Kochbuch von Kylie Kwong: China

Kochbuch von Kylie Kwong: China ★★★★☆

China – Die 88 Köstlichkeiten
Kylie Kwong, Fotograf S. Griffiths, Christian Verlag (2009)
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Katharina Höhnk

Von

Vier Sterne: Ein Kochbuch, das zufrieden macht.

„Bin ich Australierin oder Chinesin?“, fragt sich die Kochbuchautorin Kylie Kwong. In Sydney aufgewachsen ist sie Mitglied der größten chinesischen Einwandererfamilie Australiens. Es war Kwongs Urgroßvater, der 1875 sein Land für die Goldsuche verließ, um seine vier Frauen und 24 Kinder zu ernähren. Heute besteht die inzwischen auf fünf Generationen gewachsene Familie aus 1200 Mitgliedern. Die agile Kylie Kwong ist eine von ihnen. Ihren Zwiespalt der kulturellen Heimat hat sie auf kulinarische Weise gelöst. Sie ist Vermittlerin der chinesischen Küche geworden und bietet den Australiern eine Version, die heimische Zutaten und Essgewohnheiten berücksichtigt – mit viel Erfolg!

Ihr Buch China – Die 88 Köstlichkeiten, das 2007 auf Englisch erschienen ist, hat nun der Christian Verlag ins Deutsche übersetzen lassen. Es ist vor allem ein persönlicher Reisebericht mit kulinarischen Aspekten. Neben 88 Rezepten erzählt Kylie Kwong von der Chinareise zu ihren Wurzeln und zu ihrer Frage der Zugehörigkeit. „Obwohl es in diesem Buch vornehmlich um Reiseerfahrung geht – um gewaltige Städte und abgelegene und exotische Dörfer, soll es doch auch eine andere Art der Reise beschreiben, die das komplexe Flechtwerk von Erbe, Familie, Identität, Kultur, Gedächtnis und Verbindung entwirrt, eine Reise, die unser Leben bereichert, egal wo wir herkommen oder wo wir uns gerade befinden.“ Die zehn Stationen ihrer Reise, angefangen im Heimatdorf ihres Großvaters über Tibet bis nach Hongkong, spiegeln sich in den zehn Kapiteln des Buches. Neben einer jeweils kurzen historischen Einführung zu den Orten stehen die Menschen und der kulinarische Alltag im Mittelpunkt, zufällige Begegnungen und Gastgeber, die – zum Glück – keinen Funken Prominenz aufweisen.

Kylie KwongMan könnte ihrem Bericht einen Funken Schlichtheit vorwerfen, aber mir gefiel er gerade deshalb. Zum einen ist es erfrischend, nur am Rande über die Politik und Probleme Chinas zu lesen, sondern vor allem über die Lebenslust der Chinesen. Außerdem überzeugen mich Kylie Kwongs Worte mit ihrer Authentizität. Dabei sein, sich begeistern und auf die Menschen zugehen – das denkt die Autorin nicht nur, sondern macht es und schreibt darüber. Auch wenn in ihren spontanen Ideen das Risiko der Peinlichkeit liegt, wie z. B. ihre Sehnsucht selbst zu kochen. Sie gipfelt darin, dass ein Straßenverkäufer in Shanghai ihr nicht ganz freiwillig seinen Stand überlässt – mit wenig Begeisterung. Im Anblick betretener Freunde und amüsierter Schaulustiger begibt sie sich – glücklich am Herd zu stehen – in eine öffentliche Prüfung, ob sie genauso gut kocht wie der Eigentümer. Einen Moment ist nicht ganz klar, welche Richtung die Situation nimmt, aber schließlich löst sie sich in beidseitiger Erheiterung auf.

Bei aller Begeisterung schweigt Kylie Kwong nicht über Dinge, die ihr missfallen. Ein Beispiel ist das Thema Glutamat. Die Häufigkeit der Verwendung des Geschmacksverstärkers hatte sie nicht erwartet: „ … den freigiebigen Einsatz von Glutamat fand ich bedrückend. Aber wie so oft in China, wenn ich tiefer bohrte, um den Grund herauszufinden, wurden meine Erwartungen durcheinander gewirbelt. … Leider ist es traurige Realität, dass sich die erstickende Luftverschmutzung in China unausweichlich auf jeden Teil der Nahrungskette auswirkt.“

Kylie KwongDie 88 Rezepte sind eine Einladung, denn Zutaten und Zubereitung sind keine Hürden. Wer das Buch kauft, kann in dem nächsten Asia-Shop Folgendes in seinen Einkaufskorb legen: Ingwer, Shao-Xing-Wein, braunen Reisessig, Sesamöl, Erdnussöl, Sojasauce und braunen Zucker. Die Ingredienzien sind für fast jedes Rezept erforderlich, leider. Das ergibt ein etwas einseitiges Geschmackserlebnis, so köstlich einzelne Rezepte auch sind. Hier hätte sie mehr variieren können. (Der Vorteil ist, dass der Koch mit dem Einkauf für immer gewappnet ist.) Gelungen ist die Zusammenstellung der vielen „Rezeptstrecken“. Kylie Kwong hat immer eine typisch chinesische Mahlzeit, bestehend aus drei bis vier Gerichten, zusammengestellt.

Die Gestaltung lässt dafür keine Wünsche übrig: China – Die 88 Köstlichkeiten ist ein schönes Buch. Einen Teil der Lebendigkeit zieht die Geschichte aus der reichen Bebilderung. (Hätte der Verlag hinsichtlich Druckqualität und Papier noch mehr Pracht gewollt, was die Fotos hergegeben hätten, wäre der Buchpreis wohl deutlich höher ausgefallen.)

Kylie Kwongs China – Die 88 Köstlichkeiten ist vor allem ein prächtiger China-Reisebericht MIT Rezepten. Ihr Interesse gilt den Menschen, ihrem Alltag und dem regionalen Kochen in der Familie. Nicht strukturierte Information und analytische Vorstellung einer Kochkultur ist zu erwarten, sondern eine lebendige und persönliche Dokumentation von Erlebnissen. Die Rezepte sind so, wie ein Homecook es sich wünscht: einfache Zutaten und Zubereitung, wenn auch etwas einseitig hinsichtlich der Gewürze. Kylie Kwongs Buch wurde bei den Gourmand Cookbook Awards 2008 in der Kategorie Best Chinese Cuisine Book und Best Culinary Travel Guide ausgezeichnet.

Nachgekochte Rezepte

Veröffentlicht im Mai 2009

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