Kochbuch von Lea Linster: Einfach fantastisch!

Kochbuch von Lea Linster: Einfach fantastisch! ★★★☆☆

Einfach fantastisch!
Neue Ideen, Tipps & Tricks der Spitzenköchin
Lea Linster, Fotos Thomas Neckermann, Diane Verlag (2009)

Christiane Schwert

Von

Drei Sterne: Hat Stärken, aber überzeugt nicht ganz.

Lea Linster – genau wie die von mir hier besprochene Douce Steiner und ihr Erstling Cuisine Douce – interessiert mich besonders wegen des biografischen Aspekts. Frau Linster, wie auch Steiner, haben es beide auf ihre Art im männerdominierten Kochzirkus der Spitzengastronomie auf einen der vorderen Plätze gebracht. Während Steiner erst langsam vom breiten Markt wahrgenommen wird, brummt bei Linster die Vermarktungsmaschinerie schon ganz ordentlich.

So taucht sie auch hin und wieder freitagnachts in der Kochshow Lanz kocht auf, wo ich sie absolut überzeugend finde. Sie ist eine echte Routinierin (sic!) am Herd, kreativ und professionell, außerdem total sympathisch und in einem positiven Sinne nett.

Ihr aktuelles Kochbuch nun Lea Linster: Einfach fantastisch! – Neue Rezepte, Tipps ud Tricks der Spitzenköchin rückt bereits in der Einleitung den letzteren Aspekt in den Vordergrund: bekannte Fernsehköche werden zitiert, die vor allem die zwischenmenschlichen Fähigkeiten der Ausnahmenköchin loben. (Sie erkochte sich als bisher einzige Frau 1989 den Bocuse d’Or die höchste Auszeichnung der Köche.) Das ist vom Verlag und vermutlich auch von Linster selbst, die eine Kochjacke trägt, auf der unter ihrem Namen „Avec Amour“ steht, so gewollt. Ich sehe natürlich auch die Notwendigkeit sich in einem größer werdenden Markt zu positionieren. Gleichwohl bedient die gewählte Vermarktungsstrategie absolut stereotype Geschlechterbilder: Bei Frau Linster wird diese zwischenmenschliche, emotionale (vermeintlich weibliche) Ebene deutlich einer fachlichen vorgelagert. Man stelle sich diese Art der Inszenierung mal bei einem Alfons Schuhbeck vor… Wo es bei Linster menschelt, grantelt es bei Schuhbeck (typisch männlich?)!

Die Rezepte selbst sind in ihrer Zusammenstellung keine Überraschung, sie folgen vielmehr einer Unterteilung in die klassischen Kategorien. Was den Schwierigkeitsgrad angeht, sind sie für Homecooks mit etwas Erfahrung leicht nachzukochen mit durchaus gutem, sprich leckerem Ergebnis. Einzig in der Wahl der Zutaten findet sich teils ein Anklang an die Restaurantküche.

Die Fotos, auf denen die einzelnen Gerichte meist auf weißem Teller präsentiert werden, sind von solider Ästhetik, aber eben nicht der große Wurf. Und Layout und Schriftbild sind sogar äußerst konventionell zu nennen.

Dieses Kochbuch finde ich nicht stimmig, es ist nicht aus einem Guss. Das hat zum einen die genannten konzeptionellen Gründe. Andererseits kennt jeder den Spruch: Viele Köche verderben den Brei! Er trifft – glaube ich – das Kernproblem. Wahrscheinlich hat Frau Linster weder Zeit noch Muse solch ein Buch zusammenzustellen. Doch ich glaube, hier haben bei der Entstehung einfach zu viele Leute mitgemischt, was sich im Text niederschlägt. Hier beschreibt eben nicht Frau Linster die verschiedenen Zubereitungsarten, sondern die Texterin Susanne Mersmann. Um trotzdem das Ganze möglichst authentisch wirken zu lassen, sind alle Rezepte in Ich-Form geschrieben und geschmückt mit dem von Frau Linster gern verwendeten Adjektiv „schön“. Das ist nun aber in dieser Häufung eben nicht schön, sondern übertieben. Die Übersetzung von Linsters Sprach-Duktus in Schriftsprache wirkt zudem unsachlich und seltsam artifiziell, ja gestelzt. Gerade diese Elemente, die Nähe herstellen sollen, sind im Ergebnis nicht authentisch.

Fazit: Dieses Kochbuch finde ich natürlich nicht schlecht, dafür ist Lea Linster einfach zu sehr Profi. Es hinterlässt bei mir aber einen recht uninspirierten Eindruck. In der Kocherfahrung heißt das: die Rezepte waren gut, aber keines wird unbedingt „Spuren“ in meiner Küche hinterlassen. Ich freue mich auf den Tag, an dem Lea Linster vielleicht tatsächlich Ruhe und Muse findet, selbst ein Kochbuch zu schreiben, unabhängig von Marketing und Verlagsstrategie. Denn davon, dass sie was zu sagen hat, davon bin ich überzeugt: Da geht mehr Frau Linster!

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im März 2010

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