Kochbuch von Marcella Hazan: Die klassische italienische Küche

Kochbuch von Marcella Hazan: Die klassische italienische Küche ★★★★★

Die klassische italienische Küche
Marcella Hazan
Autorenfoto: Andri Pol
Echtzeit Verlag (2015)

Katja Böttger

Von

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Die Popularität der italienischen Küche ist ungebrochen, und keine andere Landesküche hat einen auch nur annähernd hohen Stapel an Kochbüchern vorzuweisen. Wäre der erlauchte Kreis der begehrtesten Autorinnen und Autoren ein Opernensemble, Marcella Hazan wäre wohl die strahlende Primadonna. Wer kennt sie nicht, ihre legendären Klassiker?

…ähm, ich zum Beispiel… Ihr Name ist mir geläufig, abgespeichert irgendwo in meinem Hinterkopf unter „Italienisch, Ikone“, aber ich hatte bislang noch keines ihrer Bücher in der Hand, die zuletzt auch nur noch antiquarisch und zu schwindelerregenden Preisen erhältlich waren. Und nun gibt es eine druckfrische Neuauflage – die perfekte Gelegenheit, eine klaffende Lücke zu schließen.

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Marcella Hazans Lebensweg, ihre Karriere von der Naturwissenschaftlerin und Ehefrau zur Lehrmeisterin, Autorin und Botschafterin der weltberühmten italienischen Küche ist legendär (links ein Foto von ihr). 2013 verstarb sie, sie wurde wunderbare 89 Jahre alt. Tatsächlich hat sie nur gut eine Handvoll Bücher veröffentlicht. „Die klassische italienische Küche“, ihr Viertes, erschien erstmals 1992 in den USA unter dem Titel „Essentials of Classic Italian Cooking“ und wurde seither vielfach aufgelegt und in viele Sprachen übersetzt. In Italien allerdings – ausgerechnet! – sind ihre Bücher nie erschienen.

Zeitlos statt Retro

Auch der Schweizer Echtzeit-Verlag hat nochmal ein paar behutsame Korrekturen vorgenommen – ein kniffliges Unterfangen, das viel Fingerspitzengefühl erfordert. Das Ergebnis liegt vor mir, ein kompakter Ziegelstein von über 600 Seiten, Reclam-gelb in edlem Textil, am Rücken längs abgesetzt in graublau und weiß. Klassisch und schlicht, aber überhaupt nicht altbacken – eine kluge, geschmackvolle Wahl, die sich einer Zuordnung zwischen Tradition und Trend glattweg entzieht und stattdessen einfach auf Zeitlosigkeit setzt. Innen finden sich keinerlei Rezeptfotos – ein paar Fotos der Autorin, einige Illustrationen, der Rest ist Text. Es gibt ca. 450 Rezepte aus sämtlichen denkbaren Kategorien der italienischen Küche von Antipasti bis Dolci, dazu eine hervorragende Warenkunde, eine sehr lesenswerte „Einführung in die italienische Kunst des Essens“ mit Menüregeln und vorschlägen, Register und zwei Lesebändchen – und allgegenwärtig Marcella Hazans kräftige Stimme.

Eine strenge Lehrmeisterin

Sie gibt Hintergrundinfos zu unterschiedlichen regionalen Spezialitäten und Eigenheiten, kleine Tipps für vermeintlich einfache Handgriffe, und sie erklärt auch die etwas komplizierteren Arbeitsschritte mühelos. Sie ist keine gute Freundin, die ihren Leserinnen plaudernd hier und da unter die Arme greift, nein, sie verkörpert eher der Typ der gestrengen Lehrerin mit kritischem Blick. Ihre Ansagen sind klar und unmissverständlich, mit leidenschaftlicher Überzeugungskraft vorgetragen. Unglaublich kenntnisreich lässt sie ihre Schüler an ihrem Wissen teilhaben; ich schätze, dass Küchennovizen von ihrem profunden Erfahrungsschatz ebenso profitieren können wie Fortgeschrittene. Bei mir – irgendwo dazwischen – hat’s jedenfalls ganz gut geklappt, sogar etwas Einfaches wie Zwiebelrösten klappt jetzt besser. Kreativität und Innovation sind allerdings nicht ihr Thema, lieber holt sie das Beste aus dem Vorhandenen heraus. Ja, sie ist manchmal dogmatisch, aber es klingt einfach wie Musik, wenn sie die „Quellen des guten Geschmacks“ – den Dreiklang aus Battuto, Soffritto und Insaporire – beschwört.

Alles passt

Rezeptfotos habe ich tatsächlich überhaupt nicht vermisst, es half vermutlich, dass die italienische Küche doch vergleichsweise vertraut ist und Bilder beim Lesen ganz automatisch entstehen. Und der Praxistest? Ach, was soll ich sagen, italienische Küche halt… Die Gefahr kulinarischer Missgriffe geht gegen Null, die Zutatenlisten sind kurz, die Basiszutaten ohnehin Dauergäste in unseren Vorräten, und so war uns Marcella über mehrere Wochen von blitzschneller Pasta bis zum veritablen Sonntagsbraten eine verlässliche Begleiterin, nie um eine Antwort verlegen, immer hilfsbereit, zu jeder vermeintlichen Hürde hat sie ein, zwei Alternativen im Ärmel. Dies ist mein neues Standardwerk, soviel ist mal sicher.

Dieses Werk hat einfach kein Verfallsdatum. Mehr als zwei Jahrzehnte alt, kann es sich immer noch mühelos gegen zahlreiche aktuelle Neuerscheinungen behaupten. Ganz der klassischen Küche verpflichtet, darf man keine modernen Interpretationen oder gar raffinierte internationale Einflüsse erwarten – dafür allersolidestes Handwerk, ein riesiger Fundus an Kenntnissen und Erfahrungen, und immer wieder wird der „Markenkern“ der italienischen Küche durchdekliniert: frische Zutaten, einfache Zubereitung, hingebungsvoll zelebriertes Küchenhandwerk.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Mai 2016

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