Kochbuch von Marcus Wareing: The Gilbert Scott Book of British Food

Kochbuch von Marcus Wareing: The Gilbert Scott Book of British Food ★★★☆☆

The Gilbert Scott Book of British Food
Marcus Wareing, Fotos Sergio Coimbra
Bantam Press (2013)

Isabel Geigenberger

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Ein Prachtband mit Schwerpunkt auf regionalen Produkten und überlieferten Rezepten, eher für eifrige Großbritannien-Fans als für Abenteurer auf der Suche nach kulinarischer Raffinesse

Ja, ich habe mich rangetraut. An ein britisches Kochbuch. Nein, wegen der Sprache (Originalausgabe) hatte ich keine Sorgen, beruflich spreche ich täglich englisch, wenn auch weniger über Kochrezepte. Aber ich muss gestehen, auf meiner Liste der kulinarischen Sehnsüchte stehen die englischen nicht ganz so weit oben wie die italienischen, französischen oder asiatischen. Wenn ich mich zurückerinnere an meine Zeiten in Großbritannien, es gab da schon ein paar Sachen: Das üppigste britische Frühstück, das wir zwei trampenden Jungmädchen auf einem schottischen Fischkutter genießen durften. Die windgegerbten Fischer kamen gerade von zwei Wochen auf hoher See zurück und mussten noch ihre Ladung in einen der im Hafen liegenden Riesenfischdampfer zu Weiterverarbeitung löschen.

Roastbeef & buttertriefende Toasts

Der Tisch bog sich vor buttertriefenden Toasts, frischen Früchten, Black Pudding, Würstchen und Eierspeisen und während uns der Sohn des Käpt’ns von seiner bevorstehenden Oktoberfestreise vorschwärmte (das fürsorgliche Reiseunternehmen hatte ihn bereits mit Wiesn-Schlagern in englischer Lautschrift versorgt), verschlangen wir gierig diese Köstlichkeiten – unsere knappe Reisekasse hatte uns bislang keine größeren Genüsse erlaubt. Oder das tolle Roastbeef bei meiner britischen Gastfamilie und natürlich dekadenter Afternoontea oder ein dampfend-deftiger Pie oder Fish and Chips in einem Pub an kalten Tagen. Derlei kulinarische Erinnerungen begleiteten mich beim Studium vom Gilbert Scott Book of British Food und ließen mich im Fernweh schwelgen.

Who ist Gilbert Scott?

Das Kochbuch trägt den Namen eines Architekten des 19. Jhd., Gilbert Scott. Wie kam es dazu? Eines seiner berühmtesten Gebäude ist das fabulöse Midland Grand’s Hotel, ein Prestigeprojekt der Midland Railway Company, das 1873 am neu eröffneten Londoner Bahnhof St. Pancras eröffnet wurde. Viktorianische Extravaganz in voller Blüte, Blattgold und Ornamente ohne Ende.

gilbert-websiteNach viel Auf und Ab in der Geschichte des Restaurants, dessen Details man im Kochbuch nachlesen kann, wurde 2011 das Gilbert Scott in den prächtig sanierten Räumen eröffnet, ein Restaurant, das sich der Wiederentdeckung exzellenter lokaler Produkte und überlieferter Rezepte widmet. Das ist auch das Anliegen des Buchs, viele Rezepte widmen sich regionalen Spezialitäten, da werden Cumberland Würste, Haselnüsse aus Kent, Makrelen aus Cornwall oder walisische geräucherte Schweinshaxen, vorgestellt und verarbeitet. Oder der Autor zitiert aus alten Kochbüchern, wie dem „Book of Household Management“ von Mrs. Beeton und beschreibt die Entstehung oder die Wanderwege eines Gerichts. Dazu passt auch die Liste der Lieferanten im Anhang. Ein unbedingt unterstützungswertes Anliegen, shop local!

Köche und Köchinnen in Kontinentaleuropa können diesen Empfehlungen freilich nur eingeschränkt folgen. Manchmal kann man vielleicht ein einheimisches Produkt einsetzen, aber einige Rezepte würde ich einfach beiseite lassen. So findet sich auch eine Zubereitung des berühmten Moorhuhns („Grouse“), auf dessen Jagd sich auch schon Sarah Wiener bei ihren kulinarischen Abenteuern in North Yorkshire machte.

Das Buch macht einiges her, wertige Bindung, stattliches Format, prächtige Fotografien. Nicht jedes Rezept ist bebildert, manchmal werden auch nur einige ausgewählte Zutaten im Rohzustand gezeigt. Eine Logik ist dabei nicht zu erkennen, es wurde wohl nach Fotogenität ausgewählt. Bei einigen Rezepten, wie den „Käse-Schmetterlingen“ wäre ein Foto allerdings hilfreich gewesen. Eine Besonderheit sind die Kitchen-Table-Arrangements, die im Restaurant an einem ausgewählten Tisch mit Blick auf die Köche serviert werden. Dabei werden verschiedene Variation von z.B. Lamm auf einer Platte serviert, für zu Hause etwas aufwändig, aber ein prächtiger Anblick.

Simply not my cup of tea

Die Rezepte sind an den Angeboten des Restaurants ausgerichtet, gestartet wird mit Cocktails an der Bar, dann folgen Vorspeisen und Hauptgerichte. Nach den Küchentischarrangements die Sektion „Puddings“, die allerdings alle Arten von Desserts versammelt. Des weiteren Brunch-Rezepte und der Afternoon-Tea.

Ich würde das Kochbuch generell eher Freunden Großbritanniens empfehlen, die öfter vor Ort sind und sich über regionale Besonderheiten informieren oder sich ihrer „Fernwehküche“ widmen wollen. Und zum Beispiel mal zum British Afternoon Tea laden wollen. So rein vom persönlich-kulinarischen Standpunkt aus sind mir die Rezepte zu altmodisch, etwas zu schwer, zu süß, nicht raffiniert genug – simply not my cup of tea, wie der Brite sagt.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Oktober 2013

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