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Katharina Höhnk

Kochbuch von Linda McCartney: Linda McCartney’s Familienkochbuch ★★★★

Linda McCartney’s Familienkochbuch – Über 90 pflanzenbasierte Rezepte, um den Planeten zu retten und die Seele zu nähren, Linda McCartney mit Paul, Mary & Stella McCartney, Fotos: Issy Croker, Illustrationen: Stina Persson, Südwest Verlag (2021)

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Charlotte Schrimpff

Von

Haben Sie schon das von den McCartneys gehört? Dass sich eine der prominentesten Familien des Vereinigten Königsreichs inmitten der 1970er-Jahre entschloss, kein Fleisch mehr zu essen, war seinerzeit definitiv eine Meldung wert. Und es hatte Folgen – bis heute.

Kochbuchautorin Linda McCartney (Selbstporträt, © Paul McCartney)
Kochbuchautorin Linda McCartney (Selbstporträt, © Paul McCartney)

Nein, man beginnt keinen Text über das Buch über eine Frau mit ihrem Mann. Eigentlich. Aber was, wenn dieser Mann Paul McCartney heißt und man das Buch ohne ihn (und einige andere) gar nicht in den Händen hielte? Was wiederum ohne Lindas Vorarbeit kaum denkbar wäre, denn sie hat bereits 1989 ein Kochbuch veröffentlicht, das ganz ähnlich heißt: Linda McCartney’s Home Cooking. Und bevor es völlig konfus wird: von vorn. (Foto links: Selbstporträt von Linda McCartney)

Linda Eastman und Paul McCartney lernten sich 1967 in London kennen. Er einer der erfolgreichsten Popmusiker unserer Tage und sie talentierte Selfmade-Fotografin aus den USA. Viel ist geschrieben worden über dieses ein bisschen unwahrscheinliche (und offenbar unwahrscheinlich glückliche) Paar: Von 1969 bis zu Lindas Krebstod 1998 waren sie verheiratet und teilten nicht nur ein Haus, ein Bett, die Elternschaft für drei gemeinsame Kinder (Mary, Stella und James) sowie Heather, Lindas Tochter aus erster Ehe, sondern auch die Liebe zur Musik, zur Natur und – zu vegetarischem Essen.

Zum Weiterlesen:

Leseprobe beim Verlag

Ob sich die vielzitierte Episode mit dem Lamm, das seinerzeit vor dem schottischen Landhaus der McCartneys herumsprang, derweil die Familie über einem solchen zu Tische saß, wirklich so zugetragen hat: who knows. Fakt ist: Ab 1975 gab es bei ihnen kein Lamm mehr und kein Huhn und kein Rind – eben nichts, was ein „Gesicht“ hat, wie Linda es formulierte.

Happy family

Eine Entscheidung zu einer Zeit, in der vegetarisches Essen alles andere als selbstverständlich war, was die Familie zu spüren bekam, sobald sie sich aus ihrer Blase herausbewegte und z. B. hungrig an Autobahnraststätten hielt. Daheim stand Linda höchstselbst am Herd. Nicht, weil sie musste, sondern weil sie wollte: „Mum hätte eine Köchin einstellen können, aber ich glaube wirklich, dass sie die Rolle als Hausfrau und Mutter genossen hat“, schreibt Stella McCartney (ja, die) in einer der immer wieder in den Band eingestreuten Erinnerungen. Was im ersten Moment nicht zu dem Bild einer Frau passen will, die sich reichlich wenig um das geschert haben muss, was „man(n)“ von ihr erwartet (abgebrochenes Studium, geschiedene erste Ehe – to only name a few).

Es ergibt Sinn, sobald man von ihrer warmen, herzlichen, familiären Seite erfährt. Wenn Paul, Stella und Mary McCartney in ungestellten Bildern und Texten davon erzählen, mit wie viel Liebe Linda ihren bunten Haufen zusammengehalten hat, schwingt mit Sicherheit auch ein wenig retrospektive Verklärung mit. Aber warum auch nicht?

