeutschen Gerichten wie Rote Grütze, Holsteiner Kartoffelsuppe oder Birne, Bohne und Speck. Da trifft rustikaler Rollmops auf schicken Wolfsbarsch in Salzkruste, da gibt es Grog für kalte Abende, Caribbean Wonder für heiße Nächte, und dann wieder „Ex-Exotisches“ wie Curryhuhn mit Mangochutney, das selbst in biederen deutschen Kantinen schon lange zum Standard gehört – alles in allem ein buntes Wuling, bei dem ich schnell den Überblick verliere und nicht weiß, ob ich auf hoher See nun Heim- oder Fernweh bekommen soll. Oder besser doch nochmal den Kurs überdenke und mir im nächsten Hafen eine Pizza bestelle.

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Also das Nachkochen. Als erste Kandidatin wähle ich Mockturtlesuppe, also mock turtle, falsche Schildkrötensuppe, ein Gericht, was meine Oma beim örtlichen Metzger dosenweise auf Vorrat kaufte und gerne auf den Tisch brachte, wenn wir Sonntags unerwartet lange zum Abendbrot blieben. Zu meiner Überraschung blieb die Suppe hell – ich kenne Mockturtle eigentlich in der Farbe dunkler Bratensauce. Dafür schmeckte sie herzhaft, solide und eher besser, als ich sie in Erinnerung hatte. Und so ging es auch weiter. Ein zarter Hauch von Eleganz bei der Hamburger Krabbensuppe vielleicht, ansonsten begegneten uns bodenständige, solide Sattmacher, keine kulinarischen Höhenflüge, keine gewagten Experimente, überwiegend norddeutsch geprägte Küche eben. Lediglich die süße Buchweizengrütze mit Orangen blieb fast unberührt, aber auch die war kein Flop, sondern traf einfach nur nicht unseren Geschmack.

Tja, ein Fazit fällt mir hier schwer. Ich will nicht ungerecht sein, denn „Matjes, Grog und Seemannsgarn“ ist sicher kein klassisches Kochbuch und möglicherweise auch nicht so gemeint. Drei Autoren haben sich hier zusammengetan und neben einigen Rezepten auch einiges Unterhaltsames zusammengetragen und das auch noch aufwändig und mit Liebe zum Detail illustriert. In der Kategorie Kochbuch ist mir das jedoch zu wenig Inhalt und Inspiration, zumal der rote Faden sich bei näherer Betrachtung doch arg vertüdelt. Ich habe es einmal durchgelesen (das ging ziemlich fix), dann vor- und zurückgeblättert, zur Seite gelegt und wieder zur Hand genommen, auf den Kopf gedreht und geschüttelt – vergeblich, der Funke wollte partout nicht überspringen.

Die Rezepte funktionieren, jedoch liegen die Stärken dieses Buches sicherlich nicht im kulinarischen Bereich. Trotzdem: Ein freundliches kleines Büchlein, ein Geschenk oder Urlaubsmitbringsel vielleicht – für Nordlichter, Fischköppe und andere Freunde der norddeutschen Tiefebene und der christlichen Seefahrt. Und solche, die es werden wollen.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Juli 2014

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