Kochbuch von Laura Zavan: Venedig – Die Kultrezepte

Kochbuch von Laura Zavan: Venedig – Die Kultrezepte ★★☆☆☆

Venedig – Die Kultrezepte
Laura Zavan
AT Verlag (2014)
Mehr über den Verlag

Annick Payne

Von

Zwei Sterne: Begeisterung sieht anders aus.

Que c’est triste Venise
Au temps des amours mortes
Que c’est triste Venise
Quand on ne s’aime plus
On cherche encore des mots
Mais l’ennui les emporte
On voudrait bien pleurer
Mais on ne le peut plus
Charles Aznavour

Laura Zavans „Venedig“ verewigt geschmackvoll Atmosphäre und kulinarischen Kompass der berühmten Lagunenstadt. Dies Venedig zeigt die Farben der Adria, türkis wie das Wasser, auf den Tellern bunt wie die dort gefangenen Fische und lokalen Gemüsesorten, allen voran der rote Radicchio, der grüne Spargel und die violetten Artischocken der Laguneninsel Sant‘ Erasmo.

Venedig, angerichtet in Kapiteln, die der traditionellen Speisefolge entsprechen: ganz wichtig, die Kleinigkeiten, „Cicheti“ zum Aperitif, eine venezianische Institution. Es folgen Antipasti, Primi Piatti (Nudeln, Gnocchi, Risotti und Suppen), Secondi e Contorni (Fisch, Fleisch, Beilagen) und Dolci. Ergänzt und unterbrochen wird der Rezeptteil durch kleine Stadtspaziergänge, in denen die Autorin uns ihre kulinarischen Anlaufstellen verrät, darunter die üblichen touristische Berühmtheiten wie Caffè Florian und Harry’s Bar. Ein Vorwort bringt die Stadt dem Leser näher, ein Anhang erläutert Lebensmittel, die man aus Venedig mit nach Hause nehmen sollte, kulinarische Adressen Venedigs runden den Band ab.

Die Rezeptauswahl, angepriesen als Kultrezepte, kann als repräsentativ gelten, derartige Gerichte isst man in Venedig. Allen voran viel Fisch. Dies wird die Fischliebhaber unter den Lesern freuen, allerdings auch vor eine schwierige Aufgabe stellen, denn die typischen Lagunenfische gehören bei den meisten deutschen Fischhändlern nicht zum Standardsortiment. Die Autorin, Valentina-LeserInnen erinnern sich vielleicht an ihr Panna-Cotta-Buch, entscheidet sich für Authentizität, die gelegentlichen Tipps zu alternativen Zutaten wären ausbaufähig. Nicht immer gelingt der Spagat zwischen Vermittlung des Originals und Transposition in andere Länder, ich jedenfalls bin nicht wirklich glücklich, wenn ein Rezept „Kürbis“ verlangt, und dazu diese Angaben macht: „in Venedig gibt es sehr schmackhafte Kürbisse. Sie können für dieses Rezept aber auch einen Hokkaidokürbis oder Butternutkürbis kaufen“ (S. 216). Wenn man mir die venezianischen Kürbisse nicht namentlich vorstellen will, dann verzichte ich lieber auf solche Erläuterungen.

kochbuch-inside-venedig-kultrezepte-laura-zavan-valentinas

„Venedig“ ist eine Übersetzung des französischsprachigen Originals, und man hätte hoffen können, dass die zweifache Bearbeitung dieses Manuskriptes einige Fehler ausgemerzt hätte. Leider nein. So wird im Minestronerezept (S. 136) keinerlei Flüssigkeit verwendet, was nur zu einem Gemüsepüree, aber niemals zu einer Suppe führen kann. Das Rezeptfoto dagegen zeigt deutlich, dass das Gemüse in Brühe schwimmt. Ebenfalls unstimmig ist die Übersetzung vom italienischen Affettati Misti, „gemischtem Aufschnitt“ als Wurst, wenn im Rezepttext explizit auch von Schinken gesprochen wird und das dazugehörige Foto Schinkenbrote zeigt. Auch die Übersetzung treibt seltsame Stilblüten wie das Oxymoron „geräucherter Kochschinken“ (S. 30). Der kulinarische Anspruch ist ebenfalls schwankend, sehr lange Kochzeiten und der wiederholte Verweis auf Fertigprodukte als gute Alternativen (Brühwürfel, Mayonnaise) wecken doch gewisse Zweifel, ebenso Tipps wie „aus altbackenem Brot lassen sich gut Semmelbrösel machen“ (mit Anleitung, S. 34). Zu loben sind dagegen Hinweise wie auf die traditionelle Verwendung des Aalsuds als Geschmacksträger für Polenta (S. 154); hiervon hätte man gerne mehr!

Der Praxistest half leider nicht Mängel aufzuwiegen, sondern zeigte, dass mehr Erwartungen geweckt wurden, als befriedigt werden konnten. Auch der Rezeptindex ist eine Fehlkonstruktion. Wenn man sich erinnert, ein Minestronerezept gesehen zu haben, kann man das nicht unter „Minestrone“ finden, sondern nur über einzelne Zutaten, z.B. Mangold. Die nachgekochten Rezepte waren allesamt matt. Am besten waren noch die Cicheti, bei denen naturgemäß wenig schief laufen kann, da sie mehr angerichtet als gekocht werden. Die gekochten Speisen waren alles blasse Varianten von Gerichten, die ich schon besser gegessen und gekocht habe. Die venezianischen Kekse „Esse Buranelle“ waren solide, die deutliche Verringerung des Eigelbanteils aber schmeckt man, und es ist keine Verbesserung. Auch die gefüllten Zucchiniblüten tendierten ein wenig ins Langweilige. Die Fleischbällchen waren aufwendiger als mein Standardrezept, aber so öde, dass ich nach einem halben gelangweilt aufgegeben habe. Vielleicht kann man mit Peperonata nichts falsch machen? Hm. Sardellen, Kapern oder auch Knoblauch hätten diesem Rezept gut getan. Die Minestrone – ach, geschenkt.

Laura Zavans „Venedig“ ist ein ansprechender Band mit typisch venezianischen Rezepten, die solide ausgeführt sind, aber nicht ausreichend Pfiff haben, um Begeisterung hervorzurufen. Charles Aznavour hat doch recht.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im November 2014

6 Kommentare

  1. Michèle

    Bravo fur die „musikalische“ Rezension. Ich mochte euren eklektischen Blog, aber jetzt bin ich ganz begeistert!

  2. Astrid

    Die Jacke von Charles Aznavour ist großartig, bringt Farbe und Blumen in diesen tristen Novembertag!
    ASTRID

  3. Margit Kunzke

    Warum soll der Ausdruck “geräucherter Kochschinken” ein Oxymoron sein? Auch in Italien gibt es Kochschinken, die nach dem Brühen geräuchert werden.

    • Annick

      Danke für den Hinweis, Sie haben natürlich recht. Ich nehme das Oxymoron zurück.

Schreib' uns!

Meistgelesen

Themen A-Z