Kochbuch von Linda McCartney: Linda McCartney’s Familienkochbuch
Kochbuch von Linda McCartney: Linda McCartney’s Familienkochbuch

Linda war eine leidenschaftliche Mutter und Köchin, die schon als junges Mädchen gern und viel Zeit in der Küche verbracht hat, um den Haushälterinnen der Eastmans zuzusehen. Das hat einerseits Peter Cox zu spüren bekommen, Co-Autor ihres ersten Kochbuchs, dem Lindas intuitive Aus-der-Lameng-Essen laut Paul einiges abverlangten. Andererseits spricht es aus der Vielfalt der Rezepte. Von denen in der Neuerzählung übrigens nicht alle 1:1 von ihr stammen, denn selbst der weltgewandten und reisefreudigen Freigeistin dürfte Pulled Jackfruit Burger, Kimchi-Pfannkuchen und Aquafaba als Eischneeersatz noch nicht geläufig gewesen sein. Für diesen Reminiszenzenband hat sich der britische Koch Jordan Bourke mit den McCartneys zusammengesetzt und überlegt, was und wie Linda wohl zubereiten würde, täte sie es 2021 noch.

Kulinarisches Update

Antwort 1: Viele ihrer Essen wären vegan. Das liegt einerseits an dem weiter gewachsenen Bewusstsein für die Auswirkungen industrieller Tierhaltung, andererseits an der viel besseren Verfügbarkeit von fleischfreien Produkten im Vergleich zu den 1970er- und 1980er-Jahren. Einem Angebot, an dem Linda in Großbritannien übrigens einen nennenswerten Anteil hat, denn 1991 gründete sie „Linda McCartney Foods“, die noch heute Convenienceprodukte von Sojahack bis Burger anbieten.

Antwort 2: Linda würde sich dieser Halbfabrikate bedienen. Wer aus diesem Kochbuch kocht, sollte kein Problem mit vorgekochten Hülsenfrüchten, veganem Käseersatz oder erwähnten Fleischsubstituten haben. Zwar bietet der Band von Frühstück bis Nachtisch auch genug Essen „from scratch“, aber gerade, wenn es etwas schneller gehen soll, nimmt man Abkürzungen.

Paul McCartney:

„Linda war immer offen für neue Impulse. Sie wäre absolut begeistert von all den großartigen Zutaten wie etwa Quinoa oder Tofu, die man heute in jedem Supermarkt kaufen kann. Sie wäre hingerissen von pflanzlichen Produkten wie Haferdrink und –joghurt, von milchfreier Butter und milchfreiem Käse, von Eiscreme auf Pflanzenbasis. Das Kochen hat sich grundlegend verändert, vegetarische und vegane Ernährung sind heute ganz einfach.“

Das soll mir recht sein, so lange es schmeckt. Der Jahreszeit geschuldet habe ich mich vor allem an die deftigen Ofengerichte aus dem Kapitel „Feines fürs Wochenende“ gehalten. Britische Klassiker wie Shepherd’s Pie oder eine Schüsselpastete mit Pilzen und fleischfreien Bällchen funktionieren tatsächlich auch „ohne“ – vor allem, weil man den Geschmack der Originale nicht so internalisiert hat wie es bei Lasagne oder Mac ’n’ Cheese der Fall ist. Für diese beiden habe ich nach wie vor andere Lieblingsrezepte. Was jedoch unbedingt ins Repertoire wandert, ist der unkomplizierte Marokkanische Karottensalat und die Idee, Hummus mit Rauchpaprikapulver zu adeln. So gut!

Gefallen hat mir auch die Gestaltung: Die eher cleane Rezeptpräsentation wirkt dank der von Emily Ezekiel lässig gestylten und von Issy Croker natürlich fotografierten Gerichte kein bisschen steril, sondern zusammen mit Stina Perssons Illustrationen und den Auszügen aus den Familienfotoalben der McCartneys nahbar und modern zugleich.

Ist das also vor allem ein Buch für Fans? Definitiv nicht: Wer die McCartneys eher vom Hörensagen kennt (interesting enough!), aber unkomplizierte und unaufgeregt-schmackhafte Veggieküche schätzt, kommt unbedingt auf seine Kosten. Hier kocht man immerhin im Andenken an eine Pionierin! Denjenigen sei allerdings nicht nur ein zuerst sehr niedliches und später sehr offenes Interview mit Linda ans Herz gelegt, sondern auch ein Hintergrundgespräch mit Stella, Mary und Paul zum Buch. Sowie: die großartige Carpool-Karaoke mit Paul und James Corden. Auch wenn dieser Text über eine Frau damit wieder endet, wie er gar nicht hätte anfangen sollen.

Veröffentlicht im September 2022

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