Kochbuch von Latife & Hilal Arslantas: Echt türkisch!

Kochbuch von Latife & Hilal Arslantas: Echt türkisch! ★★★★☆

Echt türkisch! 80 Originalrezepte von Börek bis Baklava
Latife & Hilal Arslantas, Cettina Vicenzino, Christian Verlag (2011)
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Annick Payne

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

Erinnert ihr euch an Kinderbücher, in denen der Held ein magisches Buch findet, aufschlägt, hineinklettert und in die Geschichte einsteigt? Den Trick würde ich liebend gerne anwenden und “echt türkisch” mit der Familie Arslantaş in ihr Heimatdorf bei Sivas reisen – die Bilder der Menschen, Landschaften und Leckereien sind so schön, ach, ich wäre zu gern dabei. Da meine magischen Fähigkeiten leider gegen Null tendieren, bleibt mir nur, mich mit dem Buch in meinen Lieblingssessel zurückzuziehen und beim Schmökern gedanklich nach Zentralanatolien zu reisen. Ich komme bis zum letzten Kapitel, dort reicht ein Blick auf die Fotos des Zebrakuchens und ich springe auf, um dieses Bauhausgebäck mit seinen attraktiven Ringen nachzubacken – und zwar sofort!

Die eindrucksvollen, abwechslungsreichen Fotografien von Cettina Vicenzo wecken Emotionen, der Leser gerät geradezu in den Bann der türkischen Großfamilie, der wir beim Kochen, essen und feiern über die Schulter schauen dürfen. Man ist so unmittelbar dabei, dass ich fast meine, die Gastfreundschaft erfordere es, dass ich demnächst Familie Arslantaş zu mir zum Essen einlade. Doch wie steht es mit den Rezepten? Latife Arslantaş teilt ihre Familienrezepte in folgenden Kapiteln mit uns: Suppen & Salate; Hochzeit; Brot & salziges Gebäck; Picknick am Fluss; Gemüse; Ramadanfest; Hülsenfrüchte, Reis & Bulgur; Fleischgerichte; Opferfest; Süßes. Es handelt sich dabei um solide Hausmannskost im besten Sinne: einfache Zubereitung und eher wenige, aber frische Zutaten. Geschmacksträger sind oft Paprika- bzw. Tomatenmark, gegessen wird viel Gemüse und verhältnismäßig kleine Mengen an Fleisch. Vieles scheint mir sehr alltagstauglich, lediglich einige Teigrezepte sind aufwendiger. Wer gerne mit Hefeteig arbeit, wird sicherlich voll auf seine Kosten kommen.

Köfte, Pilav, Blätterteigröllchen, Börek, gefüllte Weinblätter, Baklava, Döner, Kebab gehören zu den bekannteren türkischen Gerichten, aber es gibt noch eine ganze Welt jenseits dieser Klassiker. Begeistert haben mich Hochzeitssuppe, Pizzafladen und Hackfleischeintopf, und die Liste der Rezepte, die ich noch ausprobieren will, ist lang. Auf die Joghurtsuppe aus Erzincan bin ich gespannt, die Kartoffelsuppe kommt sicherlich auch noch dran. Rosenmarmelade und Apfelhörnchen, wie könnte ich da widerstehen? Ob süßer Spinatkuchen wohl eine Offenbarung oder einfach nur verrückt ist? Vermutlich werde ich es ausprobieren. Nur ein einziges Rezept reizt mich nicht, die Kuttelsuppe.

“Echt türkisch!” ist mit Abstand das netteste Buch zur türkischen Küche, das ich kenne. Man wird so unmittelbar an die Gerichte herangeführt, dass gar nicht erst ein Gefühl von Fremdhaftigkeit, die es zu überbrücken gälte, aufkommen kann. Und so würde ich dieses Buch keineswegs nur Liebhabern orientalischer Genüsse empfehlen. Soweit ich es beurteilen kann, ist die türkische Küche der Familie Arslantaş authentisch, aber das heißt nicht, dass alle Gerichte bemerkenswert exotisch sind. Neben Gerichten, die wir eindeutig mit der Türkei verbinden, gibt es auch andere, die sich nahtlos in viele kulinarische Traditionen einfügen würden, z.B. Kartoffelsalat, Hackfleischeintopf, Milchreis, Hagebuttenmarmelade.

Ich möchte dieses Buch insbesondere denjenigen ans Herz legen, die sich vielleicht beim Kochen manchmal nicht genug zutrauen. Bei Frau Arslantaş können wir uns die Handgriffe und Kniffe traditionellen Kochens abschauen, die bei uns so langsam in Vergessenheit geraten. Folgt man den Rezeptanleitungen in diesem Band, kann man mit einem guten Ergebnis rechnen, mir gefällt aber auch, dass die Rezepte nicht übermäßig dogmatisch daherkommen. Mit etwas Übung lassen sich daraus auch eigene, neue Rezepte entwickeln, in jedem Fall aber zeigt uns Latife Arslantaş, dass es einfach nicht nötig ist, auf gewisse Fertigprodukte zurückzugreifen. Die Hochzeitssuppe ist ein gutes Beispiel: ein Bauschema für eine leckere, herzhafte Suppe, die erst einmal aus Wasser und ein wenig Salz besteht. Fast alle übrigen Zutaten stammen aus dem Küchenschrank und lassen sich nach Vorratshaltung und Laune austauschen – sollte die Suppe ihren türkischen Charakter einbüßen, so bleibt sie wenigstens “echt”.

Fazit: ein wunderschönes Kochbuch für Liebhaber der echten (und) türkischen Küche.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im September 2011

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