Kochbuch von Lindsey Bareham: The Trifle Bowl


Kochbuch von Lindsey Bareham: The Trifle Bowl
 ★★★★☆

The Trifle Bowl and Other Tales

Lindsey Bareham, Fotos Chris Terry
Bantam Press (2013)

Katharina Höhnk

Von

Betrachtet man die Leidenschaft fürs Kochen einmal genauer, wird schnell klar – man trifft sie eigentlich nie alleine an, sondern sie ist immer Teil einer Mädels-Gang. Mit von der Partie sind drei nicht weniger draufgängerische Passionen – die Jagd nach den besten Zutaten, die Suche nach exzeptionellen Rezepten und die Zusammenstellung einer Küchenhelfer-Menagerie, die im Erbfall Begehren auslöst (aber nicht auslösen sollte). .-)

Ich bin jedem Gang-Mitglied zugetan. Eigentlich. Nur die Neigung, die Küchenausstattung auch noch voranzutreiben, wenn die Schränke voll sind, verursacht ein missliches Gefühl bei mir – als würde ich meine Leidenschaften zu weit treiben. Zutaten werden aufgegessen, Bücher kann man effizient stapeln (oder weitergeben), aber ein Dutzend Spezial-Kuchenformen löst sich nicht in Luft auf. Und da wären wir schon fast bei Lindsey Bareham.

Denn die Neuerscheinung der Engländerin liest sich geradezu als Festschrift auf ihre Küchenhelfer-Menagerie von Spezialtöpfen bis Madleines-Blech. Die Autorin widmet sich den glücklichen Erinnerungen, die sie mit ihnen verbindet inklusive Rezepte. Schlechtes Gewissen einer Sammlerin? Fehlanzeige. The Trifle Bowl and other Tales eröffnet eine hedonistische Perspektive und dem Leser steht es frei, sie zu übernehmen. Fondue Sets, Hamburger-Pressen und Charlotte-Form werden nicht nach ihrem Sinn, der Häufigkeit der Verwendung, schon gar nicht nach der Staubschicht beurteilt, sondern als wertvolle Mitglieder der Köchinnen-Biografie vorgestellt. Ich sage Euch, meine innere zweifelnde Stimme wird künftig bei Einkäufen verstummen, denn ich werde ihr laut aufzählen, welche Genüsse bevor stehen.

kochbuch-bareham-kueche-valentinasLindsey Bareham ist in England besonders aufgrund ihrer Mitarbeit an dem Kochbuch Roast Chicken and Other Stories (1994 mit Simon Hopkinson) bekannt. Das optisch unauffällige Büchlein ist ein großer Erfolg gewesen. Daran schlossen sich weitere Veröffentlichungen an, dass ein Regalbrett gefüllt sein dürfte. Dieses – The Trifle Bowl and other Tales – beginnt in der Küche der Autorin und der Leser darf auch gucken. Die Fotoaufnahme davon ruft sofort einen Anflug von Auch-haben-wollen hervor: viel Arbeitsfläche, Meter Regale, pralles Licht und nur ein Schritt bis zum Garten. Manchmal trügt der Schein, hier nicht; es lebt sich darin gut den Worten der Autorin zufolge: „I sometimes think, I could live in this room. Everything I need is here, even a sofa to sleep on. I feel enriched by what I see around me and can conjure up evocative memories as I cook.“ Dieser Blick von Bareham – entlang der Küchenhelfer – wiederholt sich in dem Inhaltsverzeichnis. Es folgt mal nicht dem Menü oder den Zutaten, sondern den helfenden Dingen. C wie Cake Tins, I wie Ice Cream Maker, S wie Saucepans und Z wie Zester bringen das Alphabet mit den Küchenutensilien zusammen. Eine angenehme Abwechslung. Obwohl – einen Moment befürchtete ich, dass ich viele Rezepte nicht zubereiten könnte mangels Equipment. Aber keinesfalls. Wie im echten Leben gibt es immer eine Lösung, na ja, fast immer.

Bevor Lindsey Bareham zu den passenden Küchhelfer-Rezepten kommt, spart sie nicht mit Erinnerungen (etwas ausufernd nach meinem Geschmack) und beratenden Details zu dem Küchenkram selbst. Wann lohnt es sich z. B. einen Fleischwolf anzuschaffen (ich hätte nur geschrieben: unverzichtbar!), welches Material ist sinnvoll und wie wird es gepflegt. Ihre Zeilen erheben keinesfalls den Anspruch eines neutralen Beraters oder dienen subtilem Product Placement. Es ist eher die Word of Mouth-Empfehlung, die wir aus dem Web kennen und schätzen, von einer erfahrenen Köchin, die auch mal einen praktischen Blick auf die Anschaffungen wirft wie z.B. bei der Mandoline, die sich nun mal schneller abwaschen lässt als die Teile einer Küchenmaschine. Als Leser gleicht man die Erfahrungen mit seinen eigenen ab oder nimmt sie mit in die Zukunft für Kaufentscheidungen.

Den einzelnen Küchenhelfer-Porträts folgen 2-3 Rezepte vor, bei dem das geliebte Teilchen zum Einsatz kommt: Klassiker wie Profiteroles (Piping Bag), Einfaches wie Potato Lemon Mash (Earthenware Pots), Fremdes wie South African Lamb Bobotie und Schönes wie Oranges and Apple Crumble (Knives). Als Leser fand ich zwischen den Rezepten keine kulinarische Gemeinsamkeit – außer der, dass sie sich am Gaumen als Stillleben ohne Wenn & Aber entpuppten und auf dem Weg dahin einiges dazugelernt werden kann, denn Bareham behält keine Erfahrung und Methoden für sich.

bareham-trifle-bowl-insideWeniger für sich einnehmend war die Folge der Tatsache, dass Lindsey Bareham keine Frau der wenigen Worte ist, nein, sie möchte ihre Leser ganz genau einweisen. Den Leser erwartet viel Text und – jetzt kommt die Malaise – der Verlag fand auf diese fürsorgliche Vorgehensweise nicht nur keine Antwort, sondern entschied sich für ein Layout, das die Menge an Fließtext unterstreicht statt aufzulockern. Der Text wirkt struktur- und haltlos, die Typografien mögen sich nicht, da richten die vereinzelten Fotos auch nichts mehr aus. Ich habe mich gefühlt wie in einer wilden Küche, in der kein ordnender Geist lebt.

The Trifle Bowl and other Tales ist ein Buch für alle, die eine Schwäche für Küchenhelfer haben – egal ob sie am Anfang einer Sammlung stehen oder weit fortgeschritten sind. Hier ist von einer erfahrenen Köchin zu lesen, wie ihre entstanden ist, was sie empfiehlt oder wie sie sie weiter nutzt. Für manche wird der Stil zu persönlich sein, aber die Perspektive ist goldrichtig. Fortan wird die eigene Menagerie neu betrachtet – wohlwollend als Teil des Lebens. Letztlich sind es aber die 1a-Rezepte, die so gut sind und klug dargeboten werden, dass das Buch ein Kochbuch bleibt.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im März 2014

